interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
GOGOL BORDELLO - Clash Of Cultures

Tja, wer hätte gedacht, dass Tschernobyl die Welt bunter gemacht hat?? Von irgendwelchen Genmutationen mal abgesehen ist hier von Gogol Bordello die Rede. Hmmm, who the fuck is Gogol Bordello and what the fuck hat das mit Tschernobyl zu tun? Wie viele ungewöhnliche Geschichten fängt auch diese in den Karpaten an: Als 1986 Block 4 in die Luft flog und die Welt in die größte Umweltkatastrophe des Jahrhunderts stürzte, wurde Eugene mitsamt seiner Familie in die Karpaten evakuiert. Dort lernte er die Sippe seiner Mutter kennen und siehe da, es handelte sich um Roma. Das hatte ihm bis dato niemand gesagt, aber er war sofort Feuer und Flamme für die Musik, die dort allgegenwärtig war.

Ein Punk war er schon vorher gewesen, einer der Wahnsinnigen, die in in einem Wäldchen nahe bei Kiew mit Tapes der Einstürzenden Neubauten handelte. Die logische Konsequenz aus dieser Allianz würde irgendwann Gypsie Punk heißen und die Bühnen jenseits vom großen Ozean zum Beben bringen. Aber bis dahin musste noch einiges passieren. Ein Jahr Lagerfeuerromantik waren für den rastlosen Eugene mehr als genug und es begann ihn westwärts zu ziehen. Nach einigen Umwegen durch europäische Flüchtlingslager landete er schließlich in New York, der Wiege des Undergrounds, aber dafür war es leider schon zu spät. Aus Underground war Mainstream geworden und die alten Helden waren zu müden Säcken verkommen.

„Als ich in New York ankam, gab es nichts mehr, außer alternden Rocklegenden, die ihre Ruhe haben wollten. Aus diesem Frust heraus ist unsere Musik entstanden. Wir wollten eine neue Untergrundszene anschieben, wie wir sie uns immer vorgestellt hatten. Ich glaube, das ist uns gelungen.“

Gogol Bordello sind ein wild zusammengewürfelter Haufen aus Musikern unterschiedlichster Nationen, neben Exilrussen und Ukrainern tummelt sich dort noch ein Äthiopier, ein Thai-Amerikaner und ein halb chinesischer Schotte. Und ähnlich bunt und exzessiv gestalten sich auch ihre Songs: Serbische, kroatische und russische Refrains, werden als Sprachtupfer in ein Gemisch aus Polka-Gepolter schaurig-schönen Volksweisen und rohem Punkrockgeschrengel geschmettert. Eugene Hütz hat einen Akzent, der selbst die englischen Textpassagen russisch klingen lässt.

Die osteuropäischen Immigranten lieben sie für das Gefühl von Heimat, das die Combo ihnen vermittelt, während die Amerikaner der Bessenheit des Balkans erliegen und für einen Moment in die Tiefe einer Kultur eintauchen können, die an Farbenpracht, Leidenschaft und Absonderlichkeit alle anderen in den Schatten stellt und sie in einen bis dahin unbekannten Sumpf aus Wodka, uralten Legenden und Aberglauben hinabzieht. Man fühlt sich auf einen Jahrmarkt irgendwo in der russischen Provinz irgendwann um die Jahrhundertwende versetzt, die vorletzte natürlich!! Das fand auch MTV und traten an die Anarchotruppe mit dem Anliegen heran, ihre Musik für eine Zirkusshow zur Verfügung zu stelllen, weil sie irgendwie zirkusmäßig klingen würden. Eugene lehnte empört ab.

„Wir haben nichts mit mit dieser Attitude von albernen Kunststückchen zu tun. Wir sind herausfordernder und aggressiver, mal ganz davon abgesehen, dass ich für Zirkus nicht das geringste übrig habe. Mein Onkel in der Ukraine ist Akrobat und ich war als Kind oft dort und es hat mich immer deprimiert, wie brutal es hinter den Kulissen zuging. Man meint immer, dass die Sklaverei mittlerweile abgeschafft ist, was aber nicht stimmt... Zirkus ist zwar nicht die furchtbarste Form - man denke nur an Sex-Tourismus - aber nichtsdestotrotz ist es nichts, für das ich unsere Musik hergeben möchte.“

Das Mastermind von Gogol Bordello ist vielleicht nicht gerade bescheiden in seiner Selbstdarstellung, aber er hat sich ein gutes Stück Idealismus bewahrt. Die Tierschutzorganisation PETA bekam Wind von dieser Abfuhr und gewann ihn für eine Anti-Zirkus-Kampagne.

Kein Interesse an schnellem Geld und Rampenlicht??

„Diese Mentalitatität, möglichst schnell, möglichst viel Geld zu machen ist das schlimmste Gift überhaupt. Wenn sich jemand derart selbst ficken will, soll er gefälligst auch zu seinen eigenen Shows gehen.“

Diese Attitude leistet man sich, eckt an und wird prompt zu Madonnas Lieblingsband. Die schleifte Ehemann Guy Ritchie in Camdens Electric Ballroom, um sich das Gypsie Punk Ensemble anzugucken und verpflichtete Eugene in ihrem Regiedebut ‚Filth and Wisdom‘ mitzuwirken, der ohne zu Zögern unterschrieb.

Und die Moral von der Geschicht‘...Bleibt authentisch und lebt wie es euch gefällt. Oder wie sagt der Ami so schön: Stick to your guns!

Aktuelles Album:

Super Taranta! (SideOneDummy/Cargo)
© 01. Juli 2007  WESTZEIT ||| Text: Micky Repkow
Juli 2007

Links

suche