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TURBONEGRO - Die Größten im Underground

„Ich war mal mit meiner alten Band auf der Autobahn unterwegs. Wir waren irgendwo in Deutschland, auf dem Rückweg nach Norwegen. Ich habe ein Turbonegro Album reingeschmissen und nach der Hälfte des ersten Liedes haben wir gesagt Halt! Wir müssen uns erstmal Bier besorgen. Wann immer man neue Turbonegro-Lieder hört, braucht man ein Sixpack.“ Euroboy ist inzwischen Lead-Gitarrist von Turbonegro, und was er sagt, klingt wie schon 1000 Mal gehört: Party, Saufen, Rock’n’Roll. Euroboys Welt ist klischeehaft. Das geht aber auch gar nicht anders, denn er lebt in der Turbonegro-Welt. Und die ist nun mal so.
Auch mit ihrem neuen Album Retox bleibt die Band sich und ihrem Stil treu. Keine Experimente, der Sound ist die gewohnte Mischung aus Punk und Hardrock. Der Albumtitel ist Programm:

„Retox ist das Gegenteil von Detox, also der Entgiftung des Körpers. Wir sagen damit unseren Fans besauft euch, überlasst euch euren primitiven Instinkten, das tut euch gut, denn danach wird es euch besser gehen. Das ist Turbonegros Botschaft.“

Diese Botschaft erscheint bereits zum achten Mal auf einem Studioalbum. Ist das Ausdruck bewusster Fortschrittsverweigerung oder schlicht das Unvermögen, auch mal neue Wege zu beschreiten?

„Die Leute erwarten einen bestimmten Sound von Turbo. Die Frage ist: Wie kann man einerseits erkennbar sein und sich als Band trotzdem weiterentwickeln? Als Gitarrist würde ich manchmal gern progressiver sein. Aber dann kommt Happy-Tom als Gründungsmitglied der Band und sagt: Stopp, hier geht's lang, das ist sonst nicht mehr Turbonegro! Und diese beiden Richtungen sind sehr gesund für die Band.“

Zweifelsohne, denn die Norweger haben es mit ihrem Konzept geschafft, sich einen gewissen Status zu erspielen. So sind sie mittlerweile wahlweise zur größten Underground-Band der Welt oder zur kleinsten Mainstream-Combo geworden.

Turbonegros Auftreten ist angelehnt an den Stadionrock der 70er Jahre. Geschminkt und in Kostümen sehen Euroboy, Hank Von Helvete, Happy-Tom, Rune Rebellion, Pal Pot Pamparius und Chris Summers aus, als hätten Alice Cooper und die Village People zu lange Clockwork Orange geguckt. Pyrotechnik und Posing sind keine Fremdwörter für die Band und bei Sell Your Body To The Night regnet es Turbonegro-Zillion-Dollar-Noten ins Publikum. Trotz des ganzen Drumherums nennen sie als Einflüsse Punk-Größen wie Black Flag, Circle Jerks und die Ramones. Ein Widerspruch?

„Wir haben die Stadionrock-Elemente in den Punkrock gebracht. Schon früher, in den dreckigsten kleinen Clubs. Klar haben wir dem Punkrock damit irgendwie gesagt Fuck You! Aber gerade das ist doch Punkrock: provozieren und herausfordern. Dann wurden wir bekannter und waren auf einmal wirklich eine Stadionrock-Band. Das ist schon sehr ironisch. Vielleicht haben wir es auch ein bisschen übertrieben, aber mit dem neuen Album und der neuen Tour versuchen wir unseren Weg nach Haus zurückzufinden.“

Zwischen Mainstream und Underground, Progressivität und Wurzeltreue, Show und Glaubwürdigkeit – das ist der Grat auf dem sich Turbonegro bewegen. Und der ist schmal, denn mit dem Erfolg wenden sich viele alte Fans ab. Euroboy sieht’s nüchtern:

„Das ist wohl immer so. Aber am Ende geht es darum, in diesem Geschäft zu überleben.“

Konsequenterweise erscheint das neue Album dann auch nicht mehr bei kleinen Labels wie Burning Heart oder Bitzcore, sondern bei Edel Records. Trotz alledem betont Euroboy die Underdog-Attitüde seiner Band:

„Als wir in Los Angeles – dem Zuhause der Musikindustrie der westlichen Welt – waren, haben wir da drei Sold-Out-Shows gespielt. 1500 Leute jeden Abend. Wir wissen, dass ein großer Plattenboss da war. Und glaubst Du, die haben uns unter Vertrag genommen? Nein! Für die verkaufen wir einfach nicht genug Platten. Deshalb sind wir Underground!“

Also doch nicht die kleinste Mainstream-Band der Welt?

„Wir sind lieber die größte Underground-Band. Es ist immer besser, in irgendwas die Größten zu sein.“

Aktuelles Album: Retox (Edel) VÖ: 15.06.
© 01. Juni 2007  WESTZEIT ||| Text: Claas Weinmann ||| Foto: Stian Anderson
Juni 2007

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