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IDLE CLASS - „Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat.“

Auf ihrem neuen Album „Of Glass And Paper“, das sie zusammen mit ihrem Freund und Produzenten Bastian Hartmann (u.a. City Light) innerhalb von 14 Tagen in den Ghost-City-Redcordings einspielten und aufnahmen, knüpfen sie zwar nicht nahtlos an ihrem Vorgängeralbum, aber an die damit verbundene Erfolgsgeschichte an, welche durch die elf aktuellen Songs nicht nur weitergeführt sogar ausgeweitet wird. „Of Glass And Paper“ besticht nicht nur durch die Live-Atmosphäre und dem präzisen Drumming, darüber hinaus durch den sanguinen Gesangswechsel und dem dynamisches Gitarrenspiel der fünf Westfalen. Es ist die patente Mischung aus Melodien, halsbrecherischen Gitarrenlicks, Punkrock, HC und profunden Texten, die sich hier an jeglichen Songs schmiegt. Grund genug um den feinen Leuten mal auf den Zahn zu fühlen.

Was war der Stein des Anstoßes Euch nach dem 90 Jahre alten gleichnamigen Film von & mit Charlie Chaplin zu benennen?

„In erster Linie war es eigentlich eine recht pragmatische Entscheidung: Der Name war quasi noch übrig. Stefan und ich spielen nämlich noch in Goodbye Fairground und wir hießen lange Zeit Paraquat, ein unaussprechlicher Name, weshalb wir uns in GF umbenannt haben. Idle Class stand damals aber auch zur Debatte und gefiel auch allen, blieb aber dennoch übrig. Ich brachte den dann ins Rennen, als es darum ging, dass wir einen Namen mit der neuen Kapelle brauchten. Der Background des Films mit seiner Gesellschaftskritik die oberen Zehntausend ein wenig zu verunglimpfen und auf die Schippe zu nehmen, war dann noch die Sahnehaube.“

Eure Debütkonserve, die EP „Stumbling Home“, wurde 2012 auf dem schwedischen Label Black Star Foundation veröffentlicht, was ihr in der Vergangenheit selbst als ´großes Glück´ angegeben habt. Wie darf man an dieser Stelle Euer großes Glück verstehen?

„Schlicht und ergreifend dadurch, dass man als junge Band, die gerade in den Startlöchern steht so ohne weiteres sofort ein Label findet, welches bereit ist kompromisslos mit der Band zusammen zu arbeiten. Von daher hatten wir diesbezüglich auf jeden Fall Glück.“

Euer musikalischer Stil wird nicht selten mit dem von Polar Bear Club, Anti Flag und den Flatliners verglichen. Was stimmt und was hinkt an diesen Vergleichen?

„Wenn irgendwer einen Vergleich aufstellt bzw. der Vergleich häufiger erwähnt wird, dann wird da ja (hoffentlich) auch irgendwas dran sein, allerdings ist es ja auch ein bisschen anmaßend wenn ich jetzt sagen würde „Ja klar! Die Vergleiche sind alle absolut richtig!“, aber es ist natürlich auch schön zu hören, wenn man mit Bands wie eben den Flatliners oder Polar Bear Club verglichen wird, weil wir diese Bands sicherlich einstimmig in die Top 10 einordnen würden.“

Ich behaupte mal ketzerisch, dass Euer musikalischer Output sehr amerikanisch beeinflusst ist. Welche Gründe veranlass(t)en Euch diese Art von Punkrock zu zelebrieren?

„Das hängt halt auch in erster Linie mit den Bands zusammen, die wir so hauptsächlich gehört haben oder immer noch hören. Da nehmen oben bereits genannte (neben vielen, vielen anderen natürlich) halt einen hohen Stellenwert ein und das transferiert sich natürlich auch unweigerlich auf den eigenen Schreibstil, würde ich mal behaupten wollen. Ich höre persönlich allerdings auch verschiedene andere Sachen gerne, die aber letztendlich nicht unbedingt zu uns passen würden. Da müsste man dann noch mehr dran herum tüfteln. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Letztendlich schreiben wir die Songs halt so, wie wir Bock drauf haben, dass das Resultat dann so klingt wie es klingt, ist halt so gekommen.“

Euer aktuelles zweites Studioalbum kommt bei UncleM raus. Welche Gründe veranlassten wen zu diesem Deal und wer kam auf wem zu?

„UncleM ist seit jeher an unserer Seite, Zu Beginn noch mit Promotion und jetzt halt mit dem Komplettprogramm. Das kam in erster Linie durch einen eher tragischen Umstand, da Emil, der Betreiber und Inhaber von Black Star Foundation, leider auf Grund von gesundheitlichen Problemen den Betrieb einstellen musste, sodass das letzte Release auf dem Label tatsächlich die Split mit Fights&Fires und uns war.“

Was bedeutet der Albumtitel bzw. was wollt ihr damit sagen?

„Der Albumtitel kam erst im Studio zustande bzw. haben wir erst dort beschlossen den Titel zu nehmen. Mir war auf der Suche nach dem Albumtitel, beim Durchgehen der Texte, aufgefallen, dass ich doch recht gerne Metaphern an den Haaren herbei ziehe, die sich irgendwie im weitesten Sinne mit Glass und Papier oder den Grundbestandteilen/ Elementen beschäftigen, also viele Texte „of glass and paper“ gemacht sind. Das schien plausibel genug haha.“

Was ist der Unterschied / sind die Unterschiede bezüglich Euren beiden Alben? Geflissentlich oder zufällig?

„Wir haben in erster Linie fokussierter Songs geschrieben, auch wenn es dann schlussendlich wieder kurz vor knapp war die Songs alle fertig zu bekommen, als es hieß, dass wir dann und dann im Studio sein müssen. Zudem war der Aufnahmeprozess diesmal ein Anderer: Wir waren eigentlich komplett abgeschottet in einem ganz kleinen Ort in Bayern, wo wir zehn Tage verbracht haben und völlig abgeschieden waren. Und wir haben diesmal nicht Instrument für Instrument aufgenommen, sondern als Band im Großraumstudio komplett aufgenommen. Das macht sich beim Sound sicherlich bemerkbar, aber das können die Hörer wahrscheinlich besser beurteilen bzw. lasse ich lieber andere be/urteilen.“

Welche Intention verfolgt ihr mit Euren Texten und was erhofft Ihr Euch davon?

„Also ich schreibe die meisten Texte eigentlich erst mal ohne Intention, sondern sehe mir nachdem ich etwas geschrieben habe an, was ich überhaupt will und wohin die Reise geht. Ist also mehr so'n klassisches „Work in Progress“-Ding, als eine gezielt thematische Abarbeitung gewisser Lebensumstände etc., auch wenn das Endprodukt dann meist natürlich schon eine Geschichte erzählt bzw. eine persönliche Bedeutung für mich hat, auch wenn wie bei jedem Songtext auch beiläufig immer noch alles frei interpretierbar ist.“

Wer oder was sind eigentlich feine Leute?

„Feinesahne Fischfilet vielleicht? Die sollen zumindest ganz nett sein, hab ich mir sagen lassen. Also in dem Falle dann „fein“ im Sinne von „nett“, nicht „pikfein“. Mit „pikfeinen“ Leuten kann ich gefühlt erstmal nicht ganz so viel anfangen, aber ich wüsste auch nicht unbedingt wen ich so bezeichnen würde aus meinem näheren Umfeld. Fein und Fein unterscheidet sich halt dann doch manchmal durch feinste Nuancen.“

Sind Menschen die sich gegen den Ansturm von Flüchtlingen äußern auch feine Leute?

„Jeder der gegen die Zuwanderung von Geflüchteten ist und gegen solche Menschen wettert, ist grundsätzlich erst mal ein Arschloch. Warum er das ist, sei erstmal dahin gestellt. Vielleicht kommt er/sie aus einer Familie von Arschlöchern oder ist nur mit Arschlöchern großgeworden, welche tolle Arschlochparolen auswendig gelernt haben, anstatt das große 1x1, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Vielleicht würde ein besseres Bildungssystem hierzulande schon eine gewisse Arschlochreduktion herbeiführen. Dass das Ausmaß, welches die Zuwanderung von geflüchteten Menschen ausmacht, allerdings nur gesamteuropäisch und nicht nur von einzelnen Staaten zu bewältigen ist, scheint in der Politik und in manchen Köpfen leider irgendwie aber auch nicht angekommen zu sein. Da verstehe ich nicht, wie die „feinen Leute“ in Brüssel und unter der Glaskuppel in Berlin und in allen anderen Staatspalästen von Helsinki über Paris bis nach Lissabon, nicht mit allen EU-Staaten an einem Strang ziehen müssen. Hab ich jetzt auf die Frage geantwortet, mich einfach aus der Affäre gewunden oder in die Scheiße geritten?“

Ihr habt einen Wunsch frei, welcher würde das sein?

„Geknüpft an die letzte Frage: Dass die WM mindestens boykottiert wird, da Katar seine Grenzen gegen Flüchtlinge komplett abschottet. Die würde ich damit auch noch zu den Arschlöchern zählen. Und es wäre schön, wenn alle „feinen“ im Sinne von „netten“ Menschen zu unserer Tour kommen, danke!“

Last but not least: Ein Statement in einem Satz!-)

„Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat.“
© 01. Oktober 2015  WESTZEIT ||| Text: Georg Lommen ||| Foto: Fabian Hoffmann
Oktober 2015

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