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CITY AND COLOUR - „Ich hatte nie den Ehrgeiz, einen Nr.-1-Hit zu haben“

Kein Zweifel, Dallas Green ist ein waschechter Tausendsassa. Kaum volljährig, stürmte der Kanadier Anfang des neuen Jahrtausends mit Alexisonfire den Alternative-Rock-Olymp, und auch sein Solo-Sideproject City And Colour wechselte nach dem Debüt ´Sometimes´ vor zehn Jahren schnell in die Erfolgsspur. Inzwischen ist aus dem zunächst puristisch-folkigen Alleingang eine echte Band geworden, die auf ihrem neuen Album ´If I Should Go Before You´ den Bogen von handgemachten Americana-Klängen zu einem feingliedrigen Breitwand-Sound mit modernem Touch schlägt. Doch das ist noch nicht alles.

Letztes Jahr machte Green mit einer ungewöhnlichen Folk-Pop-Kollaboration von sich reden. Bei dem You+Me getauften Projekt war keine Geringere als Alecia Moore alias Pop-Superstar Pink seine Partnerin. Dass das gemeinsame Album ´Rose Ave.´ weltweit die Charts stürmte, war für den 35-jährigen Sänger und Gitarristen allerdings eher nebensächlich.

„Erfolg bedeutet für mich, weiter Musik machen zu können. Ich hatte nie den Ehrgeiz, einen Nummer-1-Hit zu haben, damit mir die ganze Welt zu Füßen liegt. Ich suche nach den Momenten der absoluten Glückseligkeit auf der Bühne, wenn einfach alles stimmt. Mein Ziel ist, diese Momente auch weiterhin zu erleben!“, sagt er bestimmt.

Dabei war er als Kind gar nicht begeistert von der Idee, ein Instrument zu erlernen. Nur auf den sanften Druck seiner Eltern begann er im Alter von acht Jahren mit dem Gitarrenunterricht.

„Ehrlich gesagt wäre ich damals viel lieber draußen mit meinen Freunden rumgerannt“, sagt er heute rückblickend. „Ein paar Jahre später hatte ich dann allerdings den Bogen auf dem Instrument raus, und eines Tages brachte ich eine Cassette eines Pearl-Jam-Albums mit zum Gitarrenunterricht. Mein Lehrer zeigte mir dann, wie man einen Song transkribiert, damit ich zu Hause zu dem Pearl-Jam-Tape spielen konnte. Dass ich auf diese Weise bei meiner Lieblingsband mitspielen konnte, war der Wendepunkt für mich. Ich hatte fast das Gefühl, selbst in der Band zu sein. Irgendwann habe ich dann nicht nur mitgespielt, sondern auch mitgesungen, und das hat dann dazu geführt, dass ich anfing, eigene Lieder zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass meine Songs zunächst genauso klangen wie die Bands, die ich liebte, aber Stück für Stück fand ich danach meinen eigenen Weg.“

Einige Jahre später gründete Green dann Alexisonfire – und der Rest ist Geschichte. Das Trio aus St. Catharines in Ontario wurde praktisch über Nacht zu einer der wichtigsten Post-Hardcore-Bands seiner Generation und war bis zu seiner Trennung vor vier Jahren nicht nur kommerziell äußerst erfolgreich, sondern auch ungemein einflussreich.

Nun erscheint mit ´If I Should Go Before You´ bereits das fünfte City-And-Colour-Album, das dennoch eine Premiere darstellt, denn erstmals arbeitete Green im Studio mit seiner aktuellen Live-Touring-Band zusammen, der neben Jack Lawrence (The Raconteurs, Dead Weather) am Bass auch Dante Schwebel (Spanish Gold, Dan Auerbach) an der Gitarre, Doug MacGregor (Constantines) am Schlagzeug und Matt Kelly an der Pedal Steel und an den Tasten angehören.

„Zuvor lag die komplette Last der Verantwortung allein auf meinen Schultern, jetzt kann ich sie mit den Musikern in meiner Band teilen, die ich zudem stolz auch als Freunde bezeichnen kann“, zeigt er sich von dem neuen Arrangement begeistert. „Die neuen Songs habe ich mit den Jungs im Hinterkopf geschrieben. Wenn ich zuvor Demos aufgenommen habe, enthielten sie für gewöhnlich nicht nur die Melodien für Gitarre und Stimme, sondern auch komplett ausgeformte Parts für Bass und Schlagzeug. Darauf habe ich dieses Mal verzichtet und die Songs offener gelassen, wissend, dass ich all diese großartigen Musiker zur Verfügung hatte.“

Kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums, ´The Hurry And The Harm´, im Jahre 2013 gab es bei einem Soundcheck auf Tour den Moment, als es klick machte und Green sich erstmals traute, im Kreise seiner Musiker einen brandneuen Song zu spielen.

„Ich saß einfach da und spielte die Akkorde so vor mich hin, als plötzlich die Band ungefragt einstieg“, erinnert er sich. „Das Verblüffende war, dass sich alles vollkommen richtig anfühlte, weil sie genau das spielten, worum ich sie später eh gebeten hätte. Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, dass wir zusammen eine Platte machen sollten.“

Der Song, den Green damals spielte, trug den Titel ´Open Door´ und fehlt auf ´If I Should Go Before You´, denn veröffentlicht wurde er bereits letztes Jahr in einer überarbeiteten Version auf dem You+Me-Album. Trotzdem hinterließ die Nummer auch auf dem neuen City-And-Colour-Werk Spuren.

„Irgendwann begann ich, den Vibe der Version mit den Jungs zu vermissen, und aus diesem Gefühl heraus schrieb ich den Song ´Friends´ für das neue Album“, erinnert sich Green. „Er handelt vom Miteinander in der Band. Ich hatte in den letzten beiden Jahren auf Tour eine so gute Zeit mit den Jungs, dass ich den Text geschrieben habe, um einfach einmal Danke zu sagen. Das ist das, was ich immer mache: Wenn etwas in meinem Leben passiert, egal, ob es ein fröhliches oder trauriges Ereignis ist, dann verarbeite ich das in einem Song.“

Kein Wunder also, dass es auch auf der neuen Platte wieder eine Reihe sehr, sehr persönlicher Lieder gibt. So handelt das für seine Frau Leah Miller geschriebene ´Woman´ von nie endender Liebe, während ´Blood´ den Umzug des Ehepaars nach Nashville thematisiert, wo beide glücklicher als je zuvor sind, und ´Map Of The World´ von den Strapazen des fortwährenden Tourneelebens berichtet, wenn jede gereiste Meile eine neue Falte im Gesicht des Protagonisten bedeutet. In ´Mizzy C´ dagegen versucht Green zu ergründen, warum sein Leben lange so freudlos war.

„In dem Lied geht es um meinen Versuch, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden“, erklärt er. „Mit den ersten Zeilen ´I keep recycling stories from my youth / That I´ve told before / Conversations with myself have become such a bore´ nehme ich mich gewissermaßen selbst auf die Schippe, denn natürlich ist mir bewusst, dass ich in meinen Songs von all diesen negativen Dingen singe, während ich doch eigentlich ein fantastisches Leben führe. Manchmal fällt es mir lediglich schwer, das richtig zu schätzen. Letztlich gibt es in meinem Leben, wie bei allen anderen auch, gute und schlechte Tage, und es ist wichtig, beides zu reflektieren.“

Trotzdem sind nicht alle Songs auf dem Album in Liedform gegossene Episoden aus Greens Leben.

„Über die Jahre habe ich gelernt, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich auch gute Songs schreiben kann, ohne dass ich eine emotionale Bindung dazu haben muss“, verrät er. „Irgendwann gehen dir schließlich die Dinge aus, über die du dich beschweren kannst! Das Schwierige dabei war, dass viele Hörer sehr positiv auf das hyperpersönliche Material meiner frühen Alben reagiert haben. Die Kunst war jetzt, etwas zu schreiben, das nicht mich persönlich betrifft, aber immer noch die Chance bietet, dass sich andere darin wiederfinden können.“

Mit Songs wie ´Wasted Love´oder ´Lover Come Back´ gelingt Green das auf ´If I Should Go Before You´ geradezu spielend. Trotzdem schwingt bei jedem neuen City-And-Colour-Album auch heute noch ein Stück weit Ungewissheit mit.

„Als ich damals die erste Platte gemacht habe, wusste ich überhaupt nicht, was daraus werden würde“, gesteht Green. „Ich konnte nicht abschätzen, ob ich auf Tour gehen würde, und ich wusste nicht, ob ich je eine weitere LP machen würde. Mir war einfach nicht klar, was aus City And Colour werden würde – und das ist in gewisser Weise bis heute so geblieben. Das ist auch der Grund dafür, dass alle Platten etwas anders klingen. Die Band soll immer genau das widerspiegeln, was ich in dem Moment fühle.“

Aktuelles Album: If I Should Go Before You (Dine Alone Records / Caroline-Universal) VÖ: 09.10.
Weitere Infos: www.cityandcolour.com
© 03. Oktober 2015  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Label
Oktober 2015

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