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CHLOE CHARLES - Genreschmelze

Als Chloe Charles vor drei Jahren mit ihrem zurecht hochgelobten Debüt-Album ´Break The Balance´ aufwartete, präsentierte sich die Kanadierin zunächst als klassische Folkpop-Künstlerin – zugegebenermaßen mit einem jazzigen Timbre und stilistisch wenig eingegrenzt. Dennoch überrascht es, mit welchem Ideenreichtum, und mit welcher Spielfreude und Verve das Material des zweiten Albums in alle mögliche Klanguniversen ausgedehnt wurde.

Das liegt daran, dass Chloe – anders als auf ihrem Debüt-Album – die Fertigkeiten der Musiker ihrer beiden Bands aus Europa und Kanada nutzte, auf Kollaborationen auch beim Songwriting setzte und das Material schließlich nach eigenen Vorstellungen selbst produzierte. Blind tat sie das aber – trotz des Titels – keineswegs:

„Nein – das wollte ich mit dem Titel auch nicht ausdrücken“, erklärt Chloe, „metaphorisch gesprochen sollte man auf seine Intuition und seine Gefühle vertrauen und nicht nur auf die Logik und seine Sinne. Ich bin der Meinung, dass man die Sinne auch mal ausschalten und auf sich selber hören sollte, um herauszufinden, was man eigentlich braucht.“

Die letzten Jahre waren für Chloe nicht ganz einfach. Mehrere Familienmitglieder – darunter ihr Großvater John Richmond (ein bekannter kanadischer Künstler) und ihr Vater Noel Charles (der durch seine Heirat mit Cynthia Lennon Chloe zu Julian Lennons Stiefbruder machte) verstarben und mehrere Beziehungen gingen in die Brüche. Logisch, dass dadurch die neuen Songs tendenziell düsterer und nachdenklicher gerieten. Gleich mehrere Songs – darunter der Opener ´Black & White´ - beschäftigen sich mit den Familienangehörigen:

„Nun, ich konnte mich von meinen Vater noch verabschieden“, erinnert sich Chloe, „er hatte Krebs und ich lebte bei ihm bis er verstarb. Aber damit endet es ja nicht. Es gibt ja immer Dinge, die man noch gerne gesagt hätte und 'Black & White' führt einige dieser Dinge auf. 'Take Me Naked' ist hingegen ein Song für meine Mutter Victoria. Es geht darum, dass man sich als Musiker immer verletzlich und angreifbar fühlt. Man setzt sich ja dem Urteil anderer aus und muss dann mit deren Kritik leben. Ich bin aber manchmal nicht sooo stark, dass ich das alles wegstecken kann und dann ist es immer schön, wenn es Leute gibt, die dann für einen da sind. Und meine Mutter ist definitiv eine solche Person. Sie ist immer die Person im Publikum, die alle Songs mitsingt. Und wenn man eine solche Person im Publikum hat, dann ist auch alles in Ordnung.“

Wie gesagt, weitete Chloe ihr musikalisches Spektrum auf dem neuen Album aus. Ging es dabei auch darum, einen eigenen musikalischen Weg zu finden?

„Ich versuchte eigentlich gar nicht, einen eigenen Stil zu kreieren“, schränkt Chloe ein. „ich bin nämlich eh der Meinung, dass die Genres heutzutage vor sich hinschmelzen und Musik sowieso immer universeller wird. Mir ging es einfach darum, zu experimentieren, mein Sounduniversum auszudehnen und meine Musiker einzubeziehen.“

Was ist denn Chloes Anspruch als Songwriterin?

„Ich möchte nicht um jeden Preis besonders einfach verständliche, simple Musik kreieren“, beschreibt sie dieses, „denn ich mag es, wenn man beim Zuhören ein wenig nachdenken kann.“

Obwohl es dann doch auch regelrechte Pop-Songs – wie z.B. ´Smiling´ - im Angebot gibt. „Ja, schon – ich will ja durchaus ein größeres Publikum erreichen“, führt Chloe aus, „man kann dann aber über diese Popsongs eintauchen und auf diese Weise die ganze Welt des Albums entdecken. Wenn dazu ein Popsong als Visitenkarte dienen kann, dann ist das umso besser.“

Letztlich zeigt Chloe mit diesem (teilweise über Crowdfunding realisierten) Album, wie man auch unter den veränderten Bedingungen des Musikbusiness seine Identität und seinen Weg als kreative Künstlerin finden kann.

Aktuelles Album: With Blindfolds On (Make My Day / Indigo)
© 01. September 2015  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
September 2015

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