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JUPITER JONES - Pures Glück!

„Wir können mit vollgerotzten Taschentüchern untergehen, um dann mit brüllenden Fahnen wieder aufzustehen“, heißt es im Titelsong des neuen, sechsten Studioalbums der Band aus der Eifel, die zur Hälfte in Hamburg wohnt. Natürlich ist die Band in unserem Magazin kein unbeschriebenes Blatt – Jupiter Jones zierte in seiner bisherigen Historie auch unser Cover. Dennoch sollte man, das, was war, ruhen lassen.

Schließlich hat Ex-Sänger Nicholas Müller vor fast zwei Jahren Jupiter Jones verlassen (Müller zierte mit seinem neuen Projekt Von Brücken den Titel des Novemberheftes).

Der Hit ´Still´, der Jupiter Jones letztendlich den Durchbruch bescherte, ist halt an seine Stimme, seinen Text gekoppelt. Und damit ´ImmerFürImmer´ (Name der Nachfolgesingle) vergessen. Sven Lauer übernahm den Gesang. Damit ist von der Urformation neben dem Gitarristen Sascha Eigner lediglich noch Drummer Marco Hontheim im LineUp. Und der hatte sich kurz vor dem Interview „mit dem Vorschlaghammer auf den Daumen gehauen“, erzählt Bassist Andreas ´Becks´ Becker, seit 2009 mit der (nach dem Detektiv der Hörspielreihe ´Die drei ???´ benannten) Kombo unterwegs. Zur Tournee im April sollten alle Wunden verheilt sein – für den Promogig bei SR1 in Saarbrücken im März stellte sich das noch nicht so einfach dar. Sind die Wunden der Trennung von Nicholas Müller mittlerweile verheilt?

Becker: „Es ist nicht so, dass man Feuer hinterher spuckt. Es ist eher ein bisschen so, als wäre eine lange Beziehung zu Ende gegangen.. Mit etwas Abstand kann man sicher wieder ein Bierchen miteinander trinken.“

Eigner: „In der Öffentlichkeit gibt es keine bösen Worte. Es ist irgendetwas passiert, was nicht cool war. Aber es gehört eben nicht in die Öffentlichkeit!“

Becker: „Es sind Tatsachen falsch nach außen transportiert worden. Eigentlich ging es darum, dass Nicholas sich im Jupiter Jones-Kosmos nicht mehr wohl gefühlt hat. Seine Angstzustände waren nicht vordergründig...“

Vertraglich, anwaltlich zu streiten hatte glücklicherweise niemand Interesse. Die Absage der ´2014er Tournee´ durch recht große Hallen erfolgte jedoch tatsächlich auf Grund von Müllers Angstzuständen. Also, Schwamm drüber. Schließlich ist mit Sven Lauer ein neuer Sänger im Team, mit dem man vorher bereits freundschaftlich verbunden war. Ein Sänger-Casting war nicht infrage gekommen.

Becker: „Jetzt steckt in allen unseren Texten mehr von uns allen, wogegen es sich früher eher um Nicholas´ Texte handelte, nicht um die der Band.“

Eigner: „Sven hat einen völlig neuen Gesangsstil etabliert. Er musste sich das alte Programm draufschaffen. Der textliche Bereich zu `Brüllende Fahnen´ hat da nicht mehr hineingepasst.“

So holte man sich die Hilfe von Niclas Breslein, der von 1999-2007 in der Hamburger Formation Junges Glueck aktiv war. Da sowohl Eigner als auch Becker (letzterer seit fünf Jahren) in Hamburg leben, war nicht nur eine ideologische, sondern zudem eine geographische Nähe vorhanden.

Becker: „Er war in der Versenkung verschwunden, hat nichts mehr gemacht. Wir haben uns unterhalten, gefragt, ob er Bock hat. Dann haben Niclas, Sascha und ich uns eingegroovt. Es wurde ausgelotet, welche Stimmung, welches Thema ein Song bekommen sollte. Ein konkreter Input war der Start, dann legte Niclas los. Es gab einen regen Austausch. Niclas ist fast unser geheimes, fünftes Bandmitglied. Der Texter von Außen. Fast ein Jahr lang!“

Dazu kamen Kooperationen mit Jörkk Mechenbier, seit 2010 mit der Post-Punk-Gruppe Love A erfolgreich.

Becker: „Wir waren 2013 mit Love A auf einer kleineren Tour unterwegs. Sie haben uns supportet. Jörkk ist jetzt nicht einer, der topvorbereitet ankommt. Er lässt sich die Songs erst vorspielen, setzt sich ein, zwei Stunden mit einem Rotwein hin, und schreibt dann.“

Eigner: „Er hat das Playback laufen lassen, dazu dann Texte geschrieben.“

Der Kosmos von Jupiter Jones ist also mittlerweile fast ein Imperium – folglich weisen Becker und Eigner explizit darauf hin, das alle im gesamten Team für das gelingen wichtig sind. Wenn eine Aufgabe auch noch so klein ist! Darauf ist der Nukleus von Jupiter Jones stolz. Eigner bringt dennoch dezidiert seine Meinung zu den Songs ins Gespräch ein:

„Der Song ´Alle Türken heißen Ali´ behandelt ein wichtiges Thema ohne mit dem Zeigefinger zu zeigen. Inspiriert von Rainer Werner Fassbinders Film ´Angst essen Seele auf´, thematisiert der Track das Thema Gastarbeiter, und das - wie damals - wieder alles verkehrt gemacht wurde, eins zu eins ins heute übertragen wurde. Von Sepia ins HD-Fernsehen. Sehr charmant, gut auf den Punkt gebracht.“

Das Gesamtbild von ´Brüllende Fahnen´ hat die Qualität, Jupiter Jones aus den alternativen Kanälen ebenfalls in große Sender zu transportieren. Was man dem jungen Glück der neuen Formation auch als pures glück auslegen kann. Dieses Wortspiel wird Becker und Eigner nicht begeistern. Im interview erinnerten sie an einen Vergleich, den ein bekanntes Crossover-Magazin im Jahre 2007 zur Musik des Quartetts bemühte.

Eigner: „Das Visions hat im 4 Ohren-Test befunden, das wir nach Heinz Rudolf Kunze und Pur klingen!“

Becker: „Wer vorhat, zumindest Rock-musik zu machen, dann mit Pur verglichen wird, der fühlt sich natürlich vor den Kopf gestoßen.“

Eigner: „Es wundert mich nur, nachvollziehen kann ich es nicht.“

Auch das ist pures Glück, dass derlei Vergleiche sich schwerlich nachvollziehen lassen. Da heißt es, einfach ´Brüllende Fahnen´ flaggen, und (wieder) aufstehen!

Aktuelles Album: Brüllende Fahnen (Four Music / Sony Music)
© 02. April 2016  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Sven Sindt
April 2016

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