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FINN MARTIN - Abenteuer und Weite

Reisen und Musik sind Finn Martin große Leidenschaften. Doch zunächst bleibt man am Namen Finn Martin hängen. Den kennt man irgendwo her? Doch woher bloß? Von Asher Lane, einem Quintett, das mit dem Stück ´New Days´ eine Werbekampagne untermalte. Doch zurück zu den Leidenschaften. Zurück zu Abenteuer und Weite. Dass Reisen bildet, ist bekannt. Doch dass Orte nicht einfach nur x-beliebige Adressen irgendwo sind, das wusste schon Joseph von Eichendorff. Schließlich war er es, der da sagte: „Schläft ein Lied in allen Dingen/Die da träumen fort und fort/Und die Welt hebt an zu singen/Triffst du nur das Zauberwort.“

Lieder sind Schnappschüsse

Damit die Orte ihr Geheimnis preisgeben und ihre musikalische Geschichte erzählen, bedarf es des genannten Zauberwortes.

„Oder eines Zauberstabs, der kann da auch hilfreich sein“, lacht Finn Martin und sein blauen Augen leuchten wie Scheinwerfer, „das ist meine kleine Gitarre. Die habe ich immer dabei, wenn ich unterwegs bin.“

Das Instrument wird auch gebraucht, um den Ort musikalisch verarbeiten zu können. Es geht dabei um jene magischen Momente, die sich natürlich nicht ankündigen. Sie sind plötzlich da. Einfach so. Dann zückt Finn Martin seine Gitarre. „Ich spiele dann, was ich spielen muss. Ganz unbewusst“, versucht er sich den eigenen Kompositionen zu nähern, „ich nutze die Gitarre für Momentaufnahmen. Für Schnappschüsse. Der Platte ‚Change’ liegen tatsächlich etwa 60 dieser Momentaufnahmen zugrunde.“

Und es sind nicht nur musikalische Skizzen, die Finn Martins Reisetagebuch füllen. Der Besuch von unterschiedlichsten Orten provoziert nicht nur Musik. Auch Texte.

„Bei diesem Album waren oft wirklich zuerst die Texte da“, fährt er fort. Die Zeit nach Asher Lane hat Finn Martins Skizzenbuch mehr und mehr prall gefüllt.



Platten sind Landkarten

Dieses bunte Archiv aus Noten und Buchstaben, aus Bruch- und Versatzstücken, das will gezähmt und bearbeitet werden. Nur so werden Lieder daraus, die die Weltkarte vermessen und die Platte ebenfalls zu einer Landkarte machen und die ausgewählten Lieder sind die leuchtenden Stecknadeln, die Finn Martin auf diese Weltkarte gepinnt hat. Dafür, warum Finn Martin wo die Nadel auf der Karte steckt, hat er eine einleuchtende Erklärung.

„Die Liedskizzen sagen es mir. So einfach und so kompliziert ist das“, reflektiert seine Reiseeindrücke, „Stücke schreiben ist etwas sehr Intuitives. Die Skizzen müssen mich beim Blättern im Reisetagebuch anspringen. Ein Lied, das entsteht, muss mich erstmal selbst berühren. Wie soll es sonst später die Chance haben, einen Zuhörer zu berühren? Ich muss beim Ausformulieren selber eine Gänsehaut kriegen. Dann weiß ich genau, dieses Stück kann jede, Emotion transportieren.“

Was sich jetzt so durchdacht anhört, diese intensive Kommunikation mit dem Stück kann nur unbewusst geschehen. Das muss bei Finn Martin wohl der Fall sein; denn seine Stücke auf ´Change´ klingen so, als sie jedes einzelne Lied durch ihn hindurch geflossen. In die Gitarre. In die Stimme.



Das unmittelbare Leben

Um dieses Unmittelbare, diese Lebendige in den Liedern zu konservieren, bedient ich Fiann Martin lediglich eines Trios. Neben ihm und seiner Gitarre gibt es noch einen Tastenmann und einen Schlagzeuger. Fertig.

„Für mich Trio, die reinste Form des Musikmachens“, erklärt Finn Martin, „diese Formation ist für mich auch keine Limitierung. Eher wächst aus dem konzentrierten Dialog von uns Dreien eine unbändige Kraft.“

Wo der Mann Recht hat, hat er Recht. Man bedenke nur, was das Trio von Police für einen kraftvollen und explosiven Klang fahren konnte. Ein solches Trio kann also sowohl dem satten Ton frönen, aber genau so dem feinfühligen. So ist es Finn Martin und seinem Trio gelungen, die Ausdrucksmöglichkeiten von elektronischen, folkigen und popigen Noten wunderbar verführerisch auf den Punkt zu bringen. So verführerisch, dass es den Musikern gelingt, das musikalische Gespräch untereinander in einen Dialog mit dem Hörer zu verlängern. So wird zeitlose Musik gemacht. Auch beweist Finn Martin mit ´Change´, was für ein grandioser Geschichtenerzähler er ist. Ein Reisegeschichtenerzähler. Er bringt den Zuhörer so an Orte, an denen er noch nicht war. Orte, in denen er sich verlieren kann und seine eigene Geschichte weiter erzählen kann. Finn Martin lässt in seineN Geschichten immer den Raum dafür.



Der raue Charme eines Demos

Finn Martin hat mit ´Change´ eine ganz gefährliche Klippe umschifft. Die der allumfassenden technischen Möglichkeiten. Finn Martin nutzt sie nicht in ihrer ganzen Fülle aus. Genauso, wie er sich auf die pure Kraft des Trios besonnen hat, besinnt er sich darauf, dass eine große Liedkraft auch daraus erwächst, dass Klänge auch mal perfekt unperfekt daherkommen.

„Es ist einfach so, du gehst ins Studio nimmst mit allen Raffinessen auf, die dir die dortige Technik bietet“, sagt Finn Martin, „dann sitzt du in der Abhörkabine und der raue Charme, den das Demo noch hatte ist weg. Das Stück ist leblos geworden. Jegliches Gefühl ist ihm ausgetrieben worden. Dann kann ich nicht anders, ich will zum unmittelbaren Leben der Ursprungsversion zurück. Und darf es auch sein, dass die Demoversion auf der Platte erscheint. Man muss eben nicht alles nutzen, was die Technik bereit hält.“

Würden das mehr Künstler beherzigen, dann gäbe es auch viel weniger schlechte Platten. Die von Finn Martin, die gehört zu den guten!

Aktuelles Album: Change (EMI Music)
© 02. März 2013  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Lennart Brede
März 2013

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