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DIKTA - Isländer in Texas

Jedes Jahr im Frühjahr herrscht im texanischen Austin Ausnahmezustand. Seit nunmehr 25 Jahren fallen Heerscharen von Musikern, Bands, Businesstypen und Musikbegeisterte aus der ganzen Welt wie Wanderheuschrecken dort ein. Die Musikmesse „South by Southwest“ kurz „SXSW“ füllt die Kalenderblätter der Szene. Gleichzeitig gastieren in der Stadt mehr als 1.000 Bands, eine davon reist aus dem isländischen Reykjavik an, Dikta.

Kälte und Glutofen

In Texas wird die Band mit einem Wärmeschock begrüßt. Während auf der fernen Insel Minusgrade herrschen, reißt Austin im März schon mal die 30 Grad Celsius-Marke. Kein Wunder, dass sich bei diesem musikalischen Großaufgebot und den Temperaturen Menschenmassen von der Red River Street zur Colorado Street und von der 8th Street zur 5th Street hin und her schieben. Es geht keine fünf Meter voran, bevor man über den nächsten Auftritt und damit über die nächste Menschentraube stolpert. Hier treffe ich auf Matthias „Botsch“ Böttcher, seines Zeichens Director Sales & Repertoire Development GoodToGo bei Groove Attack/Rough Trade. Für ihn ist die SXSW „ein Fest der Musik ohnegleichen.“ Ebenso, wie für die Fotografin Jo Ann Santangelo, die ich allein schon deshalb anquatschen muss, weil meine Kamera aus einem unerfindlichen Grund soeben schlapp gemacht hat. Für den Abend haben wir alle drei die Showcases im Lustre Pearl in der Rainey Street auf dem Zettel.



Unfassbar positive Ausstrahlung

Gleich am Eingang wird ordentlich gesiebt. „No wristband, no entry“ heißt die Devise. Da sind die Leute an der Tür knallhart. Selbst einem Kollegen, von dem wir später erfahren, dass er der Fotograf von Dikta ist, wird der Einlass verwehrt. Jo Ann Santangelo, Matthias „Botsch“ Böttcher und ich, wir haben alles, was wir brauchen. Neben Dikta stehen noch fünf andere Truppen auf dem Programmzettel. Die harte Türpolitik führt dazu, dass sich die Schar der Zuhörer übersichtlich gestaltet. Als Dikta so gegen 23:00 Uhr die Bühne betreten, hat ihr Booker Philipp Jacob von A.S.S Concert & Promotion nicht gerade Freudentränen im Gesicht. Doch als alter SXSW-Hase weiß er:

„Als Künstler kann man mit der Wahl der Location für sein Konzert Glück haben, so wie Hey Rosetta und Agnes Obel, die allesamt in einer geschmackvollen Kirche vor aufmerksamem Publikum auftreten. Oder man hat Pech, wie James Vincent McMorrow, der am St. Patrick’s Day um 01:00 Uhr in einem völlig überfüllten Pub in der berüchtigten 6th Street auftreten muss und danach verrät, es sei die schlimmste Show gewesen, die er jemals gespielt hat.“

Obwohl die Menschen, die vor der Lustre Pearl-Bühne stehen offensichtlich nicht wegen der Band dort sind, schaffen es Dikta sie mit ihrer unfassbar positiven Ausstrahlung in ihren Bann zu ziehen, und so entlocken sie dem ein oder anderen texanischen Redneck sogar ein enthusiastisches „Iceland rocks!” Dikta haben tatsächlich das Zeug, ein breites Publikum zu begeistern.



Eine Band, die du nie vergisst

Das bestätigt auch der in Austin praktizierende deutschstämmige Kinderarzt Dr. Boris Gritzka, der sich uns hinzugesellt, als er deutsche Laute vernimmt. Er entwickelt sich im weiteren Plausch zum richtigen Schwärmer für Dikta.

„Echt, eine leidenschaftlich aufspielende Combo, die du nie vergisst“, sprüht er geradezu vor Begeisterung, „weil sie mit ihren sehnsüchtigen Melodien eine gefühlstiefe Prägnanz an den Tag legen, deren sentimentale Momente nie ins Triviale abgleiten. Dikta beträufeln dich mit Balladen ebenso, wie sie dich mit Parforcerock fast ummähen. Faszinierende Momente entstehen auch dann, wo Dikta aus einer behutsam arrangierten Einleitung dann urplötzlich massive, kantige Schallwände entsteigen lassen.“

Alles dies passiert mit einer Selbstverständlichkeit, der blindes Vertrauen der einzelnen Musiker zueinander zugrunde liegt. Dafür hat Gitarrist, Pianist und Sänger Haukur Hei?ar Hauksson eine recht probate Erklärung:

„Dikta ist seit zwölf Jahren unsere kreative Heimstatt. Musik machen wir allerdings schon seit High-School-Zeiten. Und wir kennen uns schon aus dem Kindergarten.“

Dikta spielen zwar noch eine zweite Show bei der Sonicbids-Party im Club Maggie Mae's. Doch auch im SXSW-Getümmel sind sie die nächsten Tage unterwegs und wir lassen sie nicht nach Hause, ohne sie vorher zu ihren Favoriten zu befragen. Diesen Job übernimmt Bassist Skúli Z. Gestsson. Auf seiner Liste stehen: For a Minor Reflection, Dead Sara, Endless Hallway, Skrillex, The Features and Yelawolf. Also merken, vielleicht hat er ja das nächste ganz große Ding gehört?

Aktuelles Album: Get It Together (Smarten-Up!/Rough Trade)
© 01. April 2011  WESTZEIT ||| Text: Franz. X.A. Zipperer ||| Foto: Jo Ann Santangelo
April 2011

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