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SPILLSBURY - Kein Lied für Istanbul

‚Bloß nicht schlechter als Österreich.’ Kein anderer Gedanke durfte zugelassen werden, nachdem ich den geschichtsträchtigen Auftritt des Siegel-Produktes Lou beim Grand Prix gesehen habe. Schlager-Europa sieht auf Deutschland und sieht eine alte, ausgemergelte und offensichtlich verzweifelt um Anerkennung flehende Frau, die wahrscheinlich von Tomy gesponsert wird und ein Lied singt, dessen Text bescheuerter nicht sein kann – das wäre wahrscheinlich selbst Tony Marshall zu flach gewesen. Aber selbst diesen klitzekleinen Gefallen hat sie mir nicht getan…

Der Stachel saß tief und was blieb, war Ratlosigkeit. Doch es sollte schnell ein Hoffnungsschimmer am Horizont aufblitzen. In einem Café in Prenzlauer Berg sitzen Zoe Meißner und Tobias Asche und wollen mir von ihrer Band Spillsbury erzählen. Mit ausgestreckten Armen gehe ich auf beiden zu, meine Augen füllen sich mit Tränen, ich sehe Zoe schon im Trainingsanzug auf der Bühne in Istanbul. Je näher ich komme, umso klarer wird den beiden der Grund meiner großen Freude. Zeitgleich beginnen sie, den Blick zu senken und als ich vor ihnen stehe, können sie nur noch langsam die Köpfe schütteln. Spillsbury stehen also nicht zur Verfügung. Schade.
Andererseits aber auch verständlich. Denn Spillsbury sind jung und ihre Welt besteht aus zwei Teilen: unsere Seite und eure Seite. Und der Grand Prix gehört definitiv nicht zu ihrer Welt. Doch wie sieht sie aus, die Welt von Spillsbury? Die Keimzelle des Duos heißt One:Thirty, eine Hamburger Punkband. Tobias war der treibende Kopf, schrieb die Stücke, Texte und spielte Gitarre. Zoe war die Stimme. Vor drei Jahren wurde Tobias dann langweilig.

„Ich wollte anfangen, mich zu Hause am PC mit Musik zu beschäftigen, hatte aber überhaupt keine Ahnung. Von nichts. Ich hatte Cubase und fing einfach an. Ich habe nicht lange rumprobiert, sondern den einfachsten Bass und simple Drums programmiert – und staunte nicht schlecht: das Ergebnis kickte total. Es war wie damals, als ich anfing, Gitarre zu spielen. Punk war ja völlig d.i.y. Diese Stücke waren nun zwar alle am Rechner entstanden, aber trotzdem Rock’n’roll. Von Techno oder ähnlichem habe ich ja erst recht keine Ahnung. Zoe kam dann mal vorbei und wir bastelten an deutschen Texten – fertig. So unspektakulär, wie es sich anhört, war es auch. Von einigen Stücken sind noch die ersten Versionen auf dem Album. Dann haben wir ganz klassisch angefangen, Demos zu verschicken. Lado hat sich gemeldet und wollten die Platte machen. Fertig.“

Punk also. Einfach machen. Bass und Schlagzeug nach vorne und dann den Leuten da draußen sagen, warum man nichts mit ihnen zu tun haben will.
Die beiden Hamburger haben noch mit einer anderen Welt nichts zu tun, obwohl sie bei ihnen vor der Tür liegt: die Hamburger Schule. Bands wie Tomte und Wir sind Helden basteln momentan fleißig weiter an den althergebrachten Stereotypen: Hamburg = schlau, Berlin = böse. Spillsbury sind zwar böse, kommen aber aus Hamburg.

„In Hamburg haben wir’s tatsächlich etwas schwer, die Leute auf unsere Seite zu bekommen. Wir haben mit dem üblichen Schlaurock nichts am Hut und in manchen Clubs bekommt ja Hausverbot, wenn man es wagt, zu tanzen. Das ist in Berlin tatsächlich ganz anders. Andererseits können wir mit diesem Style-Ding um die Berliner Szene überhaupt nichts anfangen. Das sieht immer so aus, als müsste das Outfit die schlechte Musik ausgleichen. Deshalb sind wir ganz froh, dass wir diese sich verhärtenden Strukturen mit aufbrechen können.“

Die Richtung des eigenen Weges scheinen Spillsbury schon ganz gut zu kennen und nennen ihr Debüt „Raus“. Bleibt nur zu hoffen, dass die altenglische Bedeutung des Bandnamens nichts mit der weiteren Entwicklung zu tun hat. ‚Spillsbury’ bedeutet nämlich ‚Versagen’.
Weitere Infos: www.lado.de
© 01. Juli 2003  WESTZEIT ||| Text: Dennis Behle
Juli 2003

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