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JUNKIE XL - Radioaktiv

Tom Holkenborg war sicherlich einer von den Schülern, die überhaupt nicht still sitzen konnten, sondern mit allem, was auf der Bank herumlag, Beats produzierte, die seinem Kopf nicht mehr entweichen konnten. Nach in seiner Heimat Holland leidlich erfolgreichen Bands wie Weekend At Waikiki oder Nerve startete er zusammen mit Urban Dance Squad-Rapper Rudeboy Junkie XL, die Band, die er inzwischen alleine verkörpert. Kontakte zu Fronline Assembly‘s Rhys Fulber und den Apokalypse-Thrashern Fear Factory erweiterten sein Spektrum und führten zu verschiedensten Remix- und Produzenten-Jobs, die ihren Höhepunkt in der Aufbereitung des Songs "A Little Less Conversation" aus dem B-Katalog des King persönlich fand. Der Elvis-Remix startete im letzten Jahr als musikalische Untermalung eines Werbespots durch und Junkie XL (hierbei unter dem etwas ruchloseren Namen JXL) stieg endgültig in die erste Liga der modernen Tanzmusik auf. So dynamisch wie sein Werdegang sind auch seine Produktionen, wie das aktuelle Konzeptalbum beweist.

Der 35-jährige scheint nie stehen zu bleiben. So beweglich, wie eben auch sein neues Album ist. Der Hauptbestandteil sind Kollaborationen mit Sängern wie Solomon Burke, Gary Numan, Republica‘s Saffron, Dave Gahan, Robert Smith, Peter Tosh und vielen mehr. Sicherlich eine schwierige Angelegenheit, all diese namhaften Künstler für dieses Projekt zu begeistern. "Da Rudeboy nicht mehr mit von der Partie war, wollte ich dieses Mal mit mehreren Sängern arbeiten, sonst war die Arbeitsweise eigentlich die selbe wie auf meinen vorigen Alben. Das schwierigste war auf jeden Fall, die Postadressen der Herrschaften herauszufinden. Ich hatte eine Wunschliste, die ich ganz frech abgeklappert habe und extra für jeden einen eigenen Song geschrieben habe. So habe ich mich im Vorfeld in mühsamer Heimarbeit mit den favorisierten Tempi und Tonlagen meiner Wunschkandidaten auseinander gesetzt, um ihren Stimmen gerecht zu werden. Als ich dann etwa 20 Tracks verschickt hatte, hoffte ich auf zwei oder drei Rückmeldungen, aber alle haben positiv reagiert, was die Idee sofort in neue Dimensionen bugsierte. Wie konnte ich all diese Sänger unter einen Hut bringen? Ich hörte zu dieser Zeit viel Radio und hatte die Idee, meine eigene Radiostation zu gründen." Somit ist die CD nur ein kleiner Teil des ganzen Konzepts, das sich durch Live-Shows und seine Homepage komplettiert. Radio JXL ist geboren und besteht aus der eigentlichen CD, dem 3pm-Set, das wie eine Singles-Collection wirkt, der 3am-CD, einer nächtlichen Chill Out-Radioshow, sowie dem dritten Album auf seiner Website, die den Namen 7am trägt. Dazu wird es noch über vierzig Stunden Interviews mit den Kollaborateuren geben, im Stile einer echten Radiosendung. "So spricht Chuck D. beispielsweise über die Entwickliungen im HipHop, Solomon Burke referiert über die Veränderungen im R‘n‘B ab den vierziger Jahren, Robert Smith erzählt von den Anfängen des NewWave, usw. Es ist ein wirklich interessantes Dokument. Jede Woche werden wir eine neue Episode mit einem dieser Leute senden, zusätzlich werden noch exklusive DJ-Sets befreundeter Musiker ausgestrahlt werden." Das übertrifft den normalen Weg einer Albumveröffentlichung um Längen. "In den letzten fünf Jahren hat sich so vieles verändert, wir können uns der multimedialen Kultuer kaum noch entziehen. Videospiele sind mit Musik versehen, Filmsoundtracks werden immer aufwändiger, Werbespots identifizieren sich durch Musik. Das ist ein ganz anderes Konsumverhalten als noch vor wenigen Jahren. So könnte das 3pm-Album für sich alleine gut da stehen, aber in Kombination mit den Daten auf meiner Website ist das Konzept noch viel stärker." Warum nicht der moderne Schritt, direkt alles auf einer DVD zu kombinieren? "Die Herstellungskosten sind immens. Außerdem will so etwas sehr gut überlegt sein. Ich denke daran, eine DVD mit einer Live-Show zu veröffentlichen, aber dazu gehört mehr, als Musik und Bilder zu kombinieren und das ganze in Dolby Surround abzumischen. Du kannst so viel mit diesem Medium anstellen, aber es dauert sicher ein Jahr, um all diese Möglichkeiten auszuloten. Als die Beatles "Sgt. Pepper" rausbrachten, war das die schiere Revolution. Wie konnte eine Stereo-Aufnahme so unglaublich klingen? Niemand wusste bislang, dass so etwas überhaupt möglich war. Der Sgt. Pepper unter den DVD‘s ist noch nicht veröffentlicht. Es gibt eine Menge guten Stuff auf dem Markt, aber der neue Standard ist noch nicht erschaffen." Der Prozeß, bis das Radio-Projekt vollständig wurde, nahm fast drei Jahre in Anspruch. "Meine Gastsänger habe ich weit vor dem Erfolg des Elvis-Remix angeschrieben, so ein Album machst du nicht in einem halben Jahr. Allein die rechtliche Geschichte hat Ewigkeiten in Anspruch genommen." So gab es auch verschiedenste Gründe, warum es hier und da nicht zu eioner Kollaboration gekommen ist. "Einige Leute mochten die Musik sehr wohl, konnten aber kaum vernünftige Vocals beisteuern, was mich sehr verwundert hat. Bei anderen klappte es alles wunderbar, aber leider hat uns die Rechtslage mit einigen Plattenfirmen einen Strich durch die Rechnung gemacht." In einem einzigen Fall lehnte Tom die eingesandten Spuren ab. "Es kommt halt schon mal vor, dass ein Sänger für dein Gefühl nicht auf den Punkt kommt. Es war schon abgefahren, als Gary Numan in mein Studio kam, er ist nun wirklich eine große Persönlichkeit. Aber nach einigen Tagen waren wir auf dem gleichen Level und haben konstruktiv über Musik kommuniziert. So konnte ich auch ihm bei allem Respekt sagen, dass ich beispielsweise die erste Strophe nicht gut fand." Der große Vorteil seiner Arbeitsweise sind wohl die nun sehr weit reichenden Kontakte. "Zuerst habe ich gecheckt, ob die Sänger überhaupt an einer Zusammenarbeit mit mir interessiert sind. Einige dieser Leute wie Dave Gahan, Robert Smith oder eben Numan haben niemals zuvor die Musik eines anderen besungen."
Findet somit die Arbeit an eigenen Songs wesentlich passionierter statt als beispielsweise ein Remix eines eigentlich fertigen Songs? "Meine Arbeit als Junkie XL hat sehr viele Level. Auf der einen Seite bin ich Künstler und bringe meine eigene Musik heraus, dann bin ich Produzent, wie zum Beispiel auf dem letzten Album von Sasha (der No.1-DJ aus UK, nicht unser heimischer Schmusepop-Gott), ich fertige Remixe an, wie zuletzt für Rammstein oder Natalie Imbruglia und schreibe Musik für Werbespots, Videospiele (wie das neue X-Box-Game "Quantum Red Shift") und Filme. All diese Sachen mache ich mit 200%igem Einsatz und konnte meine Karriere auf verschiedensten Levels weiter ausbauen." Einer der Eckpunkte all seiner Produktionen ist und bleibt die Kunst, die Songs so dynamisch aufzubauen, wie es nur eben geht. "Ich habe mich natürlich auch weiter entwickelt, bin aber noch lange nicht perfekt. Aber ich bin sehr stilsicher geworden. Hör dir drei meiner Tracks hintereinander an. Einen singt Gary Numan, einen Saffron, einen Robert Smith und sie machen alle Sinn. Das Produktionslevel ist hoch und auch der Zusammenhang ist glaubwürdig. Gerade in der elektronischen Musik ist es heutzutage wichtiger denn je, einen Sound zu haben, der völlig unique ist."

Aktuelles Album: Radio JXL – A Broadcast From The Computer Hell Cabin (Roadrunner/Universal)
Weitere Infos: www.radiojxl.com
© 03. Juni 2003  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
Juni 2003

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