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I AM KLOOT - Liederstriptease

Da entsteht schon ein höchst interessantes und brodelndes Gebräu, wenn sich das Quintett aus Sänger und Gitarrist John Bramwell, Schlagzeuger Andrew Hargreaves, Bassist Peter Jobson sowie Sänger und Gitarrist Guy Garvey und Tastenmann Craig Potter zusammentut. Wie jetzt? Wer tut sich da zusammen? Keine Sorge, I Am Kloot bleiben I Am Kloot und Elbow bleiben Elbow. Nur das Guy Garvey und Craig Potter die neue, nunmehr sechste Platte ´Let It All In´ von I Am Kloot erneut produziert haben. Seit dem Debüt von I Am Kloot stehen sie an der Seite der Band aus Manchester. Alle zusammen haben sie ein aufregendes und deutliches Statement in Sachen reduziertes Lied geliefert. Ganz so, wie es Andrew Hargreaves in dem Satz zusammenfasst: „Was wir als Trio nicht ausdrücken können, wird uns auch mit hunderten von zusätzlichen Musikern nicht gelingen. Die Stücke haben praktisch einen Striptease hingelegt und erst, als wir nichts mehr wegnehmen konnten, da waren sie fertig.“

Kein kreatives Diktat

Der Weg dorthin ist bei I Am Kloot ein überaus spannend. Obwohl John Bramwell alle Stücke schreibt, gibt es ein kein irgendwie geartetes Diktat.

„Es ist ein instinktives Arbeiten“, erklärt Peter Jobson, „John Bramwell schleppt die Stücke an, spielt sie auf der Gitarre und wir steigen ein. Wie bei einer Session. Unsere kreative Kommunikation funktioniert ohne Worte. Er schreibt auch nicht wirklich etwas vor. Es geschieht einfach. Es fließt. Und irgendwann ist aus unserem Beitrag und seinen Noten das fertige Lied entstanden.“

Dann sind sie da, diese kleinen, charmanten Rhythmen, die unter den flauschigen Melodien liegen. Melodien, die ihre Flauschigkeit manches Mal auch nur antäuschen, leise sanft und sachte beginnen sie und nehmen dann voll Fahrt auf.

„Rock’n’Roll trifft auf Frank Sinatra“, so skizziert John Bramwell diese Art von Liedern und lächelt. Doch dann gibt es noch die Momente, da drängt sich kein Frank Sinatra dazwischen, dafür aber Geiger -wie bei der Singleauskopplung ´Hold Back The Night´- oder Bläser -wie etwa die wunderbare Trompete im Stück ´Some Better Day“- oder das anschwellende Keyboard in ´Even The Stars.´ Und doch, die deutliche Reduziertheit bleibt. Die ganz großen Orchestermomente sind dem einzelnen, gezielt gesetzten Strich der Geige oder dem abgeklärten Bläserstoß gewichen. Manches mal geht die gewollte Einfachheit so weit, dass das Trio Stille in Erhabenheit zelebriert. Durch diese Art, ihren Stücken immer wieder auf besondere Art selbst zu lauschen und zuzulassen, was die Stücke fordern, sind I Am Kloot heute eine Band, deren Kreativität in Ruhe reifen durfte und die mit zunehmendem Alter immer besser wird. Gleichzeitig untermauern sie mit dem aktuellen Werk ihren Status, eine der prägenden Bands der britischen Szene zu sein. Und so ist die Mercury-Prize-Nominierung für ´Sky at Night´, die letzte I Am Kloot-Veröffentlichung aus dem Jahr 2010, mehr als konsequent. Den Preis haben I Am Kloot übrigens völlig zu Unrecht dann doch nicht erhalten.



Stadiontaugliches Aufbrausen

Das neue Album enthält zehn Stücke, die mal balladesk, dann wieder psychedelisch treibend den Hörer in ihren Bann ziehen. I Am Kloot greifen den Faden dort auf, wo sie ihn mit dem letzten Album ´Sky at Night´ abgelegt haben. Die herausragende Stückstruktur, der Scharfsinn der Texte, die melodische Feinfühligkeit sind auch die Eckpunkte, die ´Let It All In´ auszeichnen. Jedes der Lieder ist eine kleine Schatztruhe. Randvoll gefüllt mit musikalischen Preziosen. Da ist zunächst die schmirgelig-brüchige Stimme von John Bramwell, die auch gleichzeitig fließend wie leuchtender Honig sein kann, der langsam und ohne Hast vom Löffel tropft. Hinzu kommt sein bluesigen Gefühl und die hörbare Liebe zu Tom Waits, die er gleich beim ersten Stück ´Bullets´ voll auslebt. Was die Struktur und Ausgestaltung der Lieder anbetrifft, da hat er sich hörbar von The Beatles inspirieren lassen. Auf diesem Album haben I Am Kloot den reduzierten Klang von John Bramwells Akustik-Gitarre weiter kultiviert, genauso, wie die dunklen, oft grummelnden Basstöne von Peter Jobson und das sanfte fellstreichelnde Schlagzeugspiel von Andrew Hargreaves. Die Stücke bewegen sich stets auf einem schmalen Grat und erst lange nach Beginn geben sie preis, ob sie in ein Tal von Tränen abstürzen oder sich in jauchzend hoch in den Himmel erheben. Doch sind die angesprochenen Liedschätze gar nicht so einfach zu knacken und geben ihren Reichtum nur langsam preis.

„Dabei entspringt aus den fein gezeichneten Details die explosivste Kraft“, darauf verweist Peter Jobson, „fein und filigran hingetuscht, aber kaum gemalt, heben und senken sich die Linien, weil die Töne unter ihnen magmagleich glühen.“

´These Days Are Mine´ ist so ein Stück, das sich leise heran pirscht und dann stadiontauglich aufbraust.



Das Funktionsprinzip von I Am Kloot

Doch bei aller analysierenden Betrachtung des Trios und der kreativen Arbeit von I Am Kloot, darf das Elbow-Produzentenduo Guy Garvey und Craig Potter dabei nicht aus dem Auge verloren werden. Schließlich sind sie seit dem ersten I Am Kloot-Album ´Natural History´ maßgeblich beteiligt am Aufstieg der Folkpop-Romantiker beteiligt.

„Es gibt schließlich so etwas wie eine Arbeitsteilung, jetzt keine bewusste, bei der Aufgaben verteilt werden, sondern eine organisch gewachsene, bei der es keinerlei Absprachen bedurfte“, erklärt Andrew Hargreaves das Funktionsprinzip von I Am Kloot, „John Bramwell ist eben zuständig für das Schreiben der Stücke. Er ganz allein. Doch sind sie danach noch nicht fertig. Und an dem Punkt kommen Peter Jobson und ich ins Spiel, unsere Gedanken und natürlich unsere Instrumente. Die Stücke wachsen weiter. Ohne irgendwelche Egospielereien.“

Doch damit nicht genug. Obwohl eigentlich alles schon da ist, der bluesig warme Grundton, die so oft dunkel verfärbten Textzeilen. Diesmal vielleicht nicht ganz so dunkel. Fertig sind die Stücke dann trotzdem noch nicht.

„Wir legen sie in die Hände von Guy Garvey und Craig Potter“, fährt Peter fort, „einfach so. Wir vertrauen ihnen inzwischen so blind, dass es nie zu einer Dis-kussion darüber kommt, was sie mit ihnen anstellen. Es ist so, dass sie die Lieder, wie soll ich es ausdrücken? Sie bringen sie in Form? Ja, das ist treffend.“

Während das letzte Album eher eine Konzeptplatte war und dadurch limitiert war, ist ´Let It All In´ eine Ansammlung von einzelnen Liedern ohne eine Verbindung untereinander. Das eröffnet dem Trio, die Möglichkeit, noch mehr Seiten ihrer Kreativität gleichzeitig zu zeigen. Das Spiel mit Raum, Dynamik und Drama ist ein anderes. Ein größeres. Und doch klangen I Am Kloot nie fröhlicher.

„Auch das stimmt“, bekräftigt Peter Jobson, „ich glaube sogar, bis auf zwei Stücke sind alle Lieder in Dur geschrieben, also in der helleren und klareren der beiden Tonarten.“

´Let It All In´ zeigt einmal mehr, mit welcher Hochspannung John Bramwell, Peter Jobson und Andrew Hargreaves ihre Lieder aufzuladen in der Lage sind. Gepaart mit einer Herzenswärme auf dem Niveau höchster südlicher Temperaturgrade, sind I Am Kloot mit ´Let It All In´ auf einem Schaffenshöhepunkt zu erleben. Einem, der ihnen die Chance bietet, aus dem Aufmerksamkeitsschatten, in dem sie sich immer noch befinden, ins strahlende Rampenlicht heraus zu treten.

Aktuelles Album: Let It All In (Shepherd Moon / PIAS / Rough Trade)
© 03. Februar 2013  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Lawrence Watson
Februar 2013

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