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SCHTIMM - Idealismus und Widersprüche

Es ist schon ein komischer Bandname, ja fast mysteriös. Genau wie die Namen der Musikanten, die hinter dem Quartett aus Trondheim stecken: Æ, B, K und P. Es soll aber nicht mysteriös sein, geschweige denn ein Kniff, um Popstar zu werden. Genau genommen stammen die Vier auch nicht aus Trondheim, sondern viel weiter aus dem Norden, einer kleinen Stadt namens Saltdal, nördlich des Polarkreises. Viel mehr wollen sie von sich nicht preis geben. Glücklicherweise erwiesen sie sich im Interview doch als mitteilsam, und äußerten einige Ansichten über ihre mehr oder weniger konzeptionelle Schaffensweise, über den Effekt von Konzerten, bei denen die Zuschauer Kopfhörer tragen, und ob es eine norwegische Musikszene gibt.

Trotz der Geheimniskrämerei sind die Nordlichter nicht davor gefeit, in eine musikalische Schublade gesteckt zu werden. Nicht zuletzt ob des weiblichen Gesangs von B fühlte sich der ein oder andere Schreiberkollege verleitetet, Vergleiche mit Beth Gibbons, Everything But The Girl und The Walkabouts anzustellen. Für die Gefragten hingegen existiert das Thema Kategorisierung nicht. „Es ist für uns eher schwierig, was wir machen, mit dem zu vergleichen, was andere machen. Wir sind nicht sehr gut darin, uns selber zu analysieren, wenn es um das musikalische Schaffen geht.“ Sie sehen sich nicht als Teil einer Szene oder Welle. Auch nicht in Bezug auf ihr Heimatland, zu dem ihnen spontan die lebendige Black Metal Szene oder Turbonegro, Aha, Edward Grieg und Vampire State Building einfallen.

Entgegen der eigenen Aussage scheinen Schtimm jedoch sehr wohl in der Lage, sich selber und ihr tun zu analysieren. Dabei zeigt sich eine idealistische Einstellung gegenüber dem kreativen Schaffensprozess und der Eigendynamik von Musik. Die Frage nach einem etwaigen Konzept hinter Schtimm verneinen sie. „Aber es ist natürlich sehr wichtig, dass unsere Platten für uns selber Sinn machen. Wir sind mehr eine Herz- als eine Kopfband. In dem Moment aber, wenn wir Platten veröffentlicht haben, gehören sie nicht länger zu uns. Es ist egal, welche Absicht wir hatten, ob die Texte auf unseren persönlichen Erfahrungen beruhen, oder wir die Musik für fröhlich, traurig, aggressiv, melancholisch etc. halten. Es liegt bei dem, der die Platten hört, sich sein eigenes Bild zu machen.“

Das zu verwirklichen, verfolgen die Norweger mit eigenwilligen Ideen. So dürften sie die einzige Band sein, die bisher Konzerte gespielt hat, bei den die Zuhörer die Musik über Kopfhörer hörten. „Die Absicht bei den Kopfhörerkonzerten war, zu versuchen, dem Publikum ein neues, näheres und etwas anderes Musikerlebnis zu geben. Zudem hat es auch etwas Sozialistisches: Jeder – einschließlich der Band – hört genau das gleiche.“ Schtimm scheint eine Band voller Widersprüche. Bei dem musikalischen Schaffensprozess stehen sie als Personen im Mittelpunkt, für den Hörer soll das aber kein Gewicht haben. Sie verteilen Kopfhörer, um jedem ein individuelles Hörerlebnis zu bescheren, aber jeder hört das gleiche. Das einzig wahre Konzept, welches diese Widersprüche zulässt, ist das ‚dem Herz folgen’.

Und so folgten sie bei den Aufnahmen zum aktuellen Album „Plays Mrakoslav Vragosh“ ihrem Gefühl, indem sie die technischen Mittel absichtlich eingrenzten. Sie benutzten nicht mehr Spuren als sie live spielen können, keine digitalen Effekte und davon nicht mehr als zwei pro Song. Das Ziel lautete, trotz der heutigen Möglichkeiten, das Album nicht überzuproduzieren. „Wir haben nicht die fanatische Einstellung, Sachen ‚wirklich’ oder ‚authentisch’ zu machen, aber wir fühlten, dass das der richtige Weg wäre, das Album zu machen. Bei dem nächsten Album kommt vielleicht etwas völlig anderes heraus.“
Bleibt noch die Frage nach dem höchst ungewöhnlichen Namen und Albumtitel. Tatsächlich kommen die Wörter ‚Mrag’ und ‚Vrag’ aus dem Russischen und bedeuten etwa Dunkelheit und Gegner. Sie sollen ein Hinweis auf die Stimmung der Platte sein. Und der Name? „Lustig genug, die meisten Leute in Norwegen denken Schtimm wäre ein Deutsches Wort – von Stimme, Stimmung, das stimmt und so. Für uns liegt es irgendwo zwischen dem ‚sch’-Klang, der sehr beruhigend sein kann – oder es klingt so, wenn ein Betrunkener spricht, jedenfalls in Norwegen – und Schtimm als Kürzel für Selbststimulierung. Letztendlich ist es doch das, worum es geht.“
Weitere Infos: www.schtimm.com
© 01. August 2003  WESTZEIT ||| Text: Ulf Kneiding
August 2003

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