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CLINIC - Ein Hauch Hotelzimmerverwüstung

"Internal Wrangler", der erste Geniestreich der vier Liverpooler, hat mich schon damals wirklich wahnsinnig gemacht. Ein düsterer Sexfilm mit vielen maskierten Psychopathen, ausgestrahlt über einen alten Schwarz/Weiß-Fernseher, so ungefähr hätte ich dieses kleine Meisterwerk umschrieben, hätte man mich gelassen...
Jetzt halte ich das zweite Album "Walking With Thee" in den Händen und frage mich erneut, wie man dermaßen knisternden Voodoo-Pop fernab jeglicher Trendverschrobenheit aus dem Ärmel zaubert. Aber dafür macht man ja Interviews. Man macht Interviews, um begnadete junge Künstler mit wenig raffinierten Fragen aus der Reserve zu locken. Und das mache ich jetzt. Lächelnd, betont naiv und kokett nehme ich zwischen den beiden überaus sympathischen (und nicht, wie bei ihren Konzerten üblich, maskierten) Bandmitgliedern Ade und Brian Platz und erkundige mich nach den musikalischen Neuigkeiten. "Wir haben dieses Mal ein wärmeres und entspannteres Album aufgenommen," erzählt Ade, dessen Stimme sowohl die eines barmherzigen Priesters als auch die eines geisteskranken Triebtäters sein könnte, "die Songs sind nicht mehr ganz so lärmig und zugedröhnt wie auf ‚Internal Wrangler’. Wir benutzten dieses Mal viele verschiedene und auch einige für uns völlig neue Instrumente, so dass die einzelnen Melodien plötzlich vielmehr im Vordergrund standen als bei unseren früheren Songs." Seltsam auch (und das weiß nur ein wahrer Clinic-Fan), dass es mal wieder drei weitere "the"-Stücke auf dem Album hat. Die B-Seiten der letzten Singles lauteten "The Castle", "The Majestic" usw. und jetzt plötzlich "The Equalizer", "The Bridge", "The Vulture" , ist das Zufall oder ernst gemeintes Konzept? Natürlich lacht Brian erst mal über so eine pingelige Frage. "Nein, da steckt nicht wirklich ein Mysterium hinter. Wir mögen einfach die simplen Ausdrücke, nicht anders als bei unserer Musik. Minimalismus und Reduktion sind unsere Stärke. Das muss sich ja zwangsläufig auch in den Titeln wiederspiegeln. Außerdem könnte "The Majestic" auch ein sehr obskurer Led-Zeppelin-Song gewesen sein. Nein, mal ganz im Ernst, es sind schon einige Songs auf ‚Walking With Thee’, die uns selber neu waren. Stücke wie ‚Harmony’ oder ‚Mr. Moonlight’ zum Beispiel klangen in unseren Ohren plötzlich sehr merkwürdig, sehr zurückhaltend. Wahrscheinlich sind das gerade deshalb die Songs, die uns am meisten bedeuten, weil sie uns selber eine neue Seite zeigen." Die sanfte Seite der übersteuerten Orgelklänge und der mitreißenden Beats kommt in einem Schweißperlentreiber wie dem Titeltrack und gleichzeitig der Singleauskopplung "Walking With Thee" Gott sei Dank nicht so sehr zum Vorschein. Allein das verzweifelt ausgestoßene "No, no, no, no...!!!" lässt mich ehrfürchtig zusammenfahren. Wie wichtig ist Aggression für einen Sänger, der sich anhört, als wäre ihm kein Leid der Welt fremd?

"Naja, es gibt schon verschiedene Arten von Aggression. Es gibt die Bands, die Hotelzimmer zertrümmern oder sich in Musikvideos im Schlamm wälzen. Diese Art von Aggression liegt uns wohl nicht so sehr. Bei uns ist es eher so, als ob die ganze Zeit über etwas Bedrohliches, Ungreifbares mitschwingt." "Eher so etwas wie ein Hinweis auf das Böse" wirft Brian ein. Ein guter Schlusssatz, oder?



Aktuelles Album: Walking With Thee
© 01. April 2002  WESTZEIT ||| Text: Gregor Buchkremer
April 2002

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