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SUSANNE BLECH - Tanz den Nihilismus

Texter und Sänger Timon Karl Kaleyta, ein wesentlicher Teil der Band Susanne Blech (eine Susanne Blech sucht man übrigens in der Besetzungsliste der Band vergebens), hört im Radio so ganz nebenbei ein Stück, in dem der Sänger davon singt, jemand müsse mal eben noch die Welt retten. In ihm sträubt sich alles und eine innere Stimme flüstert nicht, sie schreit förmlich: „Alles ganz falsch. Nichts verbessern. Und bloß nicht retten. Alles verhindern, was da ist. Welt verhindern.“

Eine unhaltbare Forderung

 Kann es eine schönere Geschichte hinter einem Lied geben? Denn der Schrei der inneren Stimme führt zu einem solchen, dem Titelstück des aktuellen Albums der Elektro-Pop-Band Susanne Blech aus dem Großraum Rhein-Ruhr, ´Welt verhindern´. Damit die muntere Truppe mit dieser Forderung nicht allein dasteht, lädt sie Johannes Rögner (aka Strizi Streuner), den Sänger der Band Frittenbude zum Mitwirken ein. Gemeinsam singen und wissen sie: ´Wir können die Welt verhindern / Den Raum, die Zeit, das Glück.´

Doch wie geht das zusammen – Welt verhindern und gleichzeitig ein Stück schreiben, das allein durch seine bloße Existenz bereits Teil dieser verhinderten Welt wird?

„Ach was, natürlich wissen wir, dass wir hier eine unhaltbare Forderung aufstellen. Dass wir ein Stück ins Rennen schicken, das eigentlich mehr verspricht, als es einlösen kann“, gesteht Timon Karl Kaleyta, „aber haben die Nihilisten das nicht auch getan? Haben sie nicht jegliche Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung einfach so verneint. Und wurde nicht auch diese Verneinung zugleich Bestandteil des Verneinten? Wir gehen noch einen Schritt weiter, wir bringen den Nihilismus zum Tanzen.“

Tanzen ist gleich das nächste Stichwort. Jedem Discogänger, gleich welchen Alters, ist das Snap!-Stück ´Rythm Is A Dancer´ auch noch 22 Jahre nach seinem Erscheinen geläufig. In nahezu jeder Disko ist es zu hören. Und die Meute tanzt dazu. Bastille hat sich 2014 an eine Neuauflage des Liedes gewagt und einen Welthit gefeiert. Jetzt gibt er den Staffelstab an Susanne Blech weiter. Die nehmen ihn nicht nur einfach an. Nein! Ihnen gelingt es auch noch Snap!-Legende MC Turbo B an der neuen Platte mitarbeiten zu lassen.

 

MC Turbo B am Telefon

Susanne Blech wären nicht Susanne Blech, gäbe es nicht auch zur Zusammenarbeit mit MC Turbo B eine Geschichte.

„Seit zwei Jahren schon geisterte die Zeile ‚Killer is a man who don't fuck with the music’ durch die Band“, erinnert sich Timon Karl Kaleyta, „sie war einfach da. Ohne Sinn und Verstand.“

Erst mal irgend etwas in Raum stellen und sehen, wie es wirkt - das ist wohl auch hier das Kernmerkmal der Arbeitsweise von Susanne Blech.

„Doch dann wirkte die Zeile so, dass sie sich immer wieder vordrängelte“, fährt der Texter und Sänger fort, „gleichzeitig fuhr die Zeile ‚I'm serious as cancer when I say rhythm is a dancer’ aus dem Snap!-Gassenhauer in meinem Hirn Karussell. Und das Tempo des Karussells nahm zu, schließlich war ich schon zu den Zeiten, als ich noch die Disco in der örtlichen Eishalle besuchte, diesem Stück absolut verfallen.“

Was also tun? Susanne Blech nehmen über ihr Management Kontakt zum Snap!-Rapper MC Turbo B auf und haben ihn plötzlich in echt am Telefon.

„Er saß gerade in Philadelphia in einem Studio und war von der Idee bei diesem Stück mitzutun so angetan, dass er sogar bereit war die Original ‚Rhythm Is A Dancer’-Zeile umzuschreiben. Fortan heißt es: 'I'm as serious as cancer when I say: Killer is no dancer.' Wir waren völlig aus dem Häuschen.“

Und lässt man sich dieses wunderbar elektropoppige Stück schön langsam auf der Zunge zergehen, ist schnell klar, das ist der Discoknaller 2.0. Vergiss Snap! Vergiss die Bastille-Coverversion. Susanne Blech sind die neuen Könige des Tanzbodens!

 

Ein Pop-Literat steigt ein

Ein bisschen ist die aktuelle Platte von Susanne Blech ´Welt verhindern´ wie Kindergeburtstag. Oder die Erfüllung von Jugendträumen. Die Zusammenarbeit mit Snap!-Rapper MC Turbo B ist einer. Ein zweiter ist das Einsteigen von Pop-Literat Benjamin von Stuckrad-Barre bei Susanne Blech.

„Überall wo die Rede auf ihn kommt, wird schnell klar, der Mann ist unbeliebt“, darauf verweist Timon Karl Kaleyta, „für mich war das sofort ein Grund mehr, ihn zu mögen. Schon als ich 19 Jahre alt war, wollte ich immer so sein, wie die ganzen Pop-Literaten. Benjamin von Stuckrad-Barre war einer von ihnen.“

Susanne Blech und er hatten sich vor zwei Jahren durch einen großen Zufall bei Joko & Klaas kennengelernt, wo die Band zu Gast war. Anschließend bleiben Susanne Blech und er in Kontakt und tauschen sich regelmäßig über Gott und die Welt aus.

„Irgendwann fing Benjamin von Stuckrad-Barre an, mir Text-Ideen und Lied-Zeilen zu schicken“, nimmt Timon Karl Kaleyta den Faden wieder auf, „die ich dann zu Stücken weiter verarbeitete. Die Lieder ‚Wir werden alle nicht Ernst Jünger’ und ‚Die Katzen von Beate Zschäpe’ gehen auf seine konkreten Ideen zurück. Ich kann in Bezug auf das neue Album nur sagen, erst MC Turbo B und dann noch Benjamin von Stuckrad-Barre - dass es jemals dazu kommen würde, dass beide an einem Album von uns mitarbeiten würde, konnte ich mir bis dahin nicht mal im Traum vorstellen.“

 

Bekenntnis zur Schublade

Viele Bands haben enorme Probleme, sich einordnen zu lassen. Und versuchen sich Schubladen zu entziehen. Nicht so Susanne Blech. Obwohl sie zwar als Band gar nicht stattfinden wollen (und können; denn sie wollen ja Welt verhindern), gibt es von ihnen Musik. Susanne Blech ist es dabei egal, ob man dieses Phänomen als Duplizität von Ereignissen oder als Dialektik betrachtet.

„Unser Ding ist Elektropop“, bestätigt Timon Karl Kaleyta, “und das hat einen Grund. Ich kann nicht wirklich singen und die Kenntnisse und Fertigkeiten am Instrument sind eher rudimentär. Also musste ich eine Musikform finden, die sehr hart und für mich relativ simpel umzusetzen ist – eben Elektropop. Zusätzlich werde ich dabei nicht müde, zu betonen, dass Susanne Blech sehr gerne in diese Schublade gesteckt werden wollen. Und sei es nur deshalb, weil andere Bands, immer genau gegen jegliche Schublade argumentieren.“

Aktuelles Album: Welt verhindern (Cat In The Box / Broken Silence)
© 02. Mai 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Bernhard Handick
Mai 2014

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