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OLLI SCHULZ UND DER HUND MARIE - Timm Thaler und der Pinguin

Nehmen wir es gleich vorneweg: Ja, Olli Schulz hat das Label gewechselt. "Tschüss, Grand Hotel Van Cleef", dem deutschen Vorzeige-Indie, "Hallo, Labels", Emi-Tochter und Heimat von Kante, Wir Sind Helden oder The Notwist. "Warten auf den Bumerang" heißt sein dort erscheinendes neues Album, das dritte in drei Jahren, und die Gründe des Wechsels sind nicht überhörbar: Mehr Produktion, mehr Band, mehr Olli Schulz. Und weniger Comedy-Keule. Aber alles der Reihe nach.

"Ich musste einfach einen Schritt weitermachen. Ich wollte eine musikalisch anspruchsvollere Platte mit richtigem Bandsound haben und es bei den Texten nicht mehr auf unbedingt witzige Wortspiele anlegen."

Das hat er geschafft. Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic) war daran als Produzent maßgeblich beteiligt und co-inszenierte anhand von Streichern, Trompeten, Samples, Jazz-Versätzen und Studio-Live-Takes ("Wir standen alle im Kreis und haben gejammt, wie in den Booklets von Pearl Jam!") eine Platte, auf der es mehr zu entdecken gibt und die mehr Zeit braucht. Umstände, die das GHVC schlichtweg so nicht bieten konnte:

"Wenn die bei mir noch mal das gleiche Geld wie bei Tomte oder Kettcar ausgegeben hätten und das in die Hose gegangen wäre, dann stünden sie leider knapp vorm Ruin. Solange eine Firma wie Labels noch diese Möglichkeiten hat, wollte ich das einfach nutzen."

Es ist auch das leidige Ding mit der späten Geburt. Vor zehn Jahren noch hätte Schulz da mehr Freiraum gehabt, vor allem für die lange geplante Bibi McBenson-Soloplatte. Wer Bibi ist? Einfach mal in einschlägigen Internet-Börsen Schulz´ neues Album runterladen, hat er nämlich sogar selbst da rein gestellt, dort wird Bibi sich rächen! Schulz´ Alter Ego, so wahnwitzelt sein Erschöpfer, spielte jüngst sein einziges Deutschland-Konzert in Wien (!) – die Doku dazu soll im Vorprogramm zur Album-Tour zu sehen sein.

Da ist sie also, die immer noch prägnanteste Facette von Olli Schulz. Der Witz, der bisweilen infantile, gerne auch maßlos überzogene Humor. Der, den viele auf "Warten auf den Bumerang" vermissen werden. Mutiger als auf den ersten beiden Alben sei er geworden: "Und es hätte mich gelangweilt, noch mal das Gleiche zu machen. Meinen Blödsinn verlagere ich auf Bibi oder meine wöchentliche Radio Fritz-Kolumne. Meinen persönlichen, ambitionierten, ernsten Kram verteile ich so auf die Olli Schulz und der Hund Marie-Platten."

Die schnelle Pointe war noch nie seins, und die Spannung allein für sich selbst halten zu wollen zeugt auch von Reife. Die reifsten Zeugnisse heißen "Rückspiegel" und "Armer Vater". Auf jener simplen, aber schönen und ehrlichen Ballade singt Judith Holofernes im Background, der "Rückspiegel" als erste Single hätte auch der anderen Band seiner heute geschlosseneren Formation gut gestanden. Max Schröder (der Hund Marie) spielt wie Basser Dennis bei Tomte, hat just seine Soloplatte veröffentlicht, in der Schulz-Band die Gitarren und zur Hälfte Schlagzeug gespielt. Dass da mehr mit der ganzen Band entstanden ist als zuvor, entlastet nicht zuletzt ihn selbst. GHVC-Haus- und Hof-Produzent Swen Mayer hat den Bumerang immerhin noch gemischt, so bleibt vieles beim Alten. Aber ob dieses neue Ausloten der Gewichte alle mitgehen werden? Schulz hat das neue Album mehr denn je auch für sich gemacht und ist dementsprechend entspannt.

"Bestimmt ist diese Diskrepanz beider Seiten für manche schwierig zu sehen. Aber ich finde es für mich selbst völlig stimmig, eine ernste Platte zu machen und trotzdem auf der Bühne witzig zu sein. Das Problem ist, dass Leute sich auf Humor schneller einigen können und der länger im Kopf bleibt. Aber solange sich jeder etwas rausnehmen kann und sich Tickets und Platten kauft, ist es mir recht!"

Missverständnisse, dass man es hier weder mit Stand-Up-Comedy noch mit einem melancholischen Songwriter zu tun haben würde, sollten da schnell ausgeräumt sein.

Und überhaupt, Schulz und die Bühne! Da geht er zum Lachen hin. Rennt mit Kettensäge bewaffnet und Micky Maus-Maske grunzend durchs Publikum, kommt vor lauter Plappern kaum zu seinen Songs, in denen und rundherum er alle Anwesenden seit jeher mit tausendundeins kleinen Erlebnissen, Beobachtungen skurrilster Art, kleinen Weltansichten in seinen Geschichten für sich gewinnt. Weil man ihm jeden Quatsch so abnimmt. Es gäbe z.B. weniger Tierbilder auf dem neuen Album, weil Blumfeld und Kante das von ihm erfolgreich geklaut und ausgereizt hätten – bald kommen die bestimmt mit Konzept-Alben zu fliegenden Gegenständen! Einen Song über seine Katze habe er aber geschrieben als B-Seite. Die meisten Lieder seien eh schon lange fertig gewesen, so müsse es schon nächstes Jahr wieder ein neues Album geben. Abseits der Bühne sagt er inhaltlich das Gleiche, aber ohne umgelegten Komik-Schalter.

"Ich mag und bewundere Musiker mit so einem großen Output wie Ryan Adams, Conor Oberst oder Eddie Vedder. Denn das ist auch ein Luxus – umso reicher Du wirst, desto fauler wirst Du oftmals."

Dafür hat der Wahl-Berliner und leidenschaftliche Musik-Fan aber noch viel zu viel vor. Zum Beispiel die Doku über Bibi und sein Album. Und einen Film drehen ("Zwei Drehbücher von mir sind schon vor zehn Jahren abgelehnt worden!"). Und eine komplett eigene Radiosendung. Vielleicht sogar eine TV-Sendung, die "eine Stunde lang nur auf meine Person zugeschnitten ist, wenn es denn mal einen guten Sender gäbe!"

"Es gibt aber auch Tage", relativiert er "an denen ich so lethargisch bin, dass ich gar nichts machen will und mir alles scheißegal, sind sowieso alles Arschlöcher da draußen. Und musikalisch werde ich vielleicht etwas ernster, aber deswegen hab ich ja nicht meinen Humor verkauft, ich bin ja nicht Timm Thaler."

Aber das ist ja auch nur eine Seite des Olli Schulz. Die andere?

„Was ist die härteste Droge der Welt? Gleise. Nur ein Zug und Du bist sofort tot!“

Man nimmts ihm nicht übel. Bühnen-Entertainment, aber nicht mehr um jeden Preis. Und kennt eigentlich jemand schon die Geschichte, wie er sich vor seinem Musiker-Dasein in langweiligen Jobs ein bisschen Abwechslung schuf? Hingehen, Zwerchfell straffen und sattsehen und lieber alles jetzt mitnehmen. Denn wahrscheinlich weiß Olli Schulz selbst kaum, was da noch kommen kann. Im Moment ist es ein gutes Leben, und er hat noch soviel zu erzählen!

Aktuelles Album: Warten auf den Bumerang (Labels / Emi)
Weitere Infos: http://www.olli-schulz-online.de/
© 03. November 2006  WESTZEIT ||| Text: Fabian Soethof ||| Foto: Felix Gebhard
November 2006

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