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FRITTENBUDE - Frittenbude´s Tierleben

Ihre Liedtitel haben immer etwas Tierisches, es geht um die Nachtigall, die Amsel, Katzen, Delfine, ein Murmeltier oder die Möglichkeit eines Lamas. Es gibt Unkenrufe und Pandabären. Und wie heißt die neue Platte, das mittlerweile vierte Studiowerk? ´Küken des Orion´. Hat die Band einen Tierfimmel? Oder lassen sich die Musiker von ihrem Privatzoo inspirieren? Die Band? Ach so, die Rede ist von Frittenbude. „Wir kommen zwar aus einer ländlichen Region in Bayern, aber nicht wirklich vom Bauernhof“, erzählt Rapper und Sänger Johannes Rögner, „das mit den Tieren, das hat sich so ergeben. Dahinter steckt definitiv kein Plan.“ Dann hätten wir das ja geklärt.

Ein Lama auf dem Cover und ein Küken

im Titel

Geklärt? Naja, nicht so ganz; denn auch Martin Steer hakt noch mal tierisch ein:

„Der Plan war eher umgekehrt, es sollten keine Tiere mehr vorkommen und schon gar kein Tier auf das Cover. Und was ist passiert? Ein Lama auf dem Cover und ein Küken im Titel. Na toll!“

Und irgendwie kommen wir von den Tiergeschichten nicht los.

„Ich finde eigentlich, das mit den Tieren funktioniert doch ganz gut; denn das verschmilzt unsere drei Wirrköpfe auf ein Tier“, fügt Jakob Häglsperger hinzu, der sich bei Frittenbude um Drumcomputer, Bass, Synthesizer und Geschrei kümmert, „und lassen sich Mensch und Tier nicht gut vergleichen? Vor allem lassen sich auch viele menschlichen Eigenschaften mit Tieren darstellen, die Behäbigkeit eines Bären oder die Flinkheit eines Otter. Und übrigens, dass auf dem Cover ist ein Alpaka und kein Lama.“

Haben wir das jetzt endgültig geklärt, das mit den Tieren? Wir haben! Dann können wir ja übers Stückeschreiben reden. Denn die braucht es ja, damit irgendwann ein tierisches Album (Tier, tierisch oder etwas Ähnlichen kommt ab jetzt auch nicht mehr vor. versprochen!) auf dem Tisch liegt.

„Kreativität müssen wir bei uns derzeit nicht erzwingen“, sagt Johannes Rögner, „da sprudeln eher wahre Sturzbäche. Und wenn die bei mir nicht rauskönnen, dann bin ich total unzufrieden. Ich müsste einfach Musik machen, auch dann, wenn es Frittenbude als Band nicht gäbe.“

Den anderen Jungs geht es genau so und gibt es nahezu auch keine Kreativpausen. Mit der Abgabe des vorherigen Albums geht für Frittenbude an die Arbeit fürs nächste.

„Wobei Arbeit gar nicht mal das richtige Wort ist“, hakt Jakob Häglsperger ein, „wir haben dabei unsäglichen Spaß.“



Gitarrenparts vom mexikanischen Strand

Also liegt dann zu einer gewissen Zeit Material satt herum.

„Unbedingt, da gibt es Texte, Liedskizzen, Rhythmen, die jeder von uns schon entwickelt hat und an denen dann ab Tag X im Studio gemeinsam gearbeitet wird“, erinnert sich Johannes Rögner, „und in diesem gemeinsamen Zusammenhang entsteht dann noch viel einfach so, aus dem Moment heraus.“

Doch so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, war es dann doch nicht. Zumindest die Fertigstellung dieses Albums mit über zwei Jahren mit Abstand am längsten gedauert. Da kommt dann auch schon mal im Urlaub nicht die rechte Urlaubsstimmung auf. So wurde beispielsweise der Gitarrenpart von Martin Steer fürs Stück ´Alles wird Staub´ in Mexiko am Strand geschrieben. Die anderen beiden sind zu dieser Zeit in Tschechien und in Thailand.

„Aber was jetzt so klingen könnte, als wäre einem durchs Arbeiten der Urlaub vermiest worden, ist nicht so“, kommentiert Johannes Rögner die Arbeit im Urlaub, „eine andere Umgebung ist schon ganz gut löst so manchen kreativen Knoten. Der muss, wenn er da ist, auch gelöst werden. Stillstand wäre schließlich der Tod. Auch für die Band. Und uns zu wiederholen, das kommt nicht in die Tüte. Wir wollten immer etwas anders machen. Und haben auch bei jeder Platte etwas anders gemacht.“

So entfernt sich ´Küken des Orion´ noch weiter vom Elektrospaßpunk. Dass Frittenbude diesbezüglich auf Abstand gehen können, haben sie bei der letzten Platte ´Delfinarium´ bereits angedeutet. Die Tonfärbung der aktuellen Lieder ist ruhiger und nachdenklicher. Die Texte sind zum Teil von melancholischen Schlieren durchzogen.



Entweder es war ganz leicht oder es

war ganz schwer

Um noch einmal zu unterstreichen, welche Arbeit in ´Küken des Orion´ steckt, sei darauf hingewiesen, dass es mit über 50 Demobaustellen anfängt. Aus denen dann über die Zeit die 13 Stücke werden, die es letztlich aufs Album schaffen.

„Rückblickend lässt sich zusammenfassend sagen, entweder es war ganz leicht mit dem Stück oder es war ganz schwer“, weiß Martin Steer, „manche Stücken waren ratzfatz in einem Tag fertig. Dazu zählt ‚Army Of Küken’, das wurde einfach so rausgehauen. Andere wiederum lagen ein halbes Jahr herum und wir wussten, die sind noch nicht fertig, aber nicht so genau, warum nicht. Und dann nimmst du dir es nach diesem halben Jahr wieder zur Brust, fügst ein simplen Shaker hinzu und weißt aus dem Stand, genau diese eine, winzige Kleinigkeit hat gefehlt.“

Manchmal muss man einfach warten können, bis der Knoten platzt. Da hilft dann auch keine Erfahrung. Frittenbude sind ja keine Anfänger. Sie haben ja schon drei Platten auf dem Buckel und auch vorher auch schon in Bands gespielt.

„Und wenn der Bauch grummelt und sagt, das Stück hat noch nicht alles, was es braucht, dann muss man den Kopf einfach mal ausschalten“, sagt Johannes Rögner, „auch wenn der gerade zur großen Analyse für den Grund ansetzt. Das hört sich jetzt ein bisschen so an, als würden wir eine Gegenposition zu der Aussage formulieren, dass alles nur so sprudelt. Das stimmt aber nicht; denn wenn nichts gesprudelt wäre, hätte der Bauch nichts zum Grummeln und der Kopf nichts zu analysieren gehabt.“



Mit punkiger Haltung einfach mal

machen

Frittenbude waren immer die Truppe, die nicht verkopft unverkrampft und mit punkiger Haltung einfach mal gemacht hat. Die Formation, die unbeschwerte Leichtigkeit mit Wortkraft und Klangenergie ausbalancieren konnte, ohne die Funken an Rohheit und Kanten zu verlieren. Und es kann vorweg genommen werden, Frittenbude sind diese Band auch auf ´Küken des Orion´ geblieben. Sie sind nicht der Gefahr der belanglosen Gelacktheit erlegen.

„Vielleicht auch deshalb, weil wir jetzt die Erfahrung haben, die wir haben. Weil wir die Regeln im Studio kennen oder die Rahmenbedingungen, wie man zum Beispiel Effektgeräte und andere Maschinen einsetzt“, führt Jakob Häglsperger weiter aus, „zu Beginn haben wir so geklungen, weil wir vieles einfach nicht wussten. Jetzt klingen wir so, weil wir die Regeln kennen und sie so besser brechen können. Und um diese angesprochenen Ecken und Kanten zu erhalten, haben wir auch darauf bestanden, das Album selber zu mischen.“

Aber man kann nicht über den Klangkosmos von Frittenbude reden, ohne über die Texte zu reden. Texte, denen das ganz große Kunststück gelingt, Aussage und Humor zusammenzubringen und dadurch die Schlagkraft des Gesagten nochmal deutlich zu erhöhen.

„Das ist halt einfach meine Art und meine Natur, wie ich etwas, was ich beobachtet habe oder mir überlegt habe in Worte kleide“, erklärt Johannes Rögner, „nicht mehr und nicht weniger. Wir haben Frittenbude zwar nicht gegründet, um als Politiker oder Humoristen aufzutreten, sondern weil wir Bock hatten, Musik zu machen. Da wir aber politische Menschen sind, muss das Teil dieser Musik sein.“

Damit Frittenbude in Zukunft auch Stücke, wie etwa ´Michael Jackson hatte Recht´ live spielen können, wird es einen Schlagzeuger und ein Keyboarder geben, die die Band unterstützen.

„Diese Opulenz, die einige unserer Stücke inzwischen auszeichnet, die wollten wir auf der Bühnen nicht zurücknehmen müssen“, gibt Martin Steer zu Protokoll, „was wir mit dieser Besetzung jetzt auch mit unseren alten Liedern anstellen können, ist umwerfend.”

Das deutet an, dass Fritten auch live das weiter tun, was ihre Konzerte so abenteuerlich macht, dass sie nämlich nicht auf die Bühne gehen und dem Publikum eins zu eins ihre neue Platte vorspielen.

Aktuelles Album: Küken des Orion (Audiolith Records / Broken Silence)
© 03. September 2015  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Andreas Hornoff
September 2015

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