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PARKWAY DRIVE - Herausforderung angenommen

An einem sonnigen Juni-Tag treffe ich Parkway Drive-Sänger Winston McCall zum Interview. Die australische Band hatte am vergangenen Wochenende ihre Auftritte bei Rock Am Ring und Rock im Park absolviert und befindet sich auf Festival-Tour in Europa. Einen freien Tour-Tag nutzt man also für Interviews zum neuen Album „IRE“, welches Ende September erscheinend wird. Mit „Vice Grip“ wurde außerdem der erste neue Song veröffentlicht. Alle diese Tatsachen tragen wohl zur guten Stimmung von McCall bei, denn der könnte nicht besser gelaunt sein und freut sich, vom neuen Album berichten zu können.

Zuerst sprechen wir über den Albumtitel: „IRE“. Wofür steht diese Buchstabenkombinationen? Lachend erklärt er: „IRE ist tatsächlich ein normales Wort - sogar ein englisches! Ich kannte das Wort selber bis vor kurzem nicht und auch viele Personen, deren Muttersprache Englisch ist, kennen das Wort lustigerweise nicht. Übersetzen kann man es mit Wut. Wir wollten dem Album einen ausdrucksstarken und prägnanten Titel geben, aber es eben auch nicht stumpf „Hate“ oder „Anger“ nennen. „IRE“ schien uns da perfekt geeignet und die Leute sind quasi schon vorab gezwungen, sich mit dem Titel und seiner Bedeutung auseinanderzusetzen. Inhaltlich steht es für die Wut, die man angesichts der globalen Zustände empfindet oder besser empfinden sollte.“ Wut - das Leitmotiv der Platte. Es handelt sich zwar um kein ausdrückliches Konzeptalbum, aber die Thematik durchzieht alle Songs gleichermaßen. „Ich glaube jeder Mensch, der mit offenen Augen durch das Leben geht, muss im Moment eine große Wut empfinden. Zumindest, wenn einem nicht völlig die Empathie fehlt. Niemand, der sich unseren Planeten anschaut kann sagen: Ja, alles läuft super, so können wir weiter machen. Jeden Tag passieren schreckliche Dinge - Kriege, Massaker, Umweltzerstörung, Folterungen und so weiter. Dabei war die Menschheit noch nie so fortschrittlich in ihrer Entwicklung wie heute!“ McCall ist die Frustration während seiner Erzählung wirklich anzumerken. Darauf angesprochen meint er: „Ja, ich bin wirklich sehr frustriert! Nehmen wir das Beispiel des technischen Fortschritts: Jede Erfindung wird dazu genutzt, anderen Menschen zu schaden. Dabei Rede ich nichtmal von Waffen oder so. Selbst prinzipiell tolle Dinge, wie das Internet, werden dazu genutzt, um andere Menschen zu erniedrigen und runterzumachen. Es fängt ja schon bei sehr jungen Menschen an. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr tatenlos zusehen oder die Zustände ignorieren kann. Es muss sich dringend etwas ändern!“ Nach vier Alben sind die Australier inzwischen zur Speerspitze des modernen Metalcores geworden. Weltweit füllen ihre Touren riesige Hallen, bei vielen europäischen Festivals spielen sie in diesem Jahr als Headliner. Es könnte also nicht besser laufen. Und trotzdem geht die Band mit „IRE“ ein Wagnis ein, denn schon der Vorab-Song „Vice Grip“ macht klar - Parkway Drive gehen musikalisch neue Wege. Ich spreche McCall auf die musikalischen Veränderungen an, vorallem auf den Heavy Metal-Einschlag der Single. Wieder fängt er an zu lachen: „Jeder der heute hier reinkommt sagt der Song klingt nach 80s-Metal! Dabei haben wir das bisher gar nicht so rausgehört! Die Entwicklung zu diesem Sound war auch völlig anders. Wir haben nicht gedacht: Ja, lass uns klingen, wie diese Band oder jener Stil! Nach Veröffentlichung unserer letzten Albums standen wir einfach da und wussten, dass wir nicht nochmal so ein Album schreiben werden. Der Grundsound der letzten vier Alben war ähnlich, auch wenn es natürlich immer Veränderungen gab, aber diese Formel, nach der wir bisher Musik gemacht haben, einfach erschöpft war. Versteh mich nicht falsch, ich liebe jeden Song, den wir bisher geschrieben haben, so wie er ist. Aber es war nun Zeit für eine Veränderung.“ An diesem Tag spricht McCall viel von Veränderungen. So hat er selbst mehr als ein Jahr lang Stimm- und Gesangstraining betrieben, um das Beste aus sich rauszuholen. „Bei den neuen Songs konzentrieren wir uns nun mehr auf einzelne Parts. Früher waren die Songs wesentlich chaotischer. Da haben wir versucht uns mit jedem Part neu zu übertrumpfen. Jetzt steht zum Beispiel eine Gitarrenmelodie alleine im Vordergrund, die anderen Instrumente halten sich dann sehr im Hintergrund. Auch meine Voal-Parts klingen jetzt menschlicher. Ich habe so oft zu hören bekommen: Winston schreit so heftig - er klingt wie der Teufel persönlich! Ich persönlich habe noch nie mit dem Teufel gesprochen und weiß nicht wie sich seine Stimme anhört, aber vermutlich würde ich kein verdammtes Wort von ihm verstehen. Ich möchte aber, dass die Hörer meine Stimme hören, die vom Menschen Winston. Daran habe ich viel gearbeitet. Aber keine Sorge, es gibt auch weiterhin genug harte Vocal-Parts auf der Platte!“ Es lässt sich erkennen, dass der Weg zu „IRE“ eine große Herausforderung für die gesamte Band war. „Teilweise haben wir über drei Jahre lang an manchen Songs gearbeitet. Es gab bis zu 15 verschiedene Versionen von einem einzigen Song. Wir wollten sehen, was man aus den Songs rausholen kann und nichts überhasten. Die Anforderungen an uns waren auch ganz andere. Gitarren extrem schnell zu spielen ist das eine, aber eine Melodie zu schreiben, die dich wirklich packt, ist etwas ganz anderes.“ Am Ende des Interviews kommen wir auf die australische Musikszene zu sprechen. Mit Bands wie Amity Affliction, Deez Nuts oder In Hearts Wake befinden sich Parkway Drive ja momentan in bester Gesellschaft. „Mich sprechen so viele Leute auf die australische Alternative-Szene an und ich kann nur sagen: Sie war immer schon da, ihr habt sie nur nie vorher wahrgenommen! Ich denke im Moment ist die weltweite Aufmerksamkeit sehr auf die australischen Bands gerichtet, was mich sehr freut! Bis vor einem Jahr wurde ich ständig nach Insider-Tips gefragt, welche Bands ich empfehlen kann aus Australien etc. Und inzwischen haben alle diese Bands den Erfolg, den sie verdienen! Das finde ich toll! Denn auch bei uns ist Hardcore und Metalcore immer noch eine Underground-Geschichte. Parkway Drive läuft nicht im Radio oder so.“ Mit „IRE“ schlagen die sympathischen Australier nun das nächste Kapitel ihrer Bandgeschichte auf. McCall spricht von der größten Herausforderung seit Gründung der Band. Aber wie langeilig wäre das Leben ohne Veränderung und Herausforderungen denn auch?

Aktuelles Album: IRE (Epitaph / Indigo)
© 01. Oktober 2015  WESTZEIT ||| Text: Jannik Holdt
Oktober 2015

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