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UNCLE HO - Selbstfindung durch Selbstzerstörung

Wer in Wuppertal geboren und groß wird, dem wird der Erfolg nicht gerade mit in die Wiege gelegt. Eine Stadt an den Grenzlinien Düsseldorfs, Schranke zum Ruhrgebiet, Rheinland und Westfälischem, Haupt-Graben des Bergischen – nie mittendrin, immer nur am Rande, nicht gerade die besten Voraussetzungen für Auftrieb. Uncle Ho, die Tal-Aktivisten in Sachen Rock, haben sich ihren (inter)nationalen Status wahrlich erkämpft. Nun kommt Album Nummer 4 = Zufahrt für ihre Selbstfindung durch Zerstörung. „Everything Must Be Destroyed“, ein Zitat des Friedensnobelpreisträger W. Carlos Williams, besagt: wenn du dich der Beeinflussung durch Andere komplett entziehen willst, bleibt dir nur das Dekret, alles zu zerstören.

Da dies bekanntermaßen bis dato nicht geschah, gibt es seit Adam und Eva keinen Menschen mehr, der nicht durch andere geformt oder geprägt wurde. Aufgrund dieser Tatsache und der allgegenwärtigen Sichtweise ihres Inneren, fühlten sich die drei Wuppertaler als Pseudos, Nischenpisser und Abziehbildchen ihrer selbst. Das war der Anlass warum Doc, Julian und Björn sämtliche Songs des bereits komplett eingespielten und gefertigten Albums zerstörten. Zeit nehmen, Muße finden und zu sich und seine Willenslenkungen stehen waren die Quellen der Schöpfung für die neuen, reichhaltigeren und mannigfaltigeren Songs, die nach der zweiten Auditition im allgemeinen Einvernehmen auf „Everything Must Be Destroyed“ gebannt wurden. Triebfeder für das vierte und letzte Interview mit Björn (d) und Julian (v/b), die am 31.12. diesen Jahres ihr letztes Konzert geben wollen.

Der Albumtitel als Programm. Wie kam es dazu?

J: „Es geht um den Leidensdruck, der entsteht wenn man sich als Pose einer Pose einer Pose einer Band wieder findet. Man steht morgens auf und ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und schreibt trotzdem Songs die in ein Format passen. Warum erschafft man diese Formate?“

B: „Genau aus diesem Grund haben wir sämtliche Songs in Tonne gekloppt.“

J: „Wir hatten keinen Bock mehr, ein Zitat anderer zu sein, nur auf Reflexe zu reagieren, wir wollten endlich mal agieren. Jede Band hat die Möglichkeit, täglich was Eigenes zu schaffen und wacht am nächsten Tag doch in einer vorgefertigten Nische wie z.B. 80er, Crossover oder NuRock auf.“

B: „Alles hat klar umgrenzte Formate, wie ein großes Leichentuch.“

J: „Das Ideal wäre Musik zu machen, die du sie vorher noch nie gehört hast, nie da war, die keinen Einfluss nahm. Musik zu machen, wo du dich allenfalls nur selber zitieren kannst.“

B: „Formate ohne äußeren Zwang zu produzieren, erzeugte bei uns einen solchen Leidensdruck, dass wir nur noch die Zerstörung unserer Songs als die Möglichkeit betrachteten, zu uns selber zu finden.“

J: „Das brachte uns in die Lage, uns selbst zu überraschen.“

Somit war der Tod von Kurt Cobain nicht umsonst. Denn der hat Selbstfindung durch Selbstzerstörung umgesetzt, ohne davon zu profitieren. Ihr seit weiter gegangen, denn ihr habt die Umsetzung dieses radikalen Ansatzes individuell für euch genutzt, ohne dabei in die Fußstapfen anderer zu treten. Somit habt ihr die individuelle Lösung für euch gefunden und durchgesetzt – Gratulation! Songs wie „Talk To Dead“ oder „Kill The Man You Love“ assoziieren Tod und Zerstörung und sind dennoch die gefühlsbetontesten und poppigsten Songs auf eurem Album. Wo steht ihr mit euren Gefühlen?

B: „Das Ganze, die ewige Angst anderen und äußeren Erwartungen zu entsprechen, aber auch die Verinnerlichung wohin wir wollen, war ein langer Prozess. Die daraus gewonnene Klarheit erzeugt bei uns positive Gefühle.“

Bandauflösung am 31.12.03. Was macht ihr nach eurer Trennung?

B: „Wer redet denn hier von Trennung – wir lösen uns nur auf, trennen uns aber nicht. Wir bleiben uns weiterhin als Freunde und Musiker treu. Wir werden auch weiterhin zusammen Musik machen.“

J: „Ich würde überall Playback-Auftritte machen – ich wäre der Playback-König von Deutschland!“
Weitere Infos: www.uncleho.net
© 01. April 2003  WESTZEIT ||| Text: Georg Lommen ||| Foto: Columbia
April 2003

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