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WIR SIND HELDEN - Panische Zeiten?

Intelligent-witzige Texte sind seit jeher ein Markenzeichen von Wir Sind Helden. Musikalisch hat sich auf dem dritten Album „Soundso“ einiges geändert. Glam-Gitarren und virtuelle Orchester untermalen (zum Teil) die neuen lyrischen Kapriolen des Quartetts aus Berlin-Hamburg-Hannover. Die Westzeit diskutierte an unterschiedlichen Tagen mit Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette über die Musik, politische Ambitionen und ein Stück Lebensphilosophie. Heraus kam ein sehr persönliches Porträt von Menschen, die dem Glamour des Showbiz widerstehen und das familiäre Leben bevorzugen.

Kürzlich ging die Meldung durch den Blätterwald, Sängerin Judith Holofernes (30) sei der Gang über `den roten Teppich´ zuwider, sie fühle sich dann ´wie durch die Waschanlage gezogen´. ´Auf der Straße´ wird allerdings ihr Lebensgefährte Pola Roy (31; Drums) öfter erkannt als die anderen Helden. Jean-Michel Tourette (31):

„Es wundert mich immer wieder, aber der am meisten erkannte Musiker bei uns ist Pola. Er ist derjenige, der teilweise sogar, wenn Judith dabei ist, oder wir alle zusammen unterwegs sind, als erster angesprochen wird. Wenn mich jemand erkennt, als Keyboarder / Gitarristen, freue ich mich, obwohl uneitel, weil die Band dann zumindest bei demjenigen nicht nur auf eine Person reduziert wird.“

Judith und Pola sehen das sicher ähnlich. Zur Geburt ihres gemeinsamen Kindes wünschten sie sich, dieses Thema in der Presse nicht zu kommunizieren. Tourette liegt die Familie ebenfalls sehr am Herzen.

„Ich lebe in Hannover nicht gerade am Nabel der Musikwelt, d.h. ich muss oft von zuhause weg. Bei all den tollen Sachen, die unser Beruf mit sich bringt, ist es immer wieder schwer, in Hotels oder im Bus zu pennen. Mir ist meine Heimatstadt, wo ich das Gefühl habe, zuhause zu sein, sehr wichtig. Einen Teil davon nehme ich immer mit, packe meine Frau oft ein, wenn es geht. Aber man kann nicht den ganzen Freundeskreis, wohlmöglich die ganze Wohnung einpacken. Es ist ein Klischee, Bands sind immer auf Tour und können keine Beziehungen halten. Das ist Quatsch!“

Mark Tavassol (33) kam gar etwas zu spät zum Interview. Am Tag vor einem Interview-Marathon in Berlin hatte er seine derzeit knapp bemessene Zeit am Wohnort in Hamburg genutzt, um die Freundin von der Arbeit abzuholen, und darüber die Zeit vergessen.

Denn Wir Sind Helden haben sehr viel administrative Arbeit zu erledigen, sie beschäftigen, so Tavassol, kein Management, „um das Heft in der Hand zu behalten.“ Der Song „(Ode) An die Arbeit“ nähert sich dem Thema auf humorvolle Art. Tavassol: „Augenzwinkernd haben wir ein Thema aufgegriffen, um mit einer Frage stehen zu bleiben. Man setzt sich auseinander mit der Frage, was man macht. Ob man arbeitet. Das gilt für viele Berufe. Interessant wird es für den Künstler, der erfolgreich wird. Es gibt die berechtigte Frage, ob man überbezahlt ist, z.B. dadurch, dass man viel Freude verspürt bei der Arbeit. Arbeitet man dann wirklich? Man kann sagen, Kalorienverbrauch ist Arbeit. Oder - Kalorienverbrauch abzüglich Freude ist Arbeit. Ist Arbeit definitiv etwas, dass keinen Spaß macht? Als krasser Gegensatz oder als Demarkierung der Freizeit, dass sich dadurch definiert, dass es keine Freude macht? Trotzdem ist es so, dass sich viele Leute über die Arbeit definieren. Der Song legt das Thema einmal naiv, einmal besserwisserisch den Sprechern Judith & Jean in den Mund. Judith tut, als würde sie alles wissen. Jean, als würde er nichts wissen. Damit sind die Grenzen des Möglichen abgesteckt, wissen kann man es gar nicht!“ Tourette fügt tags drauf hinzu, dass es die einzige Lösung ist, sich dem Thema auf einer humoristischen Ebene zu nähern.

„Das es mich für dieses Duett getroffen hat, liegt daran, dass die Zeile ` Und die Lilien auf dem Feld haben:Keine Arbeit; Na ja, aber Sie haben kein Ziel, Jens, haben kein Geld´ meinen richtigen Namen enthält. Da war es um mich geschehen, ich durfte den etwas schlichten Charakter des Unwissenden spielen!“

Also „Endlich ein Grund zur Panik“?

“Nein! Lediglich der Titel der neuen Single! Es war Judiths Idee, dass dazugehörige Video einem Trashfilm nachzuempfinden. So wurden einige Szenen aus einem Trashfilm gekauft.”

Den Titel des Films erinnert Tavassol nicht genau.

“Es war ein Japan- oder Korea-Trashfilm aus den 50er Jahren namens ´Return´ oder ´Invasion of the Neptun man´.“

Die Instrumentierung ist ebenfalls bombastisch, es scheint, als würde ein Orchester musizieren.

Tourette: „Das Orchester ist natürlich gar keins, sondern eine seelenlose, schmutzige kleine Plastikkiste!“

Der Titelsong „Soundso“ besticht durch einen Glam-Gitarrensound.

Tourette: „Dieses Lied hat so sich viel pompöser entwickelt, als wir ursprünglich vorhatten. Es hat uns sehr gefreut, dass ein relativ pompöses Arrangement und der absolute C-Teil sich so anfühlen, dass es nicht nur ein Witz, eine Parodie ist, sondern wirklich die Musik, die wir so machen wollten. Ich habe ein Herz für Kitsch! Dies ist eine Sache, die wir uns zum zweiten Album noch nicht getraut hätten.“

Komponiert hat den Song Tavassol. Eigentlich.

„Es ist oft so, dass Teile durch den Text von Judith dazu kommen. Dann ist das mit dem alleine auch revidiert. Ich komponiere an Gitarre & Klavier, habe eigentlich auch Geige gelernt. Der Bass ist für mich das,was ich in einer Band spiele, seit ich 15 bin. Als ich 12, 13 war, hat mein Bruder, damals 15, sich eine Gitarre gewünscht. Weil ich nicht das Gleiche machen wollte, habe ich auf einen Bass gespart.“

Dieses Instrument spielt er gerne, besonders live. „Aber generell macht es mir hauptsächlich Spaß, an der Musik, an der Produktion mitzuwirken, ein Arrangement zu machen.“

Gleichzeitig engagiert er sich politisch, wie die gesamte Band. Wir Sind Helden sind auf dem „Move Against G8“-Sampler vertreten, und sie spielen in Heiligendamm.

„Diese gesamte Globalisierungsfrage und Globalisierungsgegner/-kritiker, alles ist irgendwie ein bunter Blumenstrauß an Meinungen, ein sehr zerstrittener Haufen mit unterschiedlichen Interessen! Man verliert als Künstler schnell die Lust, sich in einem etwas unübersichtlichem Feld auch noch zu Wort zu melden. Auf der anderen Seite lassen wir uns nicht davon abhalten, uns an diesem Konzert zu beteiligen, an dieser Gegenveranstaltung zum G8. Weil unsere einfache Überlegung ist, dass wir durch unsere Präsenz auf jeden Fall einen Beitrag leisten können bei einer Veranstaltung, die ganz deutlich G8 assoziiert ist, dass eine Aufmerksamkeit, die meinetwegen groß ist, vielleicht noch größer werden kann. Um Leute zu erreichen, die sich nicht dafür interessieren, damit sie sich erstmalig mit der Frage ´Was ist da eigentlich los? Was heißt G8?´ auseinandersetzen, um so mehr Menschlichkeit durch Aufmerksamkeit zu erreichen!“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Aktuelles Alum: Soundso (Labels)
Weitere Infos: www.wirsindhelden.de
© 03. Juni 2007  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
Juni 2007

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