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TOCOTRONIC - Klassik-Rock!

Tocotronic sind eine der wenigen deutschsprachigen Formationen, die in der Presse fast ausschließlich positiv rezensiert wurden. Kommerziell blieb der große Durchbruch bisher versagt. Nun hat sich das Quartett mit der Gitarre in der Hand und dem Lorbeerkranz auf der Stirn tief in die Unterwelt begeben, und ist auf allerschönste Weise zurückgekehrt...

„Pure Vernunft darf niemals siegen“ verkündeten Tocotronic bereits im Titel des vorherigen, insgesamt siebten Studioalbums. Erstmals mit Rick McPhail (Gitarre) als Ergänzung zu den Stammkräften Dirk von Lowtzow (Worte), Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug), sollte besagtes Werk der letzte reguläre Longplayer („The Best of Tocotronic“ bildete definitiv den Abschluss) für das „alte“ Label sein. Nun steht „Kapitulation“ in den Regalen. Neben dem Titelsong finden sich darauf Tracks wie „Mein Ruin“, „Wehrlos“ und „Harmonie ist eine Strategie“. Die Westzeit traf die vier Musiker im Hamburger Studio von McPhail, um dieses neue Werk zu diskutieren. Während Zank und Müller sich kurzfristig anderen Gesprächspartnern zuwenden mußten, positionierten sich von Lowtzow und McPhail um einen Tisch, um dem WZ-Autoren verbal dezidiert die Entstehungsgeschichte zu erläutern.

Obwohl es sich subjektiv so deuten lassen könnte, behandelt „Kapitulation“ primär nicht das Thema `Trennung´ (weder von privaten Beziehungen noch jener vom Label). Dirk von Lowtzow (L): „Ich glaube, diese Einschätzung liegt an deiner persönlichen Stimmung. Und das ist gut! So funktioniert ja auch Musik. Man kann sie sich aneignen, als Hörer. Für uns hat das jetzt mit Trennung nicht besonders viel zu tun. Wir machen auch keine Stücke über Plattenfirmen, dass wäre zu biographistisch.“ Rick McPhail (M): „ Es war Zufall. Die Stücke entstanden bereits vor der Trennung von Lado.“ Von Lowtzow hebt die simple Bedeutung der Titel am einfachen Beispiel des `openers´ hervor: „`Mein Ruin´ ist einfach ein Lied. Es geht um die Gesetze des Untergangs, des Ruins, darum, eine sehr energetische, krachige Rockmusik mit einem chansonhaftigen Text zu kontrastieren. Es ist der letzte Vorhang, die Schmincke verläuft, ein Yves-Saint-Laurent-Kleid. Ähnlich verhält es sich mit `Kapitulation´. Es sind alles so schöne Worte!“ Von Lowtzow erklärt, es handele sich schließlich nicht um einen Roman, sondern um Lyrik. Und diese hält die Stücke zusammen.
Der Song „Wehrlos“ hat aufgrund der Instrumentierung gar internationalen Charakter. L. „`Wehrlos´ ist schon... wertungsfrei kann man sagen, ein Klassiker, soetwas wie ein Welthit. Es war auch in dem Bewußtsein geschrieben. Das klingt jetzt mehr großkotzig, als ich es meine. Weil es tatsächlich nicht wertend von mir gemeint ist. Es kann ja auch Welthits geben, die total beschissen sind. Es ist angelegt wie `Heart of Gold´ von Neil Young. Das ist jetzt schon ein `evergreen´!“ Der deutsche Text zieht den Song allerdings eher in eine andere Richtung. Von Lowtzow (lebt seit circa 4 Jahren in Berlin): „Dieses einrubriziert werden in `Hamburger Schule´, oder soetwas, hat uns schon lange nicht besonders interessiert. Vor allem, weil der Begriff, der ja ganz lustig war, wie auch `Frankfurter Schule´mit Adorno, später nur noch regionalistisch verwendet wurde und auch darin mit erfasst hat, dass etwas in Hamburg produziert wurde, oder dass die Band in Hamburg lebt. Dieser Begriff, der eigentlich meint, dass da eine Rockmusik entsteht, die mit einem sehr starken theoretischen Überbau daher kommt, die sehr stark ausgerichtet ist im Interesse zur Kunst und Politik, wurde nur noch regionalistisch gedeutet. Ab da wurde es dann arg blöd, der Begriff hatte sich ins negative gekehrt. Regionalismen sind schrecklich!“ M: „`Wehrlos´ ist sehr von klassischer Rockmusik beeinflusst. Es ist Klassik-Rock! Das ist auch die Musik von Tocotronic, sonst würde ich nicht mitspielen!“ L: „Wir hatten uns wieder vermehrt für eine `distorte´ Ästhetik interessiert. Bei der Platte ging es uns um das Eruptive, um verzerrte Sounds, wie sie auch `Godfather´ Neil Young & Crazy Horse spielen. Es kam gut, soetwas wieder zuzulassen. Wir hatten das schon bei den ersten drei Alben, als Rick noch gar nicht dabei war. Es hat uns interessiert, ein Rockalbum zu machen, dass ohne diese typische `Macho-Art´ auskommt!“ Diesen Versuch darf man als gelungen bezeichnen!
Aktuelles Album: Kapitulation (Universal) VÖ: 06.07.
Weitere Infos: www.tocotronic.de
© 01. Juli 2007  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
Juli 2007

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