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CLINIC - Nekrophagie und Schonkost

Als Clinic im Jahr 2000 ihr hervorragendes erstes Album »Internal Wrangler« herausbrachten, war Rock klinisch tot. Heute ist es nur dem Sprachgebrauch und nicht dem Horrorfilm zu verdanken, dass sich »tot« nicht steigern lässt. »The Zombies« hieß in den sechziger Jahren eine Band, auf deren Repertoire dieser Tage gern wieder zurückgegriffen wird. Und obwohl der Volksmund schon Begriffe für dieses Phänomen zu Händen hat und von Frisuren- oder The-Bands spricht, kommt er wohl nicht umhin, deren Platten zu kaufen. Es scheint als könne man tatsächlich als leidenschaftlich gelten, wenn man nur oft und auffällig von sich selbst behauptet, ein leidenschaftlicher Liebhaber zu sein. (Markt-)Schreien ist hier alles, Subtilität nichts, und die Vergangenheit ist ein altes Autowrack, das ausgeschlachtet wird, um die fehlenden Herzstücke des eigenen musikalischen Antriebs zu ersetzen.

Clinic veröffentlichen in diesen Tagen ihr viertes Album »Visitations« und setzen erneut ein deutliches Lebenszeichen gegen eine untote Umgebung. Im Gegensatz zu vielen anderen gelingt es der Liverpooler Band sich von vergangenen Jahrzehnten, ganz besonders den 60er und 70er Jahren, musikalisch beeinflussen zu lassen, ohne dabei Originalität und Lebendigkeit einzubüßen. Das Ergebnis ist ein Album von zwölf kaum dreiminütigen Songs, die mehr Twang, Stomp und Fuzz haben, als alles was sich heute mit Freuden als Garage titulieren lässt.

Ade Blackburn, Sänger von Clinic und zudem ein höflicher Mensch, stellt einige vorsichtige Mutmaßungen über den eigenen Vorsprung an:

“Wie viele dieser Garage- oder Retro-Bands sind wir klar von psychedelischer Musik beeinflusst. Dabei scheinen mir viele Gruppen, die nur zu gerne auf diese Musik zurückgreifen, in ihrer Herangehensweise äußerst konservativ. Es hat etwas konstruiertes an sich, einer erdachten Authentizität gerecht werden zu wollen. Für uns sind andere Aspekte entscheidend. Etwa: Wie kann man gewisse Dinge aufbrechen, diesem einfachen Vier-Mann-Gruppen-Ding entgehen? Daher interessieren wir uns wohl weniger für die Beatles oder Kings, also für Bands, die heute besonders gern kopiert werden, sondern eher für Leute wie Kim Fowley oder Captain Beefheart.”

Doch alle Rede von Referenzen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese letztlich nur als Stichwortgeber, als Mittel zum Zweck eines eigenständigen Sounds herhalten. Musikalische Eskapaden, Ausflüge ins Ungewisse müssen sich dem Diktat einer dreiminütigen Songstruktur unterwerfen.

“Immer wenn wir versuchen alte Songstrukturen aufzubrechen, wenn wir neue Instrumente oder Effekte einbauen, dient dies letzlich Unterhaltungszwecken. Gerade bei unserem neuen Album haben wir darauf geachtet, dass wir unsere direkte Linie im Kern immer beibehalten. 'Visitations' ist in diesem Sinne ein Party-Album. Es ist roh und trotz aller Spielereien geradlinig. Zum ersten Mal ist es uns gelungen, all unsere Vorstellungen in einem konzisen musikalischen Konzept zusammenzuführen und in Albumlänge zu verwirklichen.”

Diese konzeptionelle Orientierung ist schon immer ein Kennzeichen für die Musik von Clinic gewesen. Ihr musikalischer Primitivismus hat Methode und ist, bis in die kleinsten Details konzipiert. Für ihr neues Album stand ihnen dabei erstmalig ein eigenes Studio zur Verfügung, das sich die Band vor einem Jahr in Liverpool aufgebaut hat. Dieser Umstand habe, nach Angaben von Blackburn, die künstlerische Schärfe deutlich erhöht.

Ein weitere Grund dafür, dass »Visitations« sicher das beste Album der Band seit “Internal Wrangler” ist, dürfte in dem Umstand liegen, dass Clinic erstmals seit ihrem Debüt den Star-Produzenten Gareth Jones für eine Zusammenarbeit gewinnen konnten.

“Gareth hat auf unser neuen Platte das Mixing übernommen und ganz sicher einen wichtigen Beitrag geleistet. Wir befinden uns einfach auf einer ähnlichen Wellenlänge. Neben Depeche Mode und Erasure hat Gareth in der Vergangenheit auch mit Leuten von Can und Faust zusammengearbeitet und wie wir, ist er von dieser Musik geradezu gefangen. Das war auch ein Grund dafür, warum wir uns überhaupt für ihn entschieden haben.”

Fazit: Wenn man auch der momentanen Nekrophagie nicht gänzlich aus dem Wege gehen kann, sollte man sich ab und an ein wenig Schonkost verordnen und sich an den Teilen der Rockleiche gütlich tun, die noch imstande sind zu zucken. Nicht nur aus ökotrophologischen Gesichtspunkten müssen Clinic hier erste Wahl sein.

Aktuelles Album: Visitations (Domino/Rough Trade)
Weitere Infos: www.clinicvoot.org
© 01. November 2006  WESTZEIT ||| Text: Bastian Stoppelkamp ||| Foto: Jason Evans
November 2006

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