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DESTROYER - Nach der gewonnenen Zeit

Kritikerliebling sein, schweres Sein. Dan Bejar kann als Chef der Band Destroyer ein Lied davon singen und tut dies mit seinem neuen Album ´Poison Season´ auf unvergleichlich großartige Weise. Dabei hätte er selbst kaum damit gerechnet, dass ihm scheinbar wieder alle aus der sprichwörtlichen Hand fressen: „Die positiven Reaktionen überraschen mich – eigentlich waren wir der Überzeugung, dass es dieses Mal nicht so läuft.“ Was ihm abseits der Jubelarien jedoch Rätsel aufgibt, ist die Rolle, die er mit der Platte angeblich einnehmen möchte: Ein Revoluzzer zu sein, der sich gegen die modernen Mechanismen des Musikbusiness bewusst auflehnt.

Zeiten ändern sich. Wo vor fünfzig Jahren ganze Studiokomplexe für Albumaufnahmen herhalten mussten, reicht heute ein 13-Zoll Notebook vollkommen aus. Damit kann ein Album beginnen und gleichzeitig zu einem wohlwollenden Ende gebracht werden.

Destroyer gehen mit dem neuen Werk ´Poison Season´ den beschwerlicheren Weg und werden dafür zur ihrer eigenen Überraschung als Revoluzzer gefeiert: „Früher war Punk revolutionär, weil er dem Establishment etwas entgegensetzte – mach ich das? Wohl eher nicht und daher verwundern mich solche Zuschreibungen.“

Aber der Reihe nach. Die Geschichte von Destroyer ist zugleich die eines charmanten Querkopfs: Mit jedem Album sucht Bejars Band neue Wege und schert sich wenig darum, ob das Ergebnis allen anderen auch so passt. Zuletzt geschehen beim 2011 veröffentlichten Vorgänger ´Kaputt´.

Hier versuchten sie sich deutlich am Pop-Entwurf und klangen dank einiger Pro-Tools fast, als wäre der eigene Fokus auf die vorderen Chartplätze direkt neben Taylor Swift & Co. gerichtet.

Die korrekte Herangehensweise damals, findet der wandelbare Songwriter aus Vancouver heute noch:

„Die Marschrichtung passte einfach und so empfinde ich es dieses Mal auch. Richtige Instrumente sollten im Studio Live einspielt werden. Daher klingt ‚Poison Season’ anders als sein Vorgänger. Organischer vielleicht, aber keineswegs wie ‚Kaputt’.“

Angst vor der Wiederholung habe Bejar allerdings nicht, sondern gab den neuen Songs schlicht was sie benötigen – immerhin denke er die musikalische Begleitung bei den ersten Entwürfen stets mit und ließ sich obendrein von Musikern beeinflussen, denen ein gewisser ´Alles oder Nichts´-Ruf vorauseilt.

David Bowie sei gutes Beispiel hierfür, Curtis Mayfield ebenso. Nicht zuletzt hätte auch Soul-Legende Isaac Hayes großen Einfluss auf die Songs von ´Poison Season´ gehabt.

„Wenn Vergleiche mit ihnen gezogen werden, ist das okay. Abseits von Destroyer höre ich Musik wie jeder andere auch – was mir gefällt, gefällt mir eben. Warum also ein Geheimnis daraus machen?“

Zuckt Bejar mit den Schultern und weiß, dass er sich mehr oder weniger geschickt sämtliche Referenzhöllen auf diese Weise erspart. Darauf angesprochen, schüttelt er jedoch den Kopf. Darum ginge es nicht, sich hier gekonnt aus der Affäre zu ziehen, vielmehr um Einflüsse und deren Wirkung.

Was uns sogleich zum Eingangs erwähnten Revolutionsgedanken zurück-bringt:

„Damals nahmen viele Künstler ihre Alben genau so opulent auf und ich habe das Prinzip einfach nur vierzig Jahre später wieder angewendet und wollte, dass die Sachen nicht alle aus dem Laptop kommen. Insofern bin ich das Gegenteil eines Revoluzzers, ein Traditionalist.“

Was quasi die schlimmste Form des Establishments sei, fügt er lachend hinzu. Im Grund aber egal, möchte man ihm ins Wort fallen. ´Poison Season´ eines nämlich ganz sicher: Das bislang kompakteste Werk aus dem Hause Destroyer, dass den Soul für sich entdeckt hat und die Pro-Tools einfach mal hinten anstellt.

Vielleicht das Problem des Kritikerlieblings: Irgendwann reicht die Musik nicht mehr aus, Zuschreibungen werden außen hinzugefügt und vernebeln ohne das Zutun des Künstlers selbst die angenehme Leichtigkeit seines Seins.

Aktuelles Album: Poison Season (Dead Oceans / Cargo)
© 01. September 2015  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Fabiola Carranza
September 2015

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