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BOSSE - Tierisch gut!

Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder. Man ist mitten drin im Business, alles erscheint kalt, routiniert und verplant. Plötzlich trifft man dann einen Menschen! Axel Bosse ist so ein Mensch! Und er hat ein wirklich tierisches, sehr privates Album gemacht, ohne dergleichen permanent zu betonen!

Der Promotiontag mit Axel Bosse anlässlich der Veröffentlichung seines fünften Soloalbums ´Kraniche´ war sozusagen das Ende einer Reihe von Missverständnissen, die darin gipfelten, dass noch einmal eine gebrannte Version des zweiten Longplayers ´Guten Morgen Spinner´ zugestellt wurde, auf der jedoch die ursprünglich darauf enthaltene Originalversion vom veritablen 2011er Hit ´Frankfurt Oder´ (für ´Wartesaal´ mit der fabelhaften Anna Loos von Silly neu eingespielt) nicht mehr enthalten war. Lassen wir also einfach den Protagonisten selbst erzählen, ohne marketingstrategische Schönfärberei zu betreiben!

„´Guten Morgen Spinner´ fand ich gut. Es war eine andere Welt. Dennoch – es sind auch alles Songs. Ich glaube, bei Songs, die Popmusik sind – das ist so, die haben alle eine Strophe und einen Refrain- ...“

Der Komponist stoppt, setzt neu an.

„Irgendwann in den nächsten 10 Jahren werde ich ein Album machen – es wird ein ruhiges Album werden-, mit Streichern, wo ich mir Songs aus all den Alben herauspicken werde. Da wird man merken, dass alles nicht so weit auseinander ist. ´Frankfurt Oder´, okay, dass geht auf jeden Fall. Aber die Euphorie, das Album mag ich fast am liebsten, immer noch! Es liegt nicht daran, weil es so hart ist, oder live eingespielt, sondern, weil die Songs echt ziemlich gut sind, wie ich finde. Sie sind aber ein bisschen altertümlich gemacht. Ich hätte mir gern mehr Mühe gegeben. Das Album wurde in 7 Tagen eingespielt, wobei gerade das auch seinen Charme hat. ´Taxi´ ist das absolute Gegenteil davon. Jetzt, mit dem neuen Album, kommen wir der Sache wieder näher. Ich hatte Bock drauf, endlich mal wieder mit Leuten Musik zu machen. Das letzte Mal, dass ich mit Leuten Musik gemacht habe, war auf ´Guten Morgen Spinner´. Der gesamte Rest ist eben immer gestückelt gewesen bei mir!“

´Guten Morgen Spinner´ war subjektiv kein kommerzieller Erfolg, die damalige Plattenfirma ließ Bosse ziehen. Er ist nun total en vogue, während das alte Label scheinbar ums Überleben kämpft. Angst vor der eigenen Courage? Angst allgemein? Ein Track von ´Kraniche´ heißt ´Alter Affe Angst´:

„Da geht es im allgemeinen um Verlustangst, oder eine Grundangst, die einen so umtreibt. Der Song lag mir schon lange auf den Fingern, auch dieses Thema. Ich wollte damit so umgehen, dass ich nach einem Bild such(t)e, was das auch lächerlich macht. So geht es vielen Leuten, die Angst haben. Man freut sich danach, denkt, was war denn mit mir los? Irgendwann kam das Bild des Affen. ´Der alte Affe Angst´ ist ein Ausspruch, den es schon lange gibt. Ich fand das tierisch! ´Alter Affe´ klingt super, weil es eine Alliteration ist – Alter Affe Angst, 3 mal A. Der tanzende Affe mit der Mucke, mit den Bongos, den Streichern, alles übertrieben. Die ´Tarantino-Trompete´ zieht es auch ein bisschen ins Lächerliche.“

Überhaupt ist ´Kraniche´ ein sehr persönliches Werk geworden. Sehr schön diesbezüglich dann die Tatsache, dass Axel Bosse dergleichen nicht plakativ betont. Er erzählt einfach. Macht. Das verleiht ihm eine gewisse Macht, macht ihn zudem symphatisch. Autobiographisch ist das Gesamtwerk ´Kraniche´ jedoch nicht, auch wenn es definitiv Lieder gibt, die der Tochter bzw. der Gattin quasi gewidmet sind.

„Wir waren ein halbes Jahr in Istanbul. Meine Frau ist Deutsch-Türkin, sie hat in Deutschland versucht, Tatort-Kommissarin zu werden. Oder zumindest Rollen zu spielen, die irgendwie Freude machen würden. In der Türkei klappt es seit circa 3-4 Jahren. Sie hat dort eine Öko-Komödie gedreht, spielt eine deutsche Umweltaktivistin. Die Türkei hat ja ziemlich viele Probleme, was ihre Umweltbelastung angeht. Ich bin direkt nach der `Wartesaal-Tour´ nach Istanbul gezogen. Das war Anfang 2012. Istanbul war uns immer zu groß. Diesmal haben wir es wirklich -mit Kind - versucht, dass wir vielleicht sogar dableiben. Nun sind wir wieder hier. Es war dort super, dennoch ist es aber so - was ich auch immer noch so von Berlin denke - , dass ich mit meiner Tochter nicht in eine Riesenstadt muss. Ich kann außerhalb wohnen. Das wäre in Istanbul nicht möglich gewesen, weil es noch mal 80km länger ist. Wir haben wirklich zentral gewohnt. Da habe ich begonnen, dass neue Album zu schreiben. ´Istanbul´ war Song No.1!“

Acht Tracks wurden in der Türkei geschrieben, und nicht nur das fernöstliche Flair von ´Istanbul´ (Songtitel) verleiht dem gesamten Epos ein internationales Format. Es atmet die Luft der weiten Welt. Groß waren diesmal zudem die Aufnahmestudios. Vielleicht erklingen die erarbeiteten Sounds deshalb ungleich relaxter als auf dem sehr erfolgreichen Vorgänger ´Wartesaal´. Diese Freiheit hört man. Der Himmel erscheint voller Geigen, bzw voller Kraniche. Und lassen den Komponisten immer mal wieder (musikalisch) nach Hause fliegen. „Familienfest“ ist allerdings fiktiv zu verstehen.

„Ich komme aus einer ziemlich heilen Familie. Meine Eltern sind immer noch glücklich, machen Städtereisen. Ich fand den Aspekt zu ´Familienfest´ gut, habe ein Buch gelesen von Altmaier, dem Journalisten, der Reisedokumentationen schreibt, die tierisch sind. Irgendwann kam dieses Buch, wo er über die Beziehung seines Vaters schreibt. Es war der Anstoß für mich, mir Gedanken zu machen, was eigentlich bei mir im Freundeskreis, in der Familie, im Argen liegt. Ich kann mich da komplett raushalten, doch es ist schon so, dass ich diese Fassade zwischen einer älteren Generation, die um die 60 ist, und deren Kindern, die vielleicht eine Menge Dinge mit ihnen durchgemacht haben, die jetzt auch Kinder haben, ganz interessant fand. In dem Song trifft die Hauptperson wieder auf ihre Familie, verbringt dort Zeit. Die Fassade fängt langsam an zu bröckeln. Ich habe das wie einen Kurzfilm gesehen.“

´Kraniche´ ist jedoch keinesfalls ein trauriges, negatives Werk. Es sprüht nur so vor Lebensfreude. Und es huldigt (mit der ersten Singleauskopplung) der schönsten Zeit...

„In ´Schönste Zeit´ geht es um den Anfang aller Dinge. Bei mir war es so, dass ich über die Personen zu ultravielen Sachen gekommen bin. Zu guter Musik, zu meinem ersten Song. Es geht darum, dass man diese Zeit abfeiert, weil man dort alles zum ersten Mal gemacht hat. Mittlerweile, was ganz viele Dinge betrifft, ist man so abgebufft, auch wenn es immer mal wieder Überraschungen gibt. Der Song feiert noch einmal die guten alten 90er, wo man eigentlich nicht richtig viel zu tun hatte, außer, anfangen zu rauchen, sich zu lieben oder gute Musik aus Amerika und England kennen zu lernen. Mir geht es super oft so, dass, mich Leute fragen, ´Oh, ist das nicht anstrengend in diesem beschissenen Musikgeschäft, wo alles bergab geht, wo nur Vollidioten arbeiten´, usw., was natürlich übertrieben ist. Für mich ist es so, dass ich oft zurückdenke. Wenn ich jetzt eine Einladung zum Hurricane-Festival bekomme, dann denke ich mir schon, ´Alter, als ich 13 oder 14 war... wenn mir da jemand vom Rock am Ring oder vom Hurricane erzählt hätte, ich hätte das nicht geglaubt, da wäre ich gegen Bäume gelaufen, so hätte ich mich gefreut. Ich finde es gut, wenn man sich hier und da mal zurückerinnert, wo man eigentlich herkommt, wie man angefangen hat. Weil man dann wieder anders genießen kann. Der Mensch ist ja so, dass er irgendwie immer so drin ist, in einer Sache, `es´ überhaupt nur macht, weil er gestresst ist, keinen Moment hat, wo er ausruht; sagt, `Ich freu mich jetzt darüber, dass es so ist´. An einem Tag wie heute könnte ich sagen, `Scheiße, ich habe 10 Interviews, wie anstrengend. Eigentlich muss ich doch noch meine Tochter abholen, sie zum Ballett bringen. Am Ende ist es aber doch so- ich freue mich, dass ich hier immer noch sitze, Interviews geben darf. Über meine verdammte Platte! Und darüber geht es in dem Song! Das man das nicht vergisst. Das man sich vor Augen halten muss, in was für einem Luxus man lebt!“

Danke, Axel, für ein so ungewöhnlich ehrliches Gespräch, dass hoffentlich keine Nachteile nach sich zieht. Respekt vor einem Mann, der ehrlich und authentisch ist! Axel Bosse muss sich keine Sorgen machen, er wird seinen Weg gehen! Garantiert!

Aktuelles Album: Kraniche (Universal) VÖ: 08.03.
Weitere Infos: www.axelbosse.de/
© 03. März 2013  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Nina Stiller
März 2013

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