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MOTHER TONGUE - Home is where your heart is

Die inzwischen in L.A. beheimateten Mother Tongue sind sicherlich keine Frischlinge im Rock'n'Roll-Zirkus mehr. Nach dem frustrierenden Split und ihrer glorreichen Rückkehr vor 2 Jahren gibt sich das Quartett kraftstrotzend und selbstbewusster denn je. Gerade das europäische Publikum begrüßte ihren Sound und honorierte zahlreiche Shows mit gebührender Unterstützung. Mit ihrem gerade erschienenen Album „Ghost Note“ führen sie ihre Linie stilsicher fort und rauben erneut den Atem des gemeinen Retro-Rock-Anhängers. Das Geheimnis? Der Wille und der nötige Ernst. Nicht mehr, nicht weniger.

„Diese Band ist und bleibt mein Lebensinhalt. Sie hat mein Leben ruiniert. Als wir 1990 in Texas Mother Tongue gegründet haben, waren wir allesamt junge Burschen. Nachdem wir uns für vier Jahre getrennt hatten, wurde uns klar, das wir diesem Lifestyle unseren Tribut zollen müssen. Auch wenn es verdammt schwierig ist, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und es sich finanziell eigentlich kaum lohnt - es gibt uns so viel anderes mehr, was mit Geld garnicht auszugleichen wäre. Unsere Fans geben uns so viel Energie und Passion zurück, dass wir endlich wissen, wo wir zu Hause sind.“ Davo Gould wirkt glücklich über seine Möglichkeiten und die Tatsache, dass sein Leben auch abseits aller Schwierigkeiten anerkannt wird. Nun also L.A. als Herd der Inspiration und Pflaster eines wirren, teils erschreckenden Lebens. „Ich war ein großer Anhänger der hiesigen Punkrock-Szene, Dead Kennedys, Bad Brains, Circle Jerks - diese haben mich alle geformt. Als ich dann mit 18 nach Texas kam, fand ich den Blues in einer Form, in der ich ihn sonst nie kennengelernt hatte. James Cotton, Buddy Guy, John Lee Hooker in kleinen Clubs, das war schon ein Erlebnis. Mit unserer Musik fanden wir keine Nische in Austin, also war der Umzug nach L.A. einfach notwendig. Wir waren einfach zu anders. Heute ist es ziemlich schlimm dort. Schlimmer konnte sich die Szene dort garnicht entwickeln. Musiker finden sich nicht mehr so einfach zusammen, es ist mehr wie eine Begegnung rivalisierender Gangs, das Business krankt, alle sind ihrem Gegenüber unglaublich kritisch. Viele können sich nicht mehr an der Musik essentiell erfreuen, sondern schauen erst, was allen anderen gefällt, und springen mit auf den Zug. Seit Tool und RATM hat sich dort eigentlich nichts mehr getan. Wir haben darüber nachgedacht, erneut umzuziehen und eine Community zu finden, die wesentlich offener ist. Oder aber wir sitzen es aus. Bisher haben wir immer noch alles gegeben, egal ob wir vor 10 oder 10.000 Leuten spielen. Es ist eine harte und in gewissem Sinne auch leider tote Stadt. Aber wir wollen gewinnen.“ Und das mit „Ghost Note“ - in der Mehrzahl kaum wahrzunehmende Töne, die den nötigen Charme hinzufügen und das Bindeglied zwischen Akkorden und Parts unhörbar aber merklich ausmachen. „Wir spielen sicherlich mit diesem Element, aber nicht konstant. Die Symbolwirkung dieses Ausdrucks war uns viel wichtiger. Nur Leute, die uns wirklich zuhören, verstehen uns auch als Band, weil wir keinen massiven Medienrummel um uns haben. Irgendwie ist dieses Album eine komplette Reflektion unseres Lebens.“ Rührt daher auch der etwas dunklere Klang? „Wir haben diesmal mit einem Produzenten zusammen gearbeitet, der eine Vision für diese Platte hatte. Bislang hatten wir nie mit vielen Overdubs aufgenommen, er hat aber diese vielen Schichten perfekt eingefangen und zusammengefügt.“ Im Gegensatz zur Live-Situation ist dieser anmutige und charmante Sound doch eher überraschend. Warum wollen Mother Tongue nicht auch auf Tonträger die am härtesten rockende und lauteste Rockband des Planeten sein? „Mann, wenn wir wüssten, wie das geht... Ich mag den Unterschied. Es ist nicht einfach, das gebührend festzuhalten. Viele Bands versuchen das mit überaus massivem Gitarreneinsatz, aber das kann es nicht sein. Wenn wir auf der Bühne stehen, kommen unsere Live-Einflüsse heraus, im Studio sind es unsere Recording-Einflüsse. Wir sind zwar keine Punkrock-Band, teilen aber den gemeinen Punkrock-Spirit. Somit sind unsere Shows auch zuweilen sehr explosiv. Es reicht halt nicht, das Buch nur zu kaufen, man muss es auch lesen. Alles passiert einfach. Wir spielen nie nach einer festen Setlist. Das hält die ganze Sache frisch und auch für uns interessant. In Sachen Aufnahmen sind wir dagegen immer noch in der Lernphase. Unser erstes Album haben wir aufgenommen, obwohl wir überhaupt nicht wussten, wie so etwas funktioniert. Das zweite war dann das totale Chaos, als hätten wir die Gitarren in Pfandhäusern auf der ganzen Welt eingespielt. „Ghost Note“ dagegen ging ziemlich schnell, wir waren nach knapp drei Wochen fertig.“
Nachdem die Single „Dark Side Baby“ einige Male zu Hören war, wurden in Fankreisen einige Stimmen laut, die Band würde hier doch allzu nahe bei Led Zeppelin‘s „Immigrant Song“ stehen. Davo lässt sich auf diese Anschuldigung aber gerne ein. „Sie haben recht. Als wir dieses Riff zum ersten Mal spielten, musste ich zwar eher an ZZ Top als an Led Zeppelin denken, aber dann wurde es auch mir klar: Ja, es klingt exakt wie der „Immigrant Song“. Natürlich existiert dieser Song schon, aber bei welchem ist es nicht so? Es interessiert mich nicht, was bereits existiert, wenn es mir gefällt, emotional ist und sich stark anfühlt. Auch wenn dieses Riff tatsächlich das gleiche wie bei Led Zeppelin damals ist, wir spielen es jetzt und sagen damit aus, was wir dadurch sagen wollen. Schau dir die ganzen Rapper an. Sie nehmen einen kompletten alten Song, setzten Beats darunter und neue Vocals darauf, und es ist etwas ganz anderes.“ Gab es jemals das Verlangen, stilistische Veränderungen einzupflegen? „Ich bin in dieser Band ziemlich zufrieden, machmal wäre mir etwas mehr zerstörerisches noch angenehm, aber wir haben viel Spaß zusammen. Manchmal würde ich lieber nur Bass spielen, weil ich dann in einer Art meditativem Zustand bin, aber wir haben alle unser Wesen als Musiker in Mother Tongue gefunden.“ Der Erfolg gibt ihnen recht, obwohl er in ihrer Heimat, den USA, nicht wirklich existiert. „Wir haben zu Hause keinen Erfolg. Es ist nicht vergleichbar zu unseren Auftritten im Ausland. Wir sind in Europa eine totale Undergroundband, aber ist das geht voll in Ordnung. Es gibt bei euch halt eine Gruppe von Leuten, die uns sehr stark und herzlich unterstützen, was wir sehr zu schätzen wissen. Wir werden akzeptiert, die Leute wollen uns verstehen und sich damit beschäftigen. Es wäre schön, wenn das auch in L.A. so wäre, damit meine Familie versteht, was ich da tue, warum ich mich so abrackere. Es wäre ein Traum, wenn ich irgendwann einmal davon leben könnte. Es ist gleichzeitig das Schlimmste und das Beste an dieser Band: unsere Hingabe und unser Einsatz. Wir alle hätten Mother Tongue als Sprungbrett benutzen und in weitaus größeren Combos enden können, wo wir vielleicht Geld verdient hätten. Aber wir haben uns für dieses Leben entschieden, weil es uns so unendlich viel bedeutet. Das heisst aber auch, manchmal das Gefühl zu haben, einen Kampf zu bestreiten, den man nicht gewinnen kann. Als würdest du die weiße Fahne schwenken und die Panzer brettern trotzdem über dich hinweg.“
Aktuelles Album: Ghost Note (Nois-O-Lution/Indigo)
Weitere Infos: www.mothertonguelives.de
© 03. Juli 2003  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
Juli 2003

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