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DISCO ENSEMBLE - Der Star ist die Mannschaft

Das Disco Ensemble ist keinesfalls das Orchester von James Last, sondern ein finnischer Haufen, der sich mit Power dem modernen Rock widmet. Vertrackte Breaks, treibende Beats und energetische Riffs jagen einander. Zusammen mit Danko Jones, Gogol Bordello und dem Bedouin Soundclash war das Ensemble den gesamten November mit der „Antidote Tour“ in Europa unterwegs. Die WZ sprach zum Tourstart in Leeds mit Miikka Koivisto über die Arbeitsweise seiner Band sowie über die nun folgende Deutschland-Tour mit Madsen.

Koivisto (Vocals, Keyboards) war mit seinem Kollegen Mikko Hakila (Drums), Lasse Lindfors (Bass) und Jussi Ylikoski (Guitar) gerade in der englischen Metropole eingetroffen. Vor dem Soundcheck erledigte der Lyriker des Ensembles die Pressearbeit. Ausnahmsweise allein. Denn:

„Wir machen alles zusammen! Songs werden nur eingeübt, wenn alle beieinander sind. Es wird zusammen gespielt. Was dabei heraus kommt, kommt heraus. Niemand komponiert Songs allein! Alles kommt fortwährend von uns gemeinsam. Es ist wie bei den Körperteilen - für sich allein können sie nicht funktionieren!“

Koivisto muß allerdings einräumen, dass die Texte von ihm stammen.

„Die Lyrics sind wirklich das Einzige, was jemand allein machen kann. Riffs kommen und gehen, jeder bringt seine Ideen ein, jeder mag, was dabei herauskommt. Erst kommt die Musik. Wenn sie guter Krach ist, bin ich inspiriert, singe einige Worte. Davon habe ich genug notiert, ich habe haufenweise Papiere mit Worten!“

Die Kritzeleien auf dem Cover der CD „First Aid Kit“ wurden ebenfalls von ihm zu Papier gebracht, zusammen mit Ylikoski wurde das Booklet designt.

„ ´Shit-art´, wirklich. Wir zeichnen sehr viel. Diese Zeichnungen sind von uns, darum sind sie auf dem Cover. Auch wenn sie aussehen, als wenn 10-jährige die Bilder gemalt hätten.“

Koivisto, der sehr bedacht und langsam redet, lacht.

„Mysteriös...fühle unsere Zeichnungen... . Das ist Teil der Idee. Wir betrachten es nicht als hohe Kunst!“ Ebenso verhält es sich mit dem Schriftzug, in dem 2 `s´ untereinander angeordnet sind. Mittlerweile haben diese Buchstaben eine große Ähnlichkeit mit einem Blitz. Das war nicht immer so.

„Im Original hatten wir das `ss´ von Kiss. Und aus dem gleichen Grund wie sie haben wir unser Logo abgeändert, es sieht nun wie ein Blitz aus. Es kommt einfach besser so. Wir sind die finnischen Kiss!“

Politische Statements stehen nicht primär im Vordergrund.

„Wir sind keine traditionell-politische Band wie Rage Against The Machine oder The Clash. Gesetze sollten vielleicht etwas gedehnt, aber nicht unbedingt gebrochen werden! Es entspricht nicht meiner Überzeugung, den Menschen Vorschriften zu machen. Ich möchte inspirieren, und von guter Rockmusik inspiriert werden.“

Diese Inspirationsquellen werden werden aber nicht plakativ hervorgehoben. Im Gegensatz zu anderen Formationen gibt sich das Disco Ensemble im Booklet nicht dem ´namedropping´ hin. Keine Verweise auf andere Musiker, mit denen man tourte. Warum?

„Gute Frage. Eigentlich haben uns alle Leute inspiriert, mit denen wir zu tun hatten, mit denen wir zusammengespielt haben. Ich weiß nicht, warum wir keine Namen genannt haben. Vielleicht sind wir Snobs!“

Abermals kurz ein Lachen.

„Man kann sagen, unsere Musik ist von der amerikanischen Kultur beeinflusst. Als wir starteten, hörten wir viele Bands, die aus Amerika stammen. Alle Teenager taten das damals. Genauso inspirierten uns europäische, besonders skandinavische Gruppen. Die Kulturen sind sehr unterschiedlich, Finnland ist weit entfernt von den pulsierenden musikalischen Standorten im UK oder Amerika. Gerade das ist jedoch das Spezielle an der finnischen Musik-Kultur. Eben, weil sie von allem entfernt ist, es immer war!“

Dennoch gibt es in dieser finnischen Kultur gravierende Unterschiede.

„Wir sind bestimmt nicht gerade das, was man als typische Band aus Finnland bezeichnen kann, versuchen nicht, besonders `dunkel´ zu sein, wie es die finnischen Goth- und Metal-Bands zu tun pflegen. Mit dieser Art ´Euro-Gothik´, dem romantisierendem besingen der `schwarzen Dunkelheit´ haben wir nichts gemein. Unsere Musik hat diese Dunkelheit nicht in sich. Wenn sie dennoch diesen Effekt haben sollte, liegt es an unserer Vorliebe für Moll-Akkorde.“

Die Namen einiger finnischer Acts, u.a. Apocalyptica und Him, machen die Runde.

„Lordi paßt nicht dazu, sie spielen `Eurovision-Metal´.“

Abermals Gelächter.

„In Finnland gibt es eine gute Punkrock-Szene, aber wir waren nie wirklich eine Szene-Band, standen keiner Szene wirklich nahe. Wir sind in Finnland sozusagen Außenseiter! Genau das ist der Grund, warum von uns soviel Notiz genommen wurde.“

Das aktuelle Album „First Aid Kit“ wurde in Finnland via Fullsteam Records bereits vor über eineinhalb Jahren veröffentlicht, Universal wird den Longplayer hier nun am 01.12. wiederveröffentlichen. Den ersten Kontakt zum weltgrößten Plattenkonzern umschreibt Koivisto, abermals lachend, wie folgt:

„Ich vermute, sie haben durch Full-steam Records von uns gehört, weiß es aber nicht. Einige Leute von Universal haben halt Ahnung von Musik!“

An Selbstbewusstsein und kessen Sprüchen mangelt es dem Künstler nicht. Als den besten Song im Repertoire bezeichnet er „Black Euro“.

„Es ist ein guter Live-Song, daher spielen wir ihn meistens am Schluss des Sets.“

Zudem besticht dieser Track durch ein besonderes Intro.

„Dieser Anfang versammelt einige elektronische Sounds. Scheinbar rücken wir diesem Stilelement immer näher, wahrscheinlich wird es in Zukunft mehrere dieser Sounds von uns geben. Wir hören uns alle Arten von Musik an, lassen uns inspirieren. Nichts ist unmöglich!“

Wird sich das Disco Ensemble möglicherweise auf der gemeinsamen Deutschland-Tour im Dezember noch von Madsen beeinflussen lassen? Kennen sie diese deutsche Powerpop-Formation überhaupt?

„Ich hörte, dass sie live sehr gut sein sollen. Eine sehr gute Rock´n´Roll-Band, die deutsch singt. So wird sie vom deutschen Publikum besser verstanden. Einigen Bands steht der deutsche Sound richtig gut. Die Einstürzenden Neubauten gehören z.B. dazu! Es wäre eine Herausforderung, es einmal so zu machen wie die sie. Gut, die Neubauten haben auch einige englische Titel im Programm, aber ich mag sie. Meine Freundin ist ein großer Fan von ihnen. Wir wollten bereits oftmals nach Deutschland reisen, um sie uns anzusehen. Hat bislang leider nicht geklappt. Ich hoffe, sie kommen eines Tages nach Finnland... . In Finnland ist es ebenso, viele Gruppen singen in der Landessprache. Wir haben allerdings nie wirklich darüber nachgedacht, finnisch zu singen!“

Leider leitete diese Antwort jedoch das ´finish´ des Gesprächs ein. Danke für das Interview!

Aktuelles Album: First Aid Kit (Fullsteam Records / Vertigo / Universal)
Weitere Infos: www.discoensemble.com
© 03. Dezember 2006  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
Dezember 2006

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