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UNDER BYEN - Achter ohne Steuermann

Anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres zurecht hoch gelobten Albums „Det Er Mig Der Holder Träerne Sammen“ in Deutschland, ist im Oktober nach ausgiebigem Touren und anschließendem Studioaufenthalt der würdige Nachfolger „Samme Stof Som Stof“ hierzulande erschienen, welcher einen intensiveren Blick auf das achtköpfige Ensemble und deren Sound erfordert, weil er weiterhin zwar kaum zu beschreiben, dafür aber aller Ehren wert ist.

In der Vergangenheit sind bei diesem Versuch Schubladen (vor allem Sigur Rós und Björk) geplündert worden, ohne dabei den Kern zu treffen – nämlich dass diese Musik schlicht andersartig, außergewöhnlich und eben unvergleichlich ist (vielleicht aber meinten diese Leute ja auch genau das, als sie die Vergleiche heran zogen?!). Die Band betont immer wieder deren Eigenständigkeit (ok, das macht nahezu jede Band, die etwas auf sich hält), aber die Suche nach Nivellierung treibt immer wieder die üblichen Blüten. Immerhin erstaunt es doch, dass die Keimzellen der Band – Sängerin und Texterin Henriette Sennenvaldt und Katrine Stochholm – bei Gründung vor nunmehr elf Jahren gar keinen Schimmer hatten, wie sie klingen wollten, sondern die Band mit den Instrumenten besetzten, die sie so gerne mochten und die deren Klang ausmachen sollten (Schlagzeug/Perkussions, Klavier, Violine, singende Säge, Bass, Cello – keine Gitarre(!)). Die Songs entstanden zukünftig zwar durch normales Songwriting am Klavier, aber sie klangen nicht wirklich danach, weil sie zu abstrakt waren, weil jeder Musiker seine Freiheiten hatte, ja angehalten war, den kreativen Prozess anzuregen und sich (und sein Instrument) deshalb nach besten Kräften einbrachte. So begab sich das Oktett seitdem auf einen unvorhersehbaren Weg wie ein Achter ohne Steuermann, der lieber sein Ziel erreicht, indem er kreative, unebene Wege zurück legt, etwas wagt, dabei Fehler in Kauf nimmt und damit menschlich und verletzbar wirkt, als sich in der Sicherheit der unnatürlichen, gleichförmigen Geradlinigkeit zu wiegen. Und genau das sind die Kernpunkte in ihrer Musik: ihre Kreativität, ihre Unberechenbarkeit, ihre Vielseitigkeit und ihr Bestreben, immer vorwärts und nie zurück zu rudern!

Mit ihrem neuen Album haben sie genau dies in die Tat umgesetzt, weil sie, angeregt durch das lange und erfolgreiche Touren mit dem Vorgängeralbum, den Wunsch hatten, die Songs live einzuspielen. Und möglicherweise war es die innovative Kulturszene ihrer neuen Wahlheimat Brüssel, die sie dazu animierte, experimentierfreudiger zu agieren. Jedenfalls wirkt ihr Sound auf einigen Songs nun dynamischer, kompakter, lebendiger, hypnotischer und dramatischer als zuvor; man verwendet mehr Effektgeräte, lotet weiter seine Grenzen aus, ohne ganz heran zu kommen, erweitert damit das Klangspektrum und klingt damit durchweg fast wie auf der Bühne. Die Perkussions nehmen einen höheren Stellenwert ein, der Bass gräbt weiterhin das wichtige dichte Fundament, die Streicher wirken oft bedrohlich verzerrt und (ver-)fremd(-et) und Sennevaldts Stimme oszilliert – ebenfalls mit Hilfe der Technik – wie eh´ und je zwischen mädchenhafter Unschuld und entrückter Übernatürlichkeit. Zum verdienten Ausgleich präsentieren Under Byen, ganz im Sinne eines ausgeklügelten Spannungsverlaufes, beruhigende Stücke, in denen die Erdung schon mal mittels eines sanften Glockenspiels, einer hauchzarten Pianopassage oder der singenden Säge statt findet. Zudem finden sich diesmal sogar Stücke, die man auf einem gut sortierten Radiosender hören wird, was nicht heißen soll, dass es wirklich poppig zugeht, aber der Verbreitung durchaus dienlich sein kann.

Insgesamt ist „Samme Stof Som Stof“ ein sehr vielfältiges, stimmungsvolles und anspruchsvolles Album, das sicherlich keinen Ohrwurm beinhaltet und dessen Zugang man sich zunächst erarbeiten muss. Dafür aber wird der Eindruck reichhaltig und nachhaltig sein und den Wunsch hinterlassen, diese Band irgendwann einmal live zu erleben!

Aktuelles Album: Samme Stof Som Stof (PIAS)
Weitere Infos: www.underbyen.dk
© 01. November 2006  WESTZEIT ||| Text: Marco Pawert ||| Foto: Steffen Jørgensen
November 2006

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