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NICKELBACK - Die Welt der Beweise

Als das erste hierzulande erhältliche Nickelback-Album "The State" erschien, stellten wir fest, dass hier eine handwerklich mehr als ordentliche Band zu Gange ist, die obendrein auch noch wundervolle Songs schreiben kann. Der Nachfolger "Silver Side Up" und die daraus stammende Hit-Single "How You Remind Me" bedeuteten daraufhin den Durchbruch mit einer Hymne, die sowohl gestandene Rockfans als auch zierliche Radio-Junkies in die Knie zwang. Nach unzähligen Touren und der vermeintlichen Reduktion auf einen Song schlägt die wohl erfolgreichste Rockband dieses Jahrtausends mit "The Long Road" wieder einmal zu – und wird sicher ihren Weg weiter gehen.

Denn mit diesem Album beweist die Band eindeutig, dass sie eine wahrlich harte Rockband ist, wie Sänger/Gitarrist Chad Kroeger und sein Bruder, Bassist Mike, im Interview gerne verdeutlichen. "Die Leute sollten wissen, dass Nickelback auch abseits von "How You Remind Me" eine Menge zu bieten hat. Klar, wir sind mit diesem Song populär geworden und er hat uns eine Menge Fans beschert. Aber es ist schön, die Leute zu überraschen, besonders diejenigen, die denken, wir wären eine Soft-Rock-Radio-Band." So hat besagtes Lied zumindest die Welt von Nickelback auf einen Schlag verändert, wenn nicht sogar den gesamten Rockzirkus. "Man sagt gerne, dass man nur einen guten Song braucht. Wir dagegen dachten, dass man ein gutes Album braucht, um es zu schaffen. Aber wir wurden eines Besseren belehrt und dieses Lied veränderte alles. Ab diesem Zeitpunkt ist es nur eine Frage, ob man dieses Level aufrecht erhalten kann, ob man einen weiteren guten Song und ein weiteres gutes Album nachlegen kann." So geisterte auch im Zusammenhang mit Nickelback der Begriff One-Hit-Wonder. "Das ging schon fast soweit, dass man sagte, dass es als Versagen abgestempelt wurde, einen Hit zu haben, was uns nicht wirklich verständlich ist. Aber dieses Szenario ist halt immer das gleiche. Wenn es nicht einfach nur Glück war, muss man es erneut beweisen. Wenn du einen Song schreibst, mit dem sich viele Leute identifizieren können, wird er als Hit klassifiziert. Wenn du diese Machart beibehalten kannst, baust du dir eine Karriere auf. Wenn wir keinen zweiten Hit schaffen, haben wir in den Augen vieler Leute versagt. Traurig, aber wahr." Ähnlich traurig für die Band ist, dass das zugehörige Album nicht den gleichen Stellenwert wie die Single hat oder hatte. "Das liegt einfach am Marketing. Wenn die Maschine es für wichtiger hält, nur einen Song herauszustellen, ist es halt so. Es kommen viele Leute zu unseren Shows, die nur die Songs kennen, die im Radio liefen. Die verlassen die Halle meistens ziemlich überrascht." Nun hat sich das Album "Silver Side Up" millionenfach verkauft, was aber nicht alleine auf den Erfolg der ersten Hitsingle zurückzuführen ist. "Natürlich hat "How You Remind Me" eine Menge Leute an das Album herangeführt, dann aber kommt der Zeitpunkt, an dem es sich weiter verkauft, weil die Leute sich an der Band erfreuen, und nicht mehr nur an einem Song. Wir haben fast 18 Monate getourt, wodurch wir der Welt unser gesamtes Spektrum zeigen konnten." Nun wird die neue Single "Someday" sicherlich die Lager spalten. Während eine Gruppe der Zuhörer den Song als Nummer-sicher-Geschichte kategorisieren wird, wird eine andere sagen, dass es durchaus schlimmere Dinge gibt, als dass man eine Band wiedererkennen kann. "Man muss tun, was man tun muss. Da kümmert es eigentlich wenig, ob die Leute das mögen, oder nicht. Wenn wir nun den härtesten Song des Albums rausbringen, würde er nirgendwo auf der Welt im Radio gespielt werden. Ein solches Vorgehen wäre der Tod unserer Karriere. Also kommt der Song, der die breiteste Masse anspricht, als Single raus. Wir benutzen "Someday", um der Welt zu zeigen, dass wir eine unlimitierte Rock-Band sind. Die Leute, die daraufhin unser Album hören, werden schnell merken, dass wir noch ganz andere Seiten haben. Dafür muss man sich öffnen. Wir würden uns und die Größe unserer Hörerschaft mit einer anderen Single limitieren, dass hat die Musikgeschichte eindeutig gezeigt. Wir sind und bleiben eine Rockband. Shania Twain oder Celine Dion haben eine maximale Zielgruppe, die um ein zehnfaches größer als die einer Rockband ist."
So diktiert es der Markt, was es der Band sicher nicht einfacher macht, sich in diesem zu behaupten. "Wir wollen alles mögliche machen, dazu gehören softe und auch harte Songs. Genau deshalb müssen wir auch ein paar Regeln befolgen. In gewissem Sinne brauchen wir die eine Sorte Songs, um die andere machen zu können. Im Endeffekt wollen wir immer noch ehrlich uns selbst gegenüber bleiben." Nun stellt sich die Frage, ob denn "Someday" eine gute Darstellung des Albums ist und nicht vielleicht viele Leute die Katze im Sack kaufen, wenn sie sich dadurch "The Long Road" zulegen. "Mit Sicherheit ist es nicht der repräsentativste Song, aber es ist der Zugänglichste. Wir haben mit diesem Album alles erreicht, was wir derzeit für uns erreichen konnten, und eben das zählt für uns am meisten. Der Rest ist Business. Wenn Du einen Plattenvertrag unterschreibst, bist Du nicht mehr der Besitzer deiner Musik. Du schreibst die Songs und nimmst sie auf, dein Label hat die Aufgabe, sie an den Mann zu bringen. Und wir haben Pflichten zu erfüllen, die die Strategien der Marketing-Leute mit sich bringen. Das Business ist wahnsinnig. Schau Dir den Chef unseres Labels an, der hört privat gerne Wagner, aber er nimmt Bands wie Slipknot unter Vertrag. Wie verrückt ist das? Er macht damit Geld, nichts anderes! Du musst in diesem Geschäft viel und am besten sehr schnell lernen. Die wichtigen Leute interessiert deine Kunst einen Scheissdreck, die interessiert nur ihre Rente und wie hoch sie ausfällt." Eine erfolgreiche Band hat viele Freiheiten, die mitunter fast erdrückend sein kann, sich im Falle von Nickelback aber eher positiv auswirkt. "Man hat uns vertraut, und wir zahlen das adäquat zurück. Wir haben das Album ohne fremde Hilfe aufgenommen und uns viel Zeit, Bier und Dope dafür genommen. Und das Ergebnis gibt uns wohl recht. Unsere Labelbosse sagten uns, wir sollten uns um nichts kümmern. Ausser darum, ein verdammt gutes Album abzuliefern. Denn eigentlich ist eine Single nicht alles, du kannst dich dahinter nicht mehr verstecken. Früher oder später, gerade durch das Internet, kriegen die Leute raus, was du sonst noch machst." Und das ist eine ganz Menge und vor allem, eine ganze Menge verschiedenster Sachen. "Genau das ist der Reiz, den Du als Musiker hast. Wir zeigen gerne unsere rockige Seite, aber auch gerne die mehr melodische Art. So schließt sich der Kreis, denn so haben wir Fans aus allen möglichen Sparten." Und das dies noch nicht alles war, werden uns Nickelback sicher mit ihren kommenden Veröffentlichungen beweisen. Denn ein Limit wird es sicher nicht geben, dafür ist die Straße, auf der sie sich bewegen, einfach zu lang.

Aktuelles Album: The Long Road (Roadrunner/Universal)
Weitere Infos: www.nickelback.com
© 03. Oktober 2003  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen ||| Foto: Daniel Moss
Oktober 2003

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