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VON BRÜCKEN - Meine alte Band, die neue und ich

Nicholas Müller hat es gewagt. Nach seinem Zusammenbruch vor gut einem Jahr zog er sich von allen Aktivitäten zurück, quittierte den Dienst als Sänger von Jupiter Jones und drückte den Reset-Knopf. Eine Entscheidung, die waghalsig, notwendig als auch mutig zugleich war und zeigt, dass Leidenschaft im Leben manchmal auch Leiden schafft. „Es lief alles auf Augenhöhe ab und keinerlei böses Blut floss nach meiner Entscheidung“, blickt er heute auf die Geschehnisse zurück und scheint mit der neuen Band Von Brücken die Schatten der Vergangenheit keineswegs abstreifen zu wollen – diese gehören dazu und so sucht das Debüt ´Weit Weg Von Fertig´ nicht die Perfektion an sich, sondern den Moment, der jeden Musiker komplett ausfüllt: Mit sich und seinem Songwriting im Reinen zu sein. Was leichter gesagt als getan ist und zuvor jede Menge Durchhaltevermögen von allen Beteiligten erforderte.

Die Szenerie wirkt, als habe Nicholas Müller noch nie etwas anderes gemacht. Am Interviewtag in Berlin sitzt er super entspannt auf dem Sofa neben den Journalisten und bittet vor dem Gespräch noch um eine letzte Zigarette: „Darf man hier drin überhaupt rauchen?“

Eigentlich nicht, er macht es trotzdem und irgendwie zeigt diese alltägliche Situation sehr schön, was mit dem ehemaligen Jupiter Jones-Frontmann seit seinem Ausstieg 2014 passiert ist. Er fand einen neuen Zugang zu sich als Menschen und Musiker, ist bereit allen Fragen Rede & Antwort zu stehen und weicht keiner einzigen aus:

"Mir ist klar, dass die Leute einfach wissen wollen, wie es zum Ausstieg bei Jupiter Jones und zu unserer neuen Band Von Brücken kam.“

Mit ´uns´ meint Müller sich und seinen Kompagnon Tobias Schmitz, der als Komponist und Pianist das gemeinsame Duo vervollständigt: Einst als Session-Musiker mit Jupiter Jones auf Tour, war er auch zu gleichen Teilen an der neuerlichen Bandgründung beteiligt.

Selbst während der knapp 200 Tage Auszeit, in der Müller die Musik nur als Hobby betrachtete, hielten beide stetig Kontakt – man tauschte sich auch, schob Ideen hin und her und traf sich schlussendlich im Studio wieder.

Schmitz erinnert sich daran als wäre es gestern gewesen: „Anfangs gab es keinen Plan wofür wir zwei uns perspektivisch treffen. Wir hatten Bock was zusammen zu machen und plötzlich stand der erste Song im Raum. Der Gedanke festigte sich, ob hier nicht mehr möglich sei?“

Dabei war der Ort dieses ´spontanen Kreativitätsschubs´ so ungewöhnlich, wie er zum Projekt bestens passt: Auf dem Anwesen von Thomas D, seines Zeichens Mitglied der Fantastischen Vier, gab es nicht nur ein Studio zur freien Nutzung, sondern auch genug Raum, um jede Idee auszuformulieren.

Über diese uneingeschränkte Gastfreundschaft freut sich Müller immer noch mit jeder Menge Dankbarkeit in der Stimme.

„Thomas hat uns in sein Zuhause angeboten und kein Problem damit gehabt, wenn er mich morgens total zerknautscht vor der Tür meine Zigarette rauchen sah.“

Als das Debüt ´Weit Weg Von Fertig´ im Kasten war, rief besagter Hausherr sogar beim Von Brücken-Label Four Music an und verlangte von den Mitarbeitern vollen Einsatz bei der Pressearbeit für dieses für ihn bis ins kleinste Detail gelungene Album.

Tatsächlich gehören die Tracks zum Besten, was Müller in seiner Karriere bislang fabrizierte: Verstecken sich die Beiträge zu keinem Zeitpunkt und dürfen durchweg als ein Statement des Aufbruchs verstanden werden – immer mit dem Funken Hoffnung auf ein Happy End im Gepäck.

Anders wäre es auch gar nicht möglich gewesen, meint Müller auf Nachfrage und betont, dass man sich im Klaren darüber war, dass die Vergleiche zu Jupiter Jones von vielen gezogen werden. Was okay ist, denn das Verhältnis zu den Ex-Kollegen ist nach wie vor vollkommen in Ordnung.

„Als sie mich fragten, ob es für mich vorstellbar sei, dass ein neuer Sänger meine Rolle ersetzt, meinte ich: Ja klar, wenn ihr das möchtet. Es ist schön zu sehen, dass meine alten Songs weiterhin gespielt werden und die anderen so sehr an der gemeinsamen Band hängen.“

Man glaubt es Müller wirklich und wo er gerade so offen über die Vergangenheit spricht: Vermisst er das ´gemachte Nest´ Jupiter Jones nicht manchmal und nervt es ihn jetzt wieder bei Null als Quasi-Newcomer mit Von Brücken anfangen zu müssen?

Der Gefragte schüttelt schnell den Kopf, richtet die Brille auf und überlegt kurz, bevor die Antwort folgt: „Um ehrlich zu sein, ich bereue den Schritt zu keinem Zeitpunkt und erstaunlicherweise ging mir nie der Gedanke durch den Kopf, ob die Songs auf ‚Weit Weg Von Fertig’ Jupiter Jones-Tracks hätten werden können.“

Die Arbeitsweise unterschied sich nämlich deutlich von der, die er sonst im Studio gewohnt war: Wo einst stark auf Perfektion hingearbeitet wurde, bezeichnet sein Kollege Schmitz das aktuelle Songwriting als die „Perfektion des Unperfekten“.

Womit auch der vermeintliche Erfolgsdruck verringert werden soll.

Da lege man halt kein Maß an. Es geht ja nicht darum etwas zu übertreffen oder besser zu machen, sondern einfach vieles anders.

„Früher haben wir meinen Gesang oft mehrfach aufgenommen, um das perfekte Ergebnis hinzubekommen.“

„Mit Tobias lief das gegensätzlich. Uns ging es vielmehr um einen bestimmten Ausdruck in meiner Stimme und nicht darum, dass sie so klar wie möglich rüber kommt.“

Mit voller Überzeugung sprechen Von Brücken sogar von Popmusik, die auf ´Weit Weg Von Fertig´ zu hören sei.

Schmitz: „Wir finden da nichts Schlimmes bei. Ganz im Gegenteil. Es ist doch schön, wenn deine Songs im Radio laufen und zwischen den ganzen Kram, der da teilweise gespielt wird, etwas anderes präsentieren. Was soll daran verwerflich sein – ein jeder Musiker möchte doch, dass die Leute seine Lieder hören.“

Was als ein weiteres Indiz für die neue Gelassenheit im Kosmos von Nicholas Müller gewertet werden darf. Die Dinge ohne Stress auf sich zu kommen zu lassen und nicht daran zu scheitern, dass habe er lernen müssen und einfach war es nicht immer – aber damit umgehen, dass könne er inzwischen ohne große Mühen.

„Ich trage nicht nur für mich die Verantwortung, sondern auch für meine Familie“, erklärt er mit einem Lächeln im Gesicht und erzählt im Zuge dessen, dass er sich in den letzten Jahren einen gewissen finanziellen Puffer zulegen konnte, mit dem auch das Projekt Von Brücken im Zweifelsfall scheitern dürfte.

Sollte ´Weit Weg Von Fertig´ daher niemanden interessieren, könne dieser Umstand nicht geändert werden, bringe aber keine Existenzängste mit sich. Ein letzter Beweis für die wiedergefundene Gelassenheit.

Die Von Brücken allerdings generell an den Tag legen sollten: Sich derart euphorisch nach dem Abgang von der alten Band zurückzumelden, dass schaffen nur die Wenigsten. Nicholas Müller hat sich dieser Herausforderung gestellt und darf stolz auf sich und die neue Formation sein.

Den Rest können die beiden eh nicht beeinflussen und gönnen sich neben der musikalischen ´Sturm und Drang´-Haltung eine ordentliche Portion Tiefenentspannung. Allein für diese Einstellung hat sich all das Durchhaltevermögen gelohnt.

Mit Risiko und Engagement zurück in die Zukunft – Von Brücken ist der Neustart gelungen.

Aktuelles Album: Weit weg von Fertig (Four Music / Sony)
© 03. November 2015  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Victor Schanz
November 2015

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