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IAMX - Schwarzer Elektro-Glam

Schon als Chris Corner als Sänger und musikalischer Kopf der englischen Sneaker Pimps wirkte, zogen dort düstere Zeiten herauf. Bei seiner Arbeit unter dem Kürzel IAMX ließ der britische Wahlberliner weiter dunkle Wolken an seinem Musikfirmament aufziehen. Es geht aber offensichtlich noch dämmriger und Chris Corner begibt sich an die Schnittstelle zur totalen Finsternis. „Es scheint einen Punkt im Leben zu geben, an welchem man eine Tür öffnet und sie nie wieder schließen kann“, konstatiert er, „die Tür ist offen, ich hasse was ich sehe und ich schreibe darüber.“ Das Hassergebnis ist nach zwei Jahren Pause auf seiner aktuellen, vierten Platte „Volatile Times“ nachzuhören.

Peinigende Geister

„Commanded By Voices“ begibt sich Chris Corner auf eine explosive psychologische Reise, legt dabei „politischen Lügen, religiöser Perversion, und Marketing-Tricks“ frei. All das nimmt er äußerst persönlich und stellt sich Kampf.

„Das unakzeptierbare private Ich zu vergleichen mit den Gesetzen und Widersprüchen der Außenwelt, das ist es was mich auf diesem Album interessiert.“

Aus dem bis zum Zerreißen gespannten Verhältnis zwischen Innenwelt und Außenwelt entwickelt Sänger und Fast-Alles-Alleinemacher Chris Corner seine leidenschaftlichen musikalischen Visionen für das Album.

„Wer sich so radikal sich selber und der Welt stellt“, verkündet er, „der saugt den peinigenden Dämonen die Kraft aus und gießt sie, als Musiker, in Stücke. Da du für den Kampf mit diesen Geistern zunächst die eigene Kraft einsetzt und die ausgesaugte Kraft ohne Abzüge in die Lieder pumpst, bleibst du zunächst mal kraftlos zurück.“

Obwohl Chris Corner weiß, wie viel Energie aus einem tobenden Publikum gezogen werden kann, ist er sich nicht sicher, ob das reicht, ihn am Ende der Gastspielreise wieder komplett aufgeladen zu haben.



Isolierende Ehrlichkeit

Für sein narzisstisches Soloprojekt IAMX hat Chris Corner die Gitarre bereist zu Beginn weitgehend an den Nagel gehängt. Elektroclash ist die Währung, mit der er derzeit sein Publikum bezahlt. Dem Anliegen angemessen spielt sich dies auf „Volatile Times“ oftmals in spröder Atmosphäre, aber immer dramatisch-pompös ab. Ihre Raffinesse ziehen die Lieder aus der gefühlvollen Kombination von kühlen hypnotischen, aber doch simplen, reduzierten Rhythmen mit warm fließenden Melodiebögen. Die von Chris Corner eingebrachte Intensität und Ehrlichkeit lässt das Publikum das dargestellte Drama, auf Platte hören und auf der Bühne sehen. Er nimmt eine vollelektronische Demaskierung des Bewusstseins vor. Eine kathartische Reinigung gleich mitinbegriffen. Chris Corner kombiniert auf „Volatile Times“ den Bombast eines David Bowie aus den 70er-Jahren mit der Taktfrequenz von Depeche Mode, der herzzerreißenden Poppigkeit von Ladytron und der Leidensfähigkeit von Suede und führt diese Musik zu seinem ureigenen schwarzem Elektro-Glam weiter.

Wer das Risiko geht, sich mit meiner Ehrlichkeit zu isolieren und dann doch einen Titel „Ghosts of Utopia“ nennt, der hat die Hoffnung doch noch nicht ganz aufgegeben. Schließlich hat Chris Corner sogar noch die Aufforderung „Dance with me“ parat. Das lässt hoffen, dass dieser Tanz, vielleicht mit der von ihm so angebeteten „Bernadette“ ihn weit in Zukunft führt, die solange es ein Utopia gibt, so ausweglos nicht sein kann.

Aktuelles Album: Volatile Times (BMG Rights Management / GTG / Rough Trade)
© 01. April 2011  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
April 2011

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