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THE GREAT BERTHOLINIS - Stoizismus und Zwergenwerfen

Hazelwood, laut Selbstdarstellung das „Label für den toleranten Stoiker“, kam im Herbst mit einer wirklich haarsträubenden Story über ein brandneues Signing daher: Aus einem Dorf tief in der ungarischen Pußta zog eine Artistendynastie hinaus in’s große unbekannte Westeuropa. Zur Akrobatik kam zwangsläufig Musik, die Kinder (darunter die berühmte zweiköpfige Esteé Bertholini) spielten bald mit allen (un)denkbaren Schallerzeugern wundersame Musik und… WESTZEIT mußte einfach mal nachfragen und tauschte mit Tódor Bertholini ein paar E-Mails.

In welcher Sprache wollen wir uns denn unterhalten? Mein Ungarisch ist ziemlich verrostet.

“Eure Sprache ist für mich inzwischen kein Problem mehr. Ist ja aufgrund der vielen schönen Umlaute auch ziemlich artverwandt mit dem Ungarischen.”

Es ist ja verblüffend, wie die Medien auf die Rahmenhandlung einsteigen - einige nehmen sie (bier)ernst, andere spielen mit den Bildern, wieder andere tun ganz schlau und enthüllen die Franken hinter den Artisten.

“Am meisten verblüffen mich diejenigen, die uns auf die Schliche kommen und versuchen, diesen ungeheuren Schwindel aufzudecken. Letztendlich dient doch die Rahmenhandlung einer Band dazu, ein passendes Bild zu vermitteln und die Wahrnehmung ein bisschen zu beeinflussen, ohne dass man einen Ton der Musik gehört hat. Allerdings musste die Bertholini-Familie nicht erfunden werden: Wir sind 10 Musiker, die zum größten Teil von Kindheit an zusammen Musik machen. In dieser Zeit haben sich Familienstrukturen und Rollenmuster entwickelt. Es gibt zwei Familienoberhäupter, einen Erstgeborenen, einige Zweitgeborene, hin und wieder schwarze Schafe und dann noch die verkorksten Cousins.”

Lassen sich neben den Einflüssen von Bluegrass und Marchingband bis Rumba und Charleston-Burleske auch konkrete, ähm, Vorbilder benennen?

“Grob gesagt, kommt Oszkar eher von der besseren Gitarrenmusik und ich aus der Swing- und Countryecke. Bezugspunkte kann man in den oftmals dramatischen und vielschichtigen Kompositionen von Nino Rota und in der eher rohen Art von Kurt Weill finden. Das umtriebige musikalische Leben von Django Reinhardt hat aber genauso seinen berechtigten Einfluss, wie die Klassiker von Dean Martin.”

Würden eure Songs auch auf Deutsch, pardon, Ungarisch funktionieren? Wie entstehen die Stücke überhaupt?

“Hauptsächlich in den Köpfen der beiden Songwriter (Oszkar und Todor). Allerdings bleibt jedem Bertholini die Freiheit, seine Interpretation des Songs beizusteuern, indem er sein Instrument so spielt, wie er es für richtig hält. Am Ende wird dann wieder rücksichtslos ausgedünnt und gestrichen, um das Chaos von 10 Instrumenten auf ein verträgliches Maß zu reduzieren. Früher war ich der Meinung, dass der Text nur Mittel zum Zweck ist, um die Stimme überhaupt erst als zusätzliches Instrument rechtfertigen zu können. Mittlerweile hat sich aber das Bedürfnis durchgesetzt, den Inhalten der Texte den gleichen Stellenwert einzuräumen wie der Musik. Die Lieder mit ungarischen und deutschen Texten haben es leider nicht auf die Debutplatte geschafft, weil die englische Sprache als Bindeglied, sozusagen als roter Faden herhalten musste.”

Die CD changiert zwischen schwelgerischer Croonerballade und crowd-pleasing uptempo-Zeugs, da ist live wahrscheinlich von intimer Kneipenbeschallung bis ausgelassener Tanzparty alles möglich?

“Die Leute sollen weinen und dabei trotzdem ausgelassen Walzer tanzen dürfen. Ich bin selbst oft überrascht wie unterschiedlich Konzerte ablaufen können und wie wenig man im Vorfeld dafür planen kann.

Wenn ich recht gezählt habe, seid ihr 10 Musiker - wie finanziert sich so was "on Tour"?

“Im Moment finanzieren wir uns durch angehäuftes Familienvermögen. Unsere Vorfahren waren ja schließlich nicht umsonst mehrere Generationen als Artisten unterwegs. Wir haben gelernt mit dem zufrieden zu sein, was uns geboten wird.”

Ihr fügt Euch ja sehr geschmeidig ein in den Hazelwood-Kosmos von Mardi Gras bb., DM Bob & Country Jem, John Q Irritated, King Khan und Super Preachers…

“Der Kontakt zu Hazelwood kam über unser immer noch aktuelles Bandfoto, das wir ohne viel Infos zugeschickt hatten. Zumindest wurde das Label so auf uns aufmerksam und hat uns zu einem Auftritt als Support von Mardi Gras bb. eingeladen. Bands wie Mardi Gras bb., King Khan und DM Bob werden durchaus auch in unserer Heimat gehört und geschätzt. Besonders mit John Q. verbindet uns eine langjährige respektvolle Bekanntschaft.”

Ach ja, wohin fliegen denn nun die Dinge?

“Gegenstände fliegen natürlich in einige Richtungen, hauptsächlich aber nach oben oder nach unten, gelegentlich beides und nur selten seitwärts.”

Aktuelles Album: Objects Travel In More Than One Direction (Hazelwood/Cargo)
Weitere Infos: www.thegreatbertholinis.de
© 01. Dezember 2006  WESTZEIT ||| Text: Karsten Zimalla
Dezember 2006

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