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FAVEZ - Jenseits des Röschtigrabens

Donnerstag, 18:00 Uhr, Köln, Gebäude 9. Die Promoterin ist schnell gefunden. Sie teilt mir mit, dass Favez noch nicht angekommen sei, obwohl sie selbst erst nach der Band in Berlin losgefahren sei. Ein Handytelefonat und eine viertel Stunde später erscheint ein Transporter samt Band und Equipment. Die Schweizer sind guter Dinge, obwohl die vergangene Nacht lang gewesen sein soll. Band und Promoterin tauschen sich kurz darüber aus, dass sie dieselbe Autobahn genommen und in den gleichen Staus gestanden hätten. Jetzt heißt es erst mal runter kommen, wobei ich erfahre, dass für Sänger, Gitarist, Texter und Sprachrohr Chris Wicky Reden eine sehr natürliche Sache sei, er könne dabei also gut entspannen. Dennoch verzögert sich das Interview noch um weitere zwanzig Minuten, da die Band ausladen muss.

18:40 Uhr, auf der Suche nach einem geeigneten Interviewort reden wir über das Magazin, über eine gute Review, die darin stünde, über eine Band, die Chris aus Amerika kennt. Ja, sie seien zweimal durch die USA getourt. „Das erste Mal war schrecklich, das zweite Mal war noch schlimmer.“ Das sei vor zwei Jahren gewesen, kurz nach dem elften September. Keiner wollte rausgehen, alle Bands hätten es schwer gehabt. „Nicht nur Bands wie wir, die immer eine schwere Zeit haben, weil wir Europäer sind und keine Anhänger dort haben. Wir verkaufen ein paar tausend Platten in den USA. Es kennt uns eben keiner, vielleicht in jeder Stadt zehn Kids.“ Er beendet den Satz mit einem sarkastischen Lachen. Das Resümee ist eben ernüchternd.
Aber wer ist die Band, die durch Amerika und jedes Land in Europa getourt ist? Sie sind Schweizer, aus dem französischen Teil, wo demnach der französische Kulturraum den prägenden Einfluss ausübt. „Die Mentalitäten prallen ständig aufeinander. Kennst du zum Beispiel den Röschtigraben? Röschtis sind geschnittenen und frittierte Kartoffeln. Die Leute in dem deutschsprachigen Raum essen die viel und wir essen die überhaupt nicht.“
Die Folge dessen sei gewesen, dass Favez anfangs nicht in den großen Schweizer Städten spielte. Ihre ersten Konzerte außerhalb der französisch sprechenden Schweiz waren München und Madrid. Aber eine Schweizer Band zu sein bedeute auch, dass man musikalisch total frei wäre, da es dort kein richtiges Musikbusiness gäbe, nur ein paar wenige Indielabels. „Die Musikszene ist sehr unzusammenhängend und jeder hört alles, weil keiner da ist, der sagt, was in ist. Daher ist die Schweizer Szene sehr offen, denke ich. Deswegen können wir mal eine Akustikplatte machen und dann wieder Metal und dann wieder Rock.“ Favez spielt also eine Art Heavyrock? „Rockmusik ist so verschiedenartig, dass du sagen kannst, du spielst Rockmusik, was immer du machst. Wir spielen halt Rockmusik mit Melodien, das ist alles.“ Aus diesen Songs stechen zum Teil Zeilen wie „I’ve been lonely as hell“ und „We never had a break, we never had a chance“ heraus. Über den Eindruck, dass die Texte Frustration und eine gewisse Aggression vermitteln zeigt sich der Autor verwundert. Nach einem langgezogenen „Strange“ lenkt er jedoch ein. „Ich glaube, ich kann sehen, was du meinst mit Frustration.“ Sie hätten erst in den vergangenen Tagen in der Band darüber gesprochen, dass immer wieder Leute ankämen und sagten, dass Favez doch mehr Platten verkaufen sollte als irgendwelche scheiß Bands. „Wir lachen nur darüber, denn es ist wirklich lächerlich. Alle Bands, die wir lieben, verkaufen keine Platten. Und alle Bands, die wir hassen, verkaufen Millionen. Und auch, wenn wir darüber lachen können, ist es frustrierend.“ Des weiteren seien Texte, die eine politische Message zu haben scheinen, wie „The Killer Show“ oder „The System“, Ausnahmen. „Wir sind über Zustände und Entwicklungen so besorgt wie jeder andere auch. Ich denke nicht, dass wir das Potential haben, andere zu belehren. Ich glaube an ein intelligentes Rockpublikum, das Dinge selber sieht und keinen braucht, der ihm etwas beibringt.“
Es geht auf 19:15 Uhr zu, der nächste Interviewer wartet schon und es wird kalt auf den Bierbänken. Chris’ letzte Worte über den Zusammenhang geographischer und musikalischer Wurzeln runden das lockere und lustige Gespräch treffend ab. „Musik kennt keine Grenzen, was das größte Klischee der Welt ist. Aber es ist absolut wahr.“
Weitere Infos: www.favez.com
© 01. Oktober 2003  WESTZEIT ||| Text: Ulf Kneiding
Oktober 2003

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