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JUPITER JONES - Die Herzkammern geplündert

Von Darwinfinken und der Evolution zum aufrechten Gang: Jupiter Jones’ endlich erscheinendes zweites Album „Entweder Geht Diese Scheussliche Tapete – Oder Ich“ schreibt sich Oscar Wildes letzte Worte auf die Fahnen und entpuppt sich als die beste befindliche Standortbestimmung, die Indierock-Deutschland 2007 zu hören bekommt.
Das Feuilleton wollte es wieder einmal besser gewusst haben: „Die Trauer aber bleibt“, charakterisierte eine große deutsche Tageszeitung das Erfolgsmoment melancholischer Popmusik, „selbst wenn das Selbstmitleid der Jugend nur noch Phantomschmerz ist“. Ob damit die satte My Space-Generation hinreichend umrissen wäre, durfte dank Jupiter Jones schon seit ihrem Debüt „Raum um Raum“ endlich wieder bezweifelt werden. Das wurde nachts auf dem Bordstein zu Deinem besten Freund; dorthin sehnen sich die vier Ur-Saarländer trotz einiger Selbstreferenzen nicht: „Wir sind nicht die Emoboys, die morgens aufstehen und gleich losjammern! Das Glas ist immer halbvoll, sonst gäb es uns heute nicht“ sagt Sänger und Gitarrist Nicholas. Wer sich seine lyrischen Texte auf dem als Gegenentwurf konzipierten, aufschürfenden zweiten Album „Entweder geht diese scheussliche Tapete – Oder Ich“ genauer anhört, der darf da schonmal hin- und hergerissen sein:

„Erklärt den Kindern dieser Welt sie sollen das mit dem Wachsen lassen/Wenn’s eins gibt was hier keiner braucht sind’s noch mehr die sich selber hassen/Erklärt den Alten dass Geschichten ferner Zeiten hier nichts richten/Und uns dass wir's nicht besser haben, nur lauter und in grelleren Farben“ („Momentaufnahme Teil II“).
Nicki erklärt: „Meine Texte finde ich gar nicht allzu depressiv, vielmehr mit einer gesunden Portion Realismus versehen. Die Durchhalteparolen, die wir uns schon immer auf die Fahnen geschrieben haben, die haben wir behalten. Nur war es jetzt nicht an der Zeit, „Zurück ins Licht, der Sonne entgegen“ zu singen. Im Endeffekt wissen wir natürlich, dass das ein sehr vernünftiger Lebensentwurf ist.“
Jupiter Jones sind schon länger erwachsen: Nicki und Basser Klaus sind Mitte 20, Gitarrist Sascha und Drummer Hont beide Anfang 30, haben seit ihrer Gründung 2003 „in jeder Milchkanne“ gespielt – doch kieloberst hält nicht immer an. Nach zwei privaten Schicksalsschlägen vor über einem Jahr und einer unglücklichen Bekannschaft mit den Ausbeutungsstrategien der Musikbranche rettete Jupiter Jones im Februar dieses Jahres nur die tiefsitzende Leidenschaft, jede Menge Herzblut und das eigene reanimierte Kleinstlabel. Allein die Entscheidung, das bereits seit Sommer fertige Album doch auf „Mathildas“ zu veröffentlichen, sei ein Befreiungsschlag gewesen. Sascha wagt schon vor VÖ eine erste Bilanz: „Das musste raus! Ich bin unglaublich froh, dass wir diesen anderen Vertrag nicht unterschrieben haben. Wir sind in einer viel besseren Position. Kohlemäßig stehen wir ziemlich in der Kreide, aber wenn wir soviele Alben wie von „Raum Um Raum“ verkaufen, dann sind wir die glücklichsten Menschen der Welt! Nach dem letzten Jahr glaube ich aber nur noch an die Zahlen, an schwarz auf weiß.“ Hier geht’s nicht um die Charts, sondern ums Überleben.
Deutschsprachiger Punkrock steht auch Dank Muff Potters Major-Präsenz seit geraumer Zeit alles andere als im schlechten Licht. Gute Chancen für Jupiter Jones also, mit ihrem neuen Dutzend in eine Kerbe zu hauen. Magengruben-Hymnen wie „Land In Sicht“, das mit Ingo Donot eingesungene „Im Januar, Im Schlaf“, die pragmatische Single „Wir sind ja schließlich nicht Metallica“, die bessere Produktion, die unkitschige Offenheit zum Pop – all das kratzt, knallt, sitzt, geht nahe. Ausgiebig gelebte Emotionen mit letztendlichem Optimismus: „Immer muss es weitergehn mein Freund“ singen Jupiter Jones und bringen Dich und sich damit nach Hause. Wenn irgendwas gut ist, dann das hier!
Weitere Infos: http://www.jupiter-jones.de/
© 01. Juli 2007  WESTZEIT ||| Text: Fabian Soethof
Juli 2007

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