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MILBURN. - Die unerträgliche Leichtigkeit der Melodie

Stellt sich der Erfolg erst ein, beginnt unmittelbar danach auch die Legendenbildung: von Milburn sagt man, sie hätten schon vor irgendeiner Veröffentlichung, ohne Internet-Seite, sondern nur durch pure Mund-zu-Mund-Propaganda ihre Bekanntheit bis nach Australien ausgedehnt. Das stimmt natürlich nicht, wie Sänger Joe schnell klar stellt. Richtig dagegen ist, dass die vier Jungs mit ihrer ersten Single „Send in the boys“ von Null auf Platz 22 in die britischen Charts geschossen sind, was angesichts der punkigen Underground-Musik nicht selbstverständlich ist.
Milburn kommen aus Sheffield und das hört man gewaltig. Wie schon Mike Skinner und seine Streets oder die Arctic Monkeys singen die Brüder Joe und Louis mit fettem Akzent. Das ist nicht zufällig. Fast möchte man meinen, dass die beiden nicht anders singen können, doch weit gefehlt, der Sheffield-Slang ist hier Stilmittel und wird voller Stolz eingesetzt.

„Weißt du, wenn du anfängst zu singen und du kannst es eigentlich noch gar nicht richtig, dann hast du kein Selbstvertrauen und singst in deiner Heimatsprache. Das ist das, was wir am besten können und außerdem, was ist schon dabei.“, erklärt Frontmann Joe Carnall. Der ist gerade Mal 18, hat seine Schule mit lauter Einsern abgeschlossen und danach einen Studienplatz in Cambridge abgelehnt. Alles für die Band, die ist seine Basis, was nicht verwundert, denn ein Stück Familie hat er integriert, seinen Bruder Louis. Der Bassist ist auch nur ein Jahr älter und liegt damit im Durchschnitt, denn Schlagzeuger Greeny ist mit 20 Jahren schon das älteste Bandmitglied. Familie und Band, das geht nicht immer gut. Die Gallagher-Brüder blockieren immer wieder die kreative Schaffensphase ihrer Band Oasis. Andererseits bei Mando Diao klappt das hervorragend und die sind Milburn musikalisch näher.

„Ach hör mir auf mit der Bruder-Geschichte. Jeder fragt danach, das ist so langweilig. Jeder meint, nur weil wir Brüder sind, fetzen wir uns den ganzen Tag. Ich hab manchmal das Gefühl, dass die uns geradezu kämpfen sehen wollen, so wie die Gallagher-Brüder. Aber so sind wir nicht, wir mögen uns halt, tut mir leid“, stellt Joe klar. Sie haben es aber auch nicht nötig, auf diese Weise ‚publicity' zu erhaschen. Es geht auch anders. Ihre Musik hat sie schon im Sommer, also vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums, bis nach Japan gebracht. Da haben sie beim Fuji-Rock-Festival gespielt.

„Das war ein großartiges Erlebnis, die Leute da sind so begeisterungsfähig. Leider hatten wir ein stressiges Programm, so dass wir nicht viel vom Land gesehen haben. Aber das holen wir im Januar nach, dann sind wir wieder da, zusammen mit den Rifles.“

Ein wenig Inspiration aus der Zeit ist schon ins Album eingeflossen, „Lipstick Licking“ hat einen japanisch angehauchten Rhythmus a la Shonen Knife. Der Refrain klingt dagegen eher nach Irish Folk. Es ist aber erstaunlich mit welcher Leichtigkeit die Jungs Melodien zu Tage fördern. Da ist kein kompliziertes Songwriting, aber mit den richtigen Akkorden versehen, reichen auch drei bis vier um Melodien von Morgen zu kreieren. Songs wie “Send In The Boys“ machen auf Anhieb süchtig. Da schert es Joe wenig, ob sie mit den Arctic Monkeys oder anderen verglichen werden. Milburn sind schon einen Schritt weiter und streben nach mehr:

„Wir wollen nicht die besserwisserischen Bastarde sein, die dann für zwei Wochen durch die Medien gehen und mal kurz in den Himmel gelobt werden. Wenn du zum Beispiel heute in einen Plattenladen gehst, dann wirst du in den Regalen Alben finden, die in zwei Wochen schon wieder verschwunden sind. Und was bitte soll das? Wer will das? Wer braucht das? Wir wollen ein Album machen, das auch noch in 15 Jahren von den Kids gekauft wird.“

Aktuelles Album: Well Well Well (Universal)
© 01. November 2006  WESTZEIT ||| Text: Tobias Hinkes
November 2006

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