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Turin Brakes - Balsam für die Seele

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach Erscheinen des erfolgreichen Debütalbums „The Optimist LP“ liegt dessen legitimer Nachfolger in den Regalen. War und ist „The Ether Song“ das berühmt-berüchtigte schwierige "Zweite Album"?

Rückblende: Um die Jahrtausendwende und in der Zeit danach häuften sich die beinahe durchweg akustischen, ruhigen Töne in den Ätherwellen. Es tauchten Bands wie u.a. „Kings Of Convenience“, „I Am Kloot“ oder eben „Turin Brakes“ auf, die, möglicherweise an-(oder auf-)geregt von dem damals modernen Gefasel von der Endzeit sowie einer sich immer schneller drehenden Erlebnis-Spirale, beherzt auf die Bremse traten. Sie schufen einen entschleunigten Sound, der mehr auf sanften, intensiven Gefühlen basierte und von einer bezaubernden wie entwaffnenden Schlicht- und Schönheit war. Phrasen wie „New Acoustic Movement“ oder „Quiet Is The New Loud“ (Titel des ersten KOC-Albums) geisterten fortan durch die Gegend - Schubladen, die meinem Interviewpartner Ollie Knights, Sänger und Gitarrist von Turin Brakes viel zu platt sind. „Für mich ist der Gebrauch dieser Begriffe Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit und Einfältigkeit. Sie sind so unkreativ, engstirnig, eindimensional und meiner Meinung nach nicht dazu geeignet, unsere Musik, die emotional, kreativ und leidenschaftlich ist, zu beschreiben.“ Inwiefern sich die Verwendung dieser Begriffe Marketing-technisch günstig ausgewirkt hat, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die beiden in London lebenden, schon seit Ewigkeiten befreundeten und irgendwann aus dem Kirchenchor geworfenen Mitt-Zwanziger nie und nimmer mit 200.000 in England verkauften Einheiten gerechnet hatten. „Als wir die Songs schrieben, dachten wir nicht an Singles, Top-40-Hits, Radio und Fernsehen. Wir machten einfach dieses Album. Dann sagten die Leute zu uns `Hey, ihr Jungs verkauft Platten!`und wir antworteten ´Oh, ja, hm, cool...´. Unsere zweite Platte beinhaltet dieses Bewusstsein, so dass wir sie auch anders angingen als unser Debüt...“ ...welches sie damals ohne Produzenten in Eigenregie eingespielt hatten. Dies war bei dieser Platte zum Scheitern verurteilt. Ein unruhiges Umfeld, Unsicherheit darüber, wie die Platte klingen sollte, Skepsis von vielen Seiten. Ollie und Gale waren schließlich entnervt - bis der Kontakt zu dem amerikanischen Produzenten Tony Hoffer, der schon mit Air, Beck und Supergrass zusammen gearbeitet hatte, zustande kam. Er befreite sie aus dieser Sackgasse, ließ sich Demos schicken und beorderte sie in dessen Studio nach Los Angeles. „Tony war wie das Licht am Ende des Tunnels. Er gab uns Mut und Einsatzwillen und veranlasste uns, nicht das zu erschaffen, was viele Leute von uns erwarteten. Wir benötigten die Art von Unterstützung in dieser Phase dringend. „Ein riskantes Unterfangen, sich einen Produzenten an Land zu ziehen, der ihr erstes Album als "langweilig" abtat und mit dem sie bis dato lediglich telefoniert hatten. Dazu noch drei Musiker, mit denen sie nie zuvor gespielt hatten und schließlich 6000 Meilen von der Heimat entfernt, sich selbst und dem Label verpflichtet, etwas daraus zu machen. „Dieser immense Druck, kreativ zu sein, spornte uns besonders an. Du konntest Dich nicht auf bestehende Beziehungen verlassen. Es war eine ausgezeichnete und fordernde Konstellation.“ Die zweieinhalbjährige Tournee mit „The Optimist LP“ hatte zudem bei ihnen neue Ansprüche an den Sound geweckt. Frische und Fortschritt sollten vermehrt einfließen, die Wurzeln aus Folk, Elektronika und Ambient stärker abfärben und insgesamt sollte es kraftvoller, packender, lebendiger zugehen. „Wir nahmen die Platte fast komplett live auf und benötigten dafür nicht länger als zwei Wochen! Das funktionierte natürlich nur, weil die Leute, mit denen wir gespielt hatten, Dave Palmer, der Keyboarder, einer der besten Musiker, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, dazu Bassist Justin, der schon mit Beck und Air zusammen gespielt hat, sowie Drummer Brian sehr talentiert und erfahren sind. Es war eine wunderbare Erfahrung für uns, weil wir einfach los legen konnten. Da war nichts Schematisches, totale Freiheit und sehr verspielt. Beim Sampler und den Keyboards drückten wir irgendwelche Knöpfe und bannten alles auf Tape. Als es dann ans Mixen ging, wurden wir zu Produzenten, die den Sound leicht verfeinerten und ihm ein Turin Brakes-Gewand überstülpten.“ In der Tat unterscheidet sich „The Ether Song“ vom Vorgänger, allerdings ohne diesen zu verleugnen. Es klingt erwachsener, differenzierter, druckvoller, energiereicher, metallischer, wirkt mutig, beinahe unerschütterlich, tröstend, überschwänglich, sensibel, voller Natürlichkeit, Eleganz und Emotionen und beinhaltet selbstverständlich wieder die glitzernden akustischen Gitarren sowie den ausdrucksstarken Falsett-Gesang von Ollie Knights. „Es ist so schwierig, sich zu verändern und die Fans weiter zu beglücken. Viele Menschen lieben „The Optimist LP“ und denken vielleicht, dass die nachfolgenden Werke dort anknüpfen sollten. Ich finde das ernüchternd. Solange man die wichtigen Ingredienzen bewahrt, die die Anziehungskraft des Sounds ausmachen wie z.B. unser Songwriting, ist gegen eine Änderung der Oberfläche nichts einzuwenden.“ Die Texte scheinen ebenfalls zu den Essentials zu zählen, denn... „...sie ähneln denen auf „The Optimist LP“ sehr. Viele Bilder, Metaphern, Eindrücke, Emotionen. Keine Geschichten und auch kein Erzählstrang. Jeder kann sich daraus etwas basteln. Sie sind natürlich von persönlichen Dingen beeinflusst, aber wir versuchen, dieses von der persönlichen Ebene zu verschieben und auszuweiten, so dass sie universeller anwendbar sind. Unsere Privatsphäre bleibt dadurch gewahrt. Die Texte sind nicht geschrieben, um komplett verstanden zu werden. Wenn ich Musik höre, strebe ich auch nicht danach. Ich verzichte auf die Analytik zu Gunsten des Gefühls. Das ist in meinen Augen die beste Art, unsere Musik zu erfassen.“ Wie auch beim Debüt schließt das Album mit einem „Hidden Track“, dem Titelstück... „Er ist eine Art Zusammenfassung des Albums. Die in den Stücken aufgeworfenen Fragen bekommen hier ihren Focus, aus dem die Antworten abgeleitet werden können. Wir mochten die Idee von diesem unsichtbaren, ätherischen, magischen Ding, über welches Du stolperst und das über Dich hinweg kriecht, wenn Du es am wenigsten erwartest.“ Ein Dorn im Auge der Beiden ist der späte Veröffentlichungstermin. Obwohl das Album bereits im letzten Sommer fertig abgemischt vorlag, erreichte es erst im März, den Handel. „Es war für uns unglaublich frustrierend zu warten. Besonders, wenn Du weißt, dass es da draußen Leute gibt, die diese Musik hören wollen. Wir haben dieses Album so schnell eingespielt - dann müsste es doch auch flugs veröffentlicht werden! Wir hätten in der Zwischenzeit noch eine Platte machen können, aber das ist schwierig, wenn das gerade fertig gestellte Album noch nicht erschienen ist.“ Es mag ein Kalkül des Labels gewesen sein, die Platte kurz vor Frühlingsbeginn heraus zu bringen, denn diese Musik eignet sich ganz besonders dazu bei strahlend blauem Himmel konsumiert zu werden. In ihr steckt so viel Bewegungsdrang, Brillanz und Euphorie, dass man nicht gerade ein winterliches Kaminfeuer oder gar Regen und Kälte mit ihr assoziiert. Man fühlt sich eher befleißigt, der Sonne entgegen zu gehen, den Duft von Frühling einzuatmen, so manche Textpassage voller Inbrunst zu schmettern und damit die geschundene Seele zu balsamieren. Fazit: Zweites Album gleich schwieriges Album, aber Hürde gekonnt genommen und meisterlich vollendet. Ernsthafter Kandidat für die Kategorie „Schönstes Pop-Album des Jahres“.

Aktuelles Album: The Ether Song



Turin Brakes live:

28.4. Berlin - ColumbiaFritz

29.4. Hamburg - Schlachthof

1.5. München - Elserhalle

2.5. Frankfurt - Batschkapp

7.6. Rock am Ring

8.6. Rock im Park
Weitere Infos: www.turinbrakes.com
© 03. April 2003  WESTZEIT ||| Text: Marco Pawert ||| Foto: Sonja Niemeier
April 2003

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