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TURTLE BAY COUNTRY CLUB - Tellerwäscher gegen Monsterhai

Es ist schon befremdlich wie oft in heutigen Kontexten von den 80er Jahren die Rede ist. Meist dient der Begriff einseitigen, romantisch gefärbten Beschreibungen. Eines lässt sich zumindest feststellen: Ein Großteil der Ikonen des heutigen Kulturbetriebes begannen ihre Karrieren zur damaligen Zeit, hatten oft ihre besten Jahre und tragen nun, zu einem diffusen Bild dieses Musikjahrzehntes bei. Doch es gibt auch einen anderen Weg, den seit geraumer Zeit sicherlich Matthias Arfmann beschreitet. Wie etwa Schorsch Kamerun, der nun auf den Theaterbühnen der Welt zu Hause ist, scheint Arfmann für eine alternative Konzeption zu stehen, die sich die künstlerische Unabhängigkeit ihrer Anfangsjahre zu erhalten versucht hat, ohne dabei verklärten Blickes zurückzuschauen.
Als Teil der Kastrierten Philosophen bewegte sich Arfmann Anfang und Mitte der 80er noch in soliden subkulturellen Rockbahnen.

„Als ich 1987 zum erstenmal Yo, Bum Rush the Show von Public Enemy hörte, kam die Wende. Diese spartanische Direktheit, fand ich super revolutionär. Wir fingen nun an neue Elemente aufzunehmen und als ich 89 mein erstes Studio gründete, produzierte ich als allererstes Reggae Gruppen.“

Es folgten unzählige Produktionen für Bands aller Couleur, wie etwa Blumfeld oder die Absoluten Beginner. Vor ein paar Jahren nun zog es Arfmann ins Grüne des Hamburger Speckgürtels, wo er sich einen alten Apfelspeicher zu einem neuen Studio ummodellierte. Hier beginnt auch die Geschichte des Turtle Bay Country Clubs.

„1999 erschien eine Platte unter meinem Namen, die hieß Turtle Bay Country Club. Ich nahm den Titel der Platte und nannte so fortan mein neues Projekt. 2002 habe ich dann die Platte Dub Decade veröffentlicht, doch diese hat mit dem heutigen Album nur wenig gemein. Es handelte sich vielmehr um eine Sammlung von Stücken verschiedenster Künstler, deren Platten ich in meinem Studio aufnahm und deren Tracks ich über Nacht bearbeitete und meiner Vision von Dub anpasste.“
Trotz widriger Umstände, seine alte Plattenfirma war inzwischen aufgelöst worden, konzipierte Arfmann über Jahre auch immer eine Vielzahl von eigenen Songideen, die er mit Künstlern aus unterschiedlichsten kulturellen Zusammenhängen realisierte.
„Ich habe zwei Jahre lang enorm viele Sessions und Einspielungen mit Künstlern gemacht, mit denen ich diese Platte machen wollte, aber von Anfang an mit den jeweiligen Musikern geklärt, dass es mir möglich sein muss, mit den Aufnahmen auf meine Art zu verfahren. Am Ende war kein Song mehr so, wie wir ihn vorher eingespielt hatten, aber das Album war nach meinen Vorstellungen.“
So entstand mit „Universal Monstershark“ das erste richtig konzipierte Album des Turtle Bay Country Club. Herausgekommen ist eine interkulturelle Pop-Platte, die programmatisch eine unglaubliche musikalische Vielfalt bietet, der als Kern nur die Geschmackssicherheit von Arfmann, und der alte Apfelspeicher als Ort der Entstehung, zugrunde liegen. Neben Stücken mit Jan Delay, Onejiru, Schorsch Kamerun und Patrice, ist die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen James Brown Schlagzeuger Tony Cook besonders bemerkenswert.
„Es ist unglaublich, was für eine Klasse dieser Mann hat. Wenn man mit ihm im Studio aufnimmt, dann ist er so gestrickt, dass er erst anfängt zu spielen, wenn die Bandmaschine läuft und dann alle Power in den First Take legt. Es könnte ja sein, dass da so ein Produzentenarsch sitzt, der ihm keine zweite Chance gibt.“
Doch der künstlerischen Vielfalt nicht genug: Um die Platte herum ist ein Film entstanden, der dokumentarisch in Spielfilmlänge den künstlerischen Schaffensprozess von der kulturellen Verortung der einzelnen Akteure bis zu den Widrigkeiten des Business beleuchtet.
„Es geht in diesem Film darum die verschiedenen Musiker und ihre Sozialisation, aber auch die geschäftliche Anbindung zu zeigen. Daher werden auch alle Umwälzungen zu sehen sein, etwa die Auflösung meiner ehemaligen Plattenfirma Island, die rundum die Platte passierten. So musste mein damaliger Plattenboss am Ende des Films in Ex-Plattenboss untertitelt werden, da er über Nacht entlassen worden war.“
Ab September geht Arfmann nun mit Band und Film auf Tournee. Man darf auf die künstlerische Live-Umsetzung gespannt sein.
Weitere Infos: www.turtlebay.de
© 01. Juli 2003  WESTZEIT ||| Text: Bastian Stoppelkamp
Juli 2003

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