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GUANO APES

Gitarre ins Gesicht!

GUANO APES

Entspannt sitzen Sandra Nasic und Henning Rümenapp in einem Café am Hamburger Schulterblatt, um die Fakten zur Reunion-CD DER Formation zu verhandeln, die 1997/98 mit dem Crossover-Megaseller „Open Your Eyes“ sowie dem Debutalbum „Proud Like A God“ den absoluten Durchbruch schaffte, bevor es nach dem dritten Longplayer zu einer sehr schmerzhaften Trennung kam...

Da zuvor jedoch noch etwas Zeit ist bis zum vereinbarten Westzeit-Interview, verschwindet Nasic (Vocals) kurz, um ein Telefon-Interview zu erledigen, während Henning Rümenapp (Gitarren) Fakten zur eigenen Profession erläutert.

„Ich bin nach wie vor Teilhaber von Artist Station (Hannover). Das ist ein ´Baby´ meines Partners Frank Bornemann (Eloy), der die Firma als Alternative zu Majorlabels entwickelt hat. Ich unterstütze das. Aber für die Guano Apes wäre das nicht das Richtige gewesen. Ich glaube, dass wir mit dem, was wir wollen, über den Independentgedanken, oder über das, was eine Independent-Company leisten kann, ein bisschen drüber hinweg schießen.“

Vor knapp drei Jahren hatte Henning mit seinen Apes-Kollegen Dennis Poschwatta (dr) und Stefan Ude (b) independent mit dem R´n´B-Sänger Charles Simmons unter dem Namen iO ein Album „For The Masses“ eingespielt. Das Projekt iO sei zwar nicht offiziell beendet, es werde aber wohl auch kaum fortgesetzt werden, bemerkt Rümenapp, bevor kurz das Apes-Artwork angesprochen wird. Friedel Muders (Labelinhaber von Fuego in Bremen) war nicht nur am Cover von iO beteiligt, sondern er hatte in den Neunzigern als Designer mit den Guano Apes neue Standards gesetzt. Muders war zuständig gewesen für das komplette „Visuelle Image“ des Quartetts, hatte dafür als einer der Ersten das Internet intensiv genutzt. Für die umfangreiche Gestaltung der GA-Webseite wurde er seinerzeit sowohl mit dem deutschen Musikpreis Echo als auch mit dem vom Musiksender Viva verliehenen Comet ausgezeichnet.

Rümenapp: „Wir waren sehr stolz auf die Arbeit, die Friedel so liebevoll ausführte. Wir stehen weiterhin in gutem Kontakt, wollten aber, nach all den Jahren, nun einen anderen Stil hineinbringen. Da es jetzt ein Neustart ist, möchten wir uns auch in der Struktur neu aufstellen. Um einfach neue Impulse hinein zu bekommen. Also haben wir uns für Graphik & Webdesign anders orientiert. Wir haben zudem ein neues Management.“

2008 hatte Ude die Idee, die Guano Apes zu beleben. So hat er diesbezüglich Poschwatta angerufen, um zu testen, ob über die Musik auch wieder die Chemie stimmig werden könnte.

Nun beteiligt sich auch Nasic (die neben ihren Solo-Aktivitäten zudem mit der finnischen Formation Apocalyptica das hervorragende Stück „Path“ eingespielt hat) am Gespräch:

„Nach der Trennung haben wir parallel getrennt weiter musiziert. Für die Guano Apes mussten wir quasi wieder bei Null zusammen angefangen. Es wurde gejammt, es wurden aus dem Moment heraus neue Songs geschrieben. Ich arbeitete in Berlin, schön in Ruhe, habe auch mal Sachen mitgebracht. Wir haben ziemlich verteilt gearbeitet.“

12 Songs sollen sich auf dem neuen Longplayer „Bel Air“ nun wiederfinden.

Rümenapp: „Alle Stücke sind neu entstanden!“

Nasic: „Na ja, einer ist älter. Den hatte ich eigentlich noch für meine Platte mit geplant. Den muss man suchen... Vom Klang her ist auf `Bel Air´ alles klarer. Wir stehen nicht mehr auf dieses Wall-of-Sound-Ding aus den Neunzigern! Es war das Ziel, klarer zu schreiben. Nicht mehr drei Gitarren übereinander zu legen, sondern eben nur eine zu verwenden, die dir ins Gesicht geht! Einfach weniger ist mehr! Wir haben uns reduziert auf das Wesentliche.“

Rümenapp: „Anders kanalisiert, vielleicht fokussierter auf Songwriting geachtet.“

„Oh What A Night“ scheint perfekt als Single zu funktionieren.

Nasic: „Ich hätte ´Sunday Lover´ genommen...“

Warum?

„Na ja, die Strophe ist von mir.“

Zu Rümenapp: „Habe ich die Gitarre da eigentlich gespielt, oder hast Du sie gespielt? Du hast sie noch mal richtig gespielt, nicht wahr? Das traue ich mir dann doch nicht zu. Weil ich nur laienhaft Gitarre spiele. Es reicht für Melodien, hier und da für Songs. Aber im Studio? Da macht es der, der das richtig kann! `Sunday Lover´ ist schon ein bisschen mein Baby. Ich liebe diesen Song. Und das, was wir mit der Band nach hinten raus damit gemacht haben!“

´This Time´ besticht subjektiv zusätzlich durch den Einsatz sehr „dunkler“ Gitarren. Dark Wave?

Rümenapp: „Ich weiß es nicht mehr genau... Smashing Pumpkins? Gruft-Energie, die unter so einem wirklich tollen Popsong darunterliegt. Wir sind eine Band, die gerne auch Kontraste mag.“

Und eine Gruppe, die sich nicht selbst covern möchte - diskutiert anhand des Beispiels der Sisters of Mercy / ´Temple of Love´ (Original 1983; Remake 1992).

Rümenapp: „Warum verschlimmbessern, und `Open Your Eyes 2012´ herausbringen? Da machen wir lieber neue Sachen! Vielleicht haben die Sisters danach nichts gutes mehr gemacht, müssen sich daher an ihren alten Sachen vergreifen. Ich glaube, wir sind stolz genug, zu behaupten, dass wir eher immer wieder neue Sachen machen, wo wir uns neu erfinden. Uns sind auch auf dem neuen Album, finde ich, einige der stärksten Sachen gelungen, die wir je gemacht haben. Die es garantiert mindestens mit `Open Your Eyes´ aufnehmen können.“

Nasic zeichnet sich nach wie vor für die Lyrics verantwortlich:

„Texte werden nicht abgeändert!“

Rümenapp (mit Blick zu Nasic): „Texte sind Dein Ding, Du musst da wieder dahinter stehen! (zum Autoren dieser Zeilen:) Da wäre ich schön blöd, wenn ich ihr da den Spaß nehmen würde, und irgendwelche Sachen textmarke!“

Nasic: „Texte waren immer mein Ding. Meine Baustelle. Da hat niemand etwas drin verloren. Das nehme ich mir heraus, war damit bis jetzt immer ziemlich happy. Ich habe z.B. das Problem, dass ich fremde Sätze nicht singen kann. Ich habe einmal in Finnland mit einem anderen Sänger zusammen gearbeitet. Wir versuchten, Texte zusammen zu schreiben. Doch die Worte, die von ihm kamen, konnte ich nicht aussprechen. Ganz seltsam. Ich konnte sie nicht vernünftig aussprechen! Dabei war der Text in Englisch; in der Sprache, in der ich mich immer Zuhause fühle. Bis auf einen französischen Text habe ich bisher nur englische Texte geschrieben.“

Bemerkenswert. Genau, wie die musikalische Herkunft der ausdrucksstarken Sängerin - Zu Beginn ihrer Karriere sang sie als Gast bei Konzerten (sowie auf dem drittem Studio-Album „28203“) mit der Bremer HipHop-Formation Saprize. Als feste Mitglieder im Stamm von Saprize verwirklichten sich von 1993-96 weiterhin Gregor Henning (heute als Musikproduzent u.a. von Die Sterne, Trashmonkeys in Hamburg tätig) und Ben Rodenberg (heute Agenturchef von Gastspielreisen Rodenberg in Berlin; dort u.a. zuständig für Wir Sind Helden – die er quasi mitentdeckte!).

Nasic: „Ich weiß noch, dass der Gregor mich angerufen hat. Zu der Zeit hatten wir schon Guano Apes-Demo-Tapes gemacht. Er hat irgendwie ein Demotape in die Finger bekommen, meine Stimme gehört; wollte sich dann unbedingt mit mir treffen. Ich weiß nicht mehr genau, wie es war, habe aber auch ein Hip Hop-Projekt gehabt, denn ich bin mit AltHipHop wie Public Enemy aufgewachsen.

HipHop war ein Teil meiner musikalischen Welt, da hatte ich Lust drauf, da habe ich eben mitgemacht. Cassette, Telefon – angerufen, getroffen. Mit Saprize habe ich auch ein paar Konzerte gemacht. Einmal sogar am selben Tag ein Konzert mit Saprize als auch eines mit den Apes. Ich musste nach dem Saprize-Gig in eine andere Stadt fahren, um mit den Apes zu spielen. 3 Stunden Fahrtzeit, das war ganz schön hart! Danach hättest Du mich so in die Ecke stellen können, ich war echt tot.“

Die physischen Tonträger von Saprize, also auch jenes Werk mit Sandra Nasic, sind nicht mehr erhältlich. Das gesamte Repertoire ist jedoch als Online-Wiederveröffentlichung auf dem Fuego-Label von Friedel Muders zugänglich. Kein Wunder - Der Kreis schließt sich!

Aktuelles Album: Bel Air (Sony Music)


Weitere Infos: www.guanoapes.org Foto: Daniel Cramer

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