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ON AN ON - Voluminöse Geste und großes Gefühl

On An On sind so eine Art Ruinenband. Sänger/Gitarrist Nate Eiesland, seine Frau, die Keyboarderin Alissa Ricci und Ryne Estwing am Bass sind oder besser, waren drei Fünftel der Indie-Pop-Band Scattered Trees aus Chicago und Minneapolis. Die beiden anderen zwei Fünftel hatten auf halber Strecke zum zweiten Album keine Lust mehr und stiegen aus. Was tun? Einfach weitermachen, wäre eine Alternative. Als Trio. Genau das geschieht. Und schon sind On An On aus der Asche von Scattered Trees empor gestiegen.

Keine sterilen Töne

Statt Scattered Trees gehen jetzt On An On ins Studio und den Produzenten, nämlich Dave Newfeld, den nehmen sie gleich mit. Ja, das ist der, der auch schon bei Broken Social Scene oder Super Furry Animals seine Finger im Spiel hatte.

„Die nun mehr mögliche Neuorientierung als Trio ließ es auch zu, uns von den sterilen Töne der Vorgängerband abzuwenden“, erklärt Nate Eiesland. Steril sind die Klänge von On An On definitiv nicht, sie sind von Notenbauch bis Notenhals in Melodien getaucht, die einen bisher kaum gekannten Suchtfaktor haben.

„So verwunderlich ist das gar nicht“, sagt Alissa Ricci, „wenn man weiß, wie sehr wir The Beach Boys verehren.“

Eine einleuchtende Erklärung für die euphorisch explodierenden Synthiefeuerwerke. Voller wildem Tempo steigen sie auf und sanft gleiten sie zu Boden. Zwischendurch zischen heftige Gitarren und die Bässe erkunden, wie tief es denn wohl gehen könnte. Und der Bauch dröhnt. Aber wohlig. Solche Musik kann nicht ungehört bleiben. Die Leute, die bei Grey's Anatomy für die Musik zuständig sind, sind den Klängen von On An On auch erlegen und haben das Stück ´Ghosts´ in eine Episode gepackt.

Das dritte Ohr

Natürlich ist jeder Künstler in seiner Arbeit so involviert, dass es oft am nötigen Abstand mangelt.

„Da kann man sich komplett in den eigenen Stücken verlieren und sie sogar zu Tode denken“, weiß Ryne Estwing, „das passiert nicht, wenn man einen Produzenten wie Dave Newfeld mit im Studio weiß. Mit seinem dritten Ohr bremst und sorgt er dafür, dass die Stücke nicht so geschliffen klingen.“

Rohdiamanten ist die richtige Bezeichnung für die Lieder von On An On. Obwohl sie größer sind, als jedes Breitwandformat, sind sie nie überladen oder zuckersüß klebrig. Die Stücke sind auf feinste Weise ausbalanciert. Was schlichtweg damit zusammenhängt, dass ihnen einfache, reduzierte Liedstrukturen zugrunde liegen. Sie würden auch nur mit Gitarre und Stimme funktionieren. Doch auch in der üppigen Inszenierung von On An On laufen die Stücke zur Hochform auf. Die aktuelle Single ´The Hunter´ ist ein probates Beispiel dafür. Um ein präzise treibendes Trommelfeuer herum macht sich eine hochfliegende Melodie breit, die gemeinsam mit der aufwühlenden Stimme, die auch durch den Uralt-Effekt-Vocoder gejagt wird, dem Stück den Charakter einer stadiontauglichen Hymne verleiht.



Ursprüngliche Kraft und Frische

Auch textlich ist ´The Hunter´ beispielgebend für die Fragen, die On An On aufgreifen: Liebe, Verfolgung, Gefangenschaft und Tod. On An Ons Texte sind Ausdruck einer Krisenerfahrung und zugleich der Strategie zur Krisenbewältigung. Ihre Poetik folgt dabei Rainer Maria Rilke und seiner vielschichtigen Logik, die Verluste als Gewinne, Niederlagen als Siege und Beschädigungen als Auszeichnungen verbuchen kann. On An Ons Vertonungen von der dunklen, brachialen Seite des Lebens sind jedoch voll von instrumentaler Wärme. Neidlos muss man feststellen, all’ diese negative Gefühle auslösenden Themen haben noch nie ein solch prachtvolles Klangkleid getragen. Leidenschaft, Zärtlichkeit, Schmerz oder große Geste - bei On An On ist alles echt. Durch die radikale Unverblümtheit, die aus jedem Stück springt, wird die erste Platte ´Give In´ zu einem feinfühligen, ausdrucksstarken und melodischer Meisterwerk, voller ursprünglicher Kraft und Frische, die neue und andere Welten erschafft. Am Ende eines jeden Stückes hat der Hörer einen Parforceritt hinter sich, der musikalisch und textlich immer satt farbig und nie schwarz-weiß ist. Einen, der zwar klare Konturen zeigt, sie aber an den Rändern so weich zeichnet, dass das Kopfkino des Hörers wild befeuert wird.

Aktuelles Album: Give In (City Slang / Universal)
© 01. März 2013  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
März 2013

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