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TURIN BRAKES - Die Karten auf dem Tisch

"JackInABox" ist nach "The Optimist" und "Ether Song" letztlich erst das dritte Album von Olly Knights und Gale Paridjanian – besser bekannt als Gitarren-Pop Duo Turin Brakes. Dennoch klingt die Scheibe mit all ihrer subtilen Grandezza, der ungezügelten Energie und unter den Stehkragen vollgepackt mit brillanten Songs, die zweifelsohne das Beste darstellen, was die beiden bislang zustande gebracht haben, fast schon wie ein Comeback-Album. Auch deshalb, weil zwischen dem Vorgänger "Ether Song" und der neuen Scheibe eine größere Pause lag. In gewisser Weise ist "JackInABox" auch tatsächlich ein Comeback-Album, denn die Turin Brakes hatten nach drei Jahren Dauerpower bereits ihr erstes Burn-Out zu verzeichnen.

Das verrät uns Gale, der stellvertretend für Olly, der sich gerade um sein neugeborenes Kind kümmern muß, die Interviews absolviert. "Es war keine Schreib-Blockade und auch keine geistige Blockade, wenn es das ist, was Du meinst", erklärt Gale auf die längere Auszeit angesprochen, "es war eher so etwas wie eine Vernunfts-Blockade. Wir waren uns einfach nicht mehr sicher, wo wir standen. Der Kommerz stand zu sehr im Vordergrund. Uns war echt der Dampf ausgegangen und das mußten wir erst mal überdenken, um unsere Wurzeln wiederzufinden. Ich meine auf dem Papier sieht das immer toll aus, ein Rock-Star zu sein. Aber es nagt doch irgendwie an Deiner Seele. Man muß sich dann an die Zeit zurückerinnern, in der man mit 16 noch wirklich darauf gebrannt hatte, Musik zu machen. Dahin wollten wir wieder zurück. Wir wollten wieder kleine Jungs werden, die es nicht abwarten können, Musik zu spielen." Es scheint so, als schrumpfe die Halbwertzeit für sensible Musiker heutzutage eher zusammen – woran der Medien Overkill sicherlich nicht ganz unschuldig ist. Wir erinnern uns: Als die Turin Brakes 2001 die Szene betraten, war das sogenannte "New Acoustic Movement", dem heutzutage selbstverständlich niemand jemals wirklich angehört haben will, noch auf seinem Höhepunkt, und ergo wurden die beiden akustisch agierenden Protagonisten auch gleich zu dessen Speespitze erklärt. Der Gag lief sich dann spätestens auf dem zweiten Album, "Ether Song", tot – denn hier spielten die Brakes bereits all ihre Pop-Sensibilitäten aus, was sich in reichhaltigen Arrangements und einer immer größeren stilistischen Bandbreite bemerkbar machte. Wie sehen sich denn die Turin Brakes heutzutage selber? "Ach ich weiß gar nicht genau, was wir sind", schmunzelt Gale, "manchmal fühlt es sich nach New Folk an, manchmal rockt’s ein wenig. Ich bevorzuge jedoch Pop-Rock – obwohl das auch ziemlich generisch klingt, fast wie eine Beleidigung. Ich mag es fast nicht, uns als Pop-Band zu bezeichnen, aber ich denke, wir sind eine." Vergleicht man die drei Tonträger der Jungs, so ist zu verzeichnen, daß "JackInABox" das bislang unbeschwerteste Album geworden ist. Die neuen Songs klingen im Vergleich zu den nachdenklichen Sachen auf "Ether Song" jedenfalls ziemlich sonnig. Es ist deutlich zu spüren, daß die Jungs durch die Auszeit neue Kraft geschöpft haben. "Nun, wir wollten etwas Leichtes – vielleicht als Reaktion auf ‘Ether Song’, das ja bewußt düster war", beschreibt Gale das Prozedere, "irgendwann dachten wir uns nämlich, daß das Leben einfach zu kurz sei, um immer nur über alles zu klagen. Wir hören selber gerne Musik, die uns glücklich macht. Und es ist ja nichts Falsches dabei, Musik zu hören, die einfach nur glücklich macht. Und das war unser Grundgedanke." Das heißt also: "JackInABox" ist die Konsequenz von "Ether Song"? "Ja, im Rückblick muß ich auch sagen, daß ‘Ether Songs’ eine Reaktion auf ‘The Optimist’ war", meint Gale, "wobei es bei ‘JackInABox’ dann doch eher um das pure Erlebnis ging, Musik zu unseren eigenen Bedingungen zu machen. Unterbewußt kann man jedoch Bezüge zu seiner eigenen Musik nicht vermeiden." Warum heißt das neue Werk denn nun "JackInABox"? Wer springt denn hier aus der Kiste? "Da gibt’s eine Menge Gründe", stöhnt Gale fast, "zunächst mal sollte Dir die CD natürlich wie ein Kasperl ins Gesicht springen. Das Covermotiv haben wir aber anders als das Spielzeug ‘Jack In The Box’ ausgelegt. Es stellt mehr einen Kokon dar, aus dem Schmetterlinge herauskommen. Wir hatten auch überlegt, eine Samenkapsel zu verwenden oder sogar eine Bombe – irgend etwas, das der Idee der gestauten Energie entspricht, die sich plötzlich Bahn bricht. Das war auch der Gedanke in Bezug auf die Musik – und auch auf den Titel-Song ‘JackInABox’, in dem es ebenfalls um extrem aufgestaute Energie geht. Dieses Stück und überhaupt das ganze Album ist auch sehr direkt – das war ein weiterer Grund, den Titel zu wählen." Was heißt denn in dem Zusammengang ‘direkt’? Die Songs sind – verglichen mit dem bisherigen Oeuvre – doch relativ ambitioniert angelegt. Meint ‘direkt’ vielleicht die Art, den Hörer anzusprechen? "Ja, in gewisser Weise", bestätigt Gale, "was nicht bedeuten soll, daß wir uns in leichte Themen flüchteten. Es gibt auch weiterhin tragische Themen, die wir behandeln – wie z.B. ‘Road To Nowhere’, das aus der Sicht eines Jungen geschrieben wurde, dem bewußt wird, daß sein Vater sterben wird. Aber es gibt dieses Mal keine versteckten Botschaften. Wir sprechen alles direkt an. Wir legen unsere Karten auf den Tisch. Es erschien uns nicht mehr so wichtig, darüber nachzudenken, was die Turin Brakes denn eigentlich sein müßten oder sollten. Diese Art von Direktheit meinten wir." Nun hatten Olly und Gale ja für ihr erstes Album das ganze Leben Zeit, ihre Songs zu schreiben und natürlich beim zweiten Album dementsprechenden Druck. Wie arbeitet es sich denn heutzutage als Songwriter? "Nun, wenn Du einmal in das Geschäft eingestiegen bist und so ein Teil der Industrie geworden bist, dann ist es ziemlich schwierig, Deine Gewohnheiten beizubehalten", muß Gale einräumen, "also Musik auf dieselbe Art zu schreiben, wie vorher. Es ist unmöglich, nicht wenigstens ein wenig daran zu denken, was andere – das Label, das Management, das Radio – dazu sagen werden. Bei ‘Ether Song’ hatten wir das zum ersten Mal erlebt – als man uns nämlich aufforderte, einen Hit zu schreiben. Wie macht man denn so etwas? Nicht, daß wir es nicht versucht hätten ..." Was ja auch vielleicht erklärt, daß dort – im Gegensatz zu `"JackInABox" - gar kein richtiger Hit drauf war. Die Botschaft die das neue Werk vermittelt, ist also ganz einfach: Versuche nicht, etwas zu erzwingen, nehme Abstand, höre nicht auf Andere - sondern auf Dich selbst, und dann klappt es schon. Für die Turin Brakes hat dieses Rezept jedenfalls funktioniert...
Weitere Infos: www.turinbrakes.com
© 03. Juni 2005  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Perou
Juni 2005

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