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DISCO ENSEMBLE - "Im Stadion spielen können Andere."

In Finnland bereits Volkshelden des Alternative, wollen Disco Ensemble nun endlich auch allen anderen zeigen, wo der Hammer hängt. Oder vielmehr die Gitarren, denn selbst nach drei Alben voller Rock und Riffs sind die Skandinavier keineswegs ruhiger geworden und taufen ihre neue Platte großspurig „The Island Of Disco Ensemble“. Wie dieser Ort aussieht und ob die Band um Sänger Miikka Koivisto solch Flucht nach Vorn nötig hat, fragt sich zu Recht.

Viel falsch gemacht haben sie zumindest nicht: Disco Ensemble spielten bereits vor vier Jahren beim renommierten Rock Am Ring-Festival auf großer Bühne und sorgten mit einer schweißtreibenden Performance für allerhand Schulterklopfer und Staunen beim damaligen Headliner Linkin Park – der nicht lange zögerte und die Finnen als Supportact mit auf Europatour nahm.

„Das war schon ein tolles Erlebnis für uns“, erklärt Sänger Miika Koivisto ein wenig kleinlaut, „trotzdem können wir so was realistisch einschätzen und wissen besser als jeder andere, das Erfolg ein sehr launisches Wesen ist. Gestern Abend jubeln dir noch 5.000 Leute zu und einen Tag später stehst du vor nicht einmal der Hälfte der Menschen und wunderst dich.“

Nicht dass er aus Erfahrung spreche, betont der kleine drahtige Frontmann, der gar nicht nach extrovertierter Rampensau aussieht und gerne grübelt, bevor er die Fragen seines Gegenübers beantwortet.

Viel gegrübelt hat seine Band bei der neuen Platte erstaunlicherweise auch – ganz im Gegensatz zu früheren Alben dauerten die Aufnahmen zu „The Island Of Disco Ensemble“ länger als erwartet.

Obwohl sie ihren Veröffentlichungsturnus (alle zwei Jahre ein neuer Longplayer) problemlos einhalten, entsteht beim Blick hinter die Kulissen ein etwas anderes Bild: „Normalerweise brauchen wir die Pausen zwischen den Alben um Konzerte zuspielen, weil wir da am meisten Bock drauf haben. Diesmal wollten wir aber mehr Zeit als gewohnt im Studio verbringen, um wirklich alles aus uns herauszuholen.“

Entgegen den üblichen Gepflogenheiten verließen sie für die Session eben nicht ihre finnische Heimat, sondern nahmen direkt in Helsinki auf: Zwischen Alltag und Rockstar-Image liegen jedoch Welten und so fiel es den vier Musikern schwer vom gewohnten Umfeld Abstand zu gewinnen.



„Generell finde ich es entspannend nach einer langen Tour zu Hause anzukommen“, erklärt Gitarrist Mikko Hakila und spricht dabei für seine ganze Band, „dieses Gefühl einer wirklichen Heimat sollten die Songs widerspiegeln und vielleicht war das unser Problem: Die Emotionen so einzufangen, wie wir sie empfinden“, fügt er mit einem Schulterzucken hinzu.

Womit zumindest der krude Albumname „The Island Of Disco Ensemble“ geklärt sein dürfte und trotzdem wundert es, dass die vielzitierte Ruhe und Abgeschiedenheit ihrer Heimat mit dröhnenden Alternative Rock und wilden Drums musikalisch untermalt wird. Wirklich „entspannend“ ist hier kaum ein Beitrag.

„Wir können halt nicht aus unserer Haut und plötzlich ruhigen Pop oder so machen. Das würde unter keinen Umständen funktionieren.“ Deshalb machen Disco Ensemble einfach dort weiter, wo sie mit ihren Vorgängeralben aufgehört haben. Selbst wenn die neuen Lieder ein Stück räumlicher klingen, sollte niemand falsche Schlüsse ziehen.

Vor großem Publikum spielen will jeder, doch diese vier ebenso symphytischen wie talentierten Finnen sind zusammen keine Band, deren einziges Ziel die Olympiastadien dieser Welt sind:

„Jeder weiß, wo er herkommt. Was wir bis hierher erreicht haben, ist fürs erste Grund genug glücklich zu sein“, lächelt Miika und bekommt ein abschließendes Kopfnicken seiner Kollegen gratis obendrauf.

„The Island Of Disco Ensemble“ trägt also keineswegs so dick auf, wie vermutet und darf trotzdem als bislang ambitioniertestes Werk der Band gelten. Die Steilvorlage sitzt, jetzt fehlen nur noch die Abnehmer.

Aktuelles Album: The Island Of Disco Ensemble (Fullsteam / PIAS)
© 01. Juni 2010  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Jussi Puikkonen
Juni 2010

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