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GHOSTS - Die Geister, die das Schicksal rief

Was wäre, wenn sich damals alles ganz anders entwickelt hätte? Sicherlich wäre alles vollkommen anders, wenn das Schicksal den Spieß einfach umgedreht hätte – aber wäre dann heute alles auch gleich viel besser? Es ist das altbekannte „Was wäre, wenn…“-Problem, das es müßig macht, über potentiell besser und schlechter zu streiten oder über Vergebenes, Verlorenes und Vergangenes zu sinnieren. Man muss sich mit dem Lauf der Dinge anfreunden und damit abfinden, dass die Dinge sich so und nicht anders entwickelt haben. Ghosts Frontmann Simon Pettigrew kann viel darüber erzählen, was ihm das Schicksal schon so alles vorgesetzt und wo es ihn nun abgesetzt hat.

Geboren wurde Simon in Hongkong, zog mit seiner Familie aber als Siebenjähriger bereits ins Mutterland des Pops, zu seinen familiären und (wie sich herausstellen sollte) auch musikalischen Wurzeln. Es ging direkt nach London, wo sein Leben fortan Platz nahm. Seit dem Umzug auf die Insel war Simon schon ein paar Mal wieder in Hongkong, um Bilder aufzufrischen: „Ich erinnere mich noch an ziemlich viel aus meiner Kindheit. An die Spielplätze, die Schule, unseren Garten, die Straßen in unserer Umgebung und dieses besondere Lebensgefühl dort. Ich könnte mir sogar vorstellen, dort wieder hinzugehen und da dann auch zu leben. Vielleicht mache ich das irgendwann einfach, aber erstmal habe ich hier und jetzt noch mein Leben und meine Leidenschaft zu leben.“

Was aus ihm wohl geworden wäre, wenn er damals nicht nach London gezogen, sondern in Hongkong heranwachsen wäre?

„So etwas ist natürlich immer schwierig zu sagen“, grübelt Simon, „aber ich vermute, dass ich heute ein Busfahrer in Hongkong wäre. Dementsprechend würde ich sagen, dass es sehr viel mit mir angerichtet hat, dass ich in England und ganz speziell auch mit der Musik, die dieses Land hervorgebracht hat, aufgewachsenen bin.“

Sozialisiert also durch das britische Musikterritorium begann er als Jugendlicher Musik zu machen. Nach ersten Selbstfindungsversuchen formte er mit Freunden sein erstes nennenswertes Projekt namens Polanski. Mit einer hörbaren Keyboard- wie auch Samples-Lastigkeit war dies eine Mischung aus Radioheads „Kid A“-Ausflug, den schönen Momenten der Boards Of Canada und den seichteren Parts von Aphex Twin. Eine Mischung, der schnell Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Radiostationen spielten sie, Releases wurden geschmiedet, aber ein Problem bestand bei der ganzen Sache, die Simon und seine Mitstreiter anfänglich nicht bedachten: die Liveumsetzung.

„Wir haben dann irgendwann gemerkt, dass wir den Kram live nicht so umsetzen konnten, wie wir das wollten. Es war viel zu elektronisch, um das in einer Bandbesetzung mit natürlichen, selbst gespielten Instrumente umzusetzen.“

Deshalb gingen Polanski zurück. In den Proberaum, um dort auszuloten, wo man stand und wo es hingehen sollte. Aber was kann man mit einer traditionellen Bandbesetzung von diesem elektronisch durchsetzen Zeug umsetzen? Ihren Fokus verlegten sie sukzessive auf die großen Popmelodien und die rudimentären, natürlich umgesetzten Rhythmen, die allesamt aus einem Bandgefüge und -gefühl heraus entstehen sollten. Polanski wollten spüren, was funzt und funkt.

„Das lief dann bald ziemlich gut. Wir spielten wieder live und plötzlich war dann bei einem Showcase jeder Hans Wurst, der irgendetwas in der Musikindustrie zu entscheiden hatte, im Publikum.“

War das der Deckendurchschuss?

Nein, denn mittlerweile schlug die Uhr schon 2003, das Jahr, in dem Keane allerorts ihren großen Hype erfuhren. Dieses Trio war plötzlich the next big thing - und Polanski? Die Nummer 2. In diesem Fall der Vizekrone der britischen Popszene erhalten zu haben, ist gefühlt in etwa das gleiche, wie der Viertplatzierte bei den Olympischen Spielen oder das fünfte Rad am Wagen zu sein. Eine absolut undankbare Positionierung. Da kann sich dann natürlich schon Frust breitmachen. Frust, der der ein oder anderen Band sicher schon das Genick gebrochen hätte:

„Natürlich gab es ganz harte Phasen in dieser Zeit. Mir bedeutet das Musikmachen aber einfach zu viel, es ist meine Leidenschaft. Deshalb glaube ich, dass ich niemals aufhören könnte, Musik zu machen. Ich wüsste keinen anderen Job, in den ich so viel Herzblut von mir legen könnte.“

Simon machte sich also an die Arbeit. Die Arbeit, jene Vizeposition vergessen zu machen und sich auf eines zu konzentrieren: das Weitermachen und das Neuerfinden in und mit der Musik.

Damit war Polanski plötzlich Musikgeschichte. Denn es änderte sich etwas. Der alte Sänger ging, Simon rückte an die Front und die Synthis schob man ganz nach hinten, weil die Gitarre und das Gesamtgefühl fortan den Ton angeben sollten. Für solch eine Rundum-Erneuerung braucht man nicht nur Mut und Kraft, sondern auch noch einen neuen Namen: Ghosts. Von nun an wurde sich die Frage „Was wäre, wenn…?“ nicht mehr gestellt, sondern wurden im Hier und Jetzt die Antworten gegeben. Die Vier machten sich auf Richtung Schweden, wo der Onkel von Drummer Johnny ein kleines Landhaus besitzt. In diesem konnten sich die Geister dank der Großzügigkeit ihres Onkels und ihres neuen Publishing-Deals verschanzen, um ihrem passionierten Nine To Five-Job nachzugehen.

„Wären wir in London geblieben, hätten wir all das Geld im Pub ausgegeben, da bin ich mir ganz sicher!“

Da haben wir es schon wieder: Was wäre, wenn…

Das Ergebnis dieses Ausflugs in die Abgeschiedenheit heißt „The World Is Outside” und ist großflächig angelegter Pop geworden. Dieses (nur vermeintliche) Debütalbum ist eine Melange aus Coldplay, The Feeling, The Verve, Fleetwood Mac, Radiohead, alten Talk Talk-Zeiten und, ja genau, Keane. Seichte Melodien, leichtfüßige Hooklines, dramatisch Arrangiertes und unängstlich Pompöses trifft hier aufeinander und findet seinen Songwriter-Ursprung in der Einzelidee.

„Von einer einzigen Idee nehmen die Dinge bei uns meist ihren Lauf. Eine Akustikgitarre, ein Drumbeat, egal was es ist: solange es etwas in uns bewegt und aus sich heraus etwas entsteht, entwickelt sich ein Song für uns daraus.“

Eine Qualität, die vermutlich auch viel mit der mehr als zehnjährigen Freundschaft zu tun hat, aus der dieses Quartett sich zusammensetzt und stets stärkt. Man kennt sich, ist durch vieles gemeinsam gegangen und hat viel zusammen erlebt.

„Es ist eine dynamische Freundschaft, durch die wir uns gut ergänzen, musikalisch wie auch persönlich.“

Was wäre, wenn diese Freundschaft nicht alles zusammengehalten hätte? Es gäbe heute keine Geister. So aber hat das Schicksal sie gerufen - an diesen Ort, zu diesem Zweck und zu dieser Zeit.

Aktuelles Album: The World Is Outside (Atlantic / Warner)
© 03. Juli 2007  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: Warner Music
Juli 2007

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