interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
TRAUMZEIT FESTIVAL DUISBURG - Am Hochofen wird’s heiß

Wenn sich ein Veranstaltungsname seit 1978 in der Ruhrpottkulturlandschaft breit macht, darf mit Fug und Recht von einer guten Tradition geredet werden. Das Traumzeit-Festival steht in einer solchen Tradition. Zunächst eingebettet in die Veranstaltungsreihe Duisburger Akzente, etabliert es sich seit 1997 mit Wilfried Schaus-Sahm als künstlerischem Leiter als eigenes Festival. Stilistisch ist das Festival offen für verschiedene musikalische Entwürfe. Seit dem Weggang Schaus-Sahms 2009 stellt sich das Festival Schritt für Schritt neu auf und hat sich deutlich verjüngt. Maßgeblich an der Programmgestaltung beteiligt ist seitdem Marcus Kalbitzer. Gemeinsam mit Festivalbüroleiter Frank Jebavy hat er auch in diesem Jahr wieder ein beeindruckendes Line-Up für das Festival am Hochofen zusammengestellt. Das ehemalige Hüttenwerk Duisburg-Meiderich, der heutige Landschaftspark Duisburg-Nord, wird auf vier Bühnen mit ambitioniertem Pop und Rock, mit Singer/Songwritern, mit elektronischen Klängen und bisweilen auch mit improvisierter Musik beschallt. Nach einer Pause im Jahr 2012 ging es 2013 wieder in die Vollen. Und auch 2014 trumpft das Traumzeit Festival nun an drei Tagen wieder mächtig auf.

Die Traumzeit-Philosophie

Wir sprachen mit Marcus Kalbitzer, dem gut vernetzten Kreativen hinter den Kulissen. Er hat sich über Jahre als Pop-Musik-Afficionado im Ruhrgebiet einen Namen gemacht - unter anderem beim Neustart des Programms für die Zeche Carl in Essen.

„Ich fühle mich bei meiner Arbeit dem Ruhrgebiet mit seinen Traditionen und seiner Mentalität tief verbunden“, bekennt er sich zum Pott.

„Mein Herz schlägt für die Pop-Musik und für die Region, in der ich lebe und arbeite. Hier möchte ich kulturelle Potentiale zu Tage fördern und mit internationalen Ideen und Musiken anreichern.“ Zudem waren sich Frank Jebavy und er „sehr schnell darüber einig, dass die Prinzipien ‚schnell zusammengeschustert’, ‚geiz ist geil’ oder ‚höher, schneller, weiter’ nicht unser Ding sind. Es ist die Liebe zur Kunstform Musik und zu dem fantastischen, historischen Ort, die uns leidenschaftlich an einer anderen Art von Festival arbeiten lässt.“

Vor diesem dem Hintergrund könnte der gewählte Veranstaltungsort, der Landschaftspark Duisburg-Nord, mit seinen behutsam restaurierten Industrie-Hallen, den stillgelegten Hochöfen und seiner einzigartigen, weithin sichtbaren Licht-Installation nicht besser gewählt sein.

„Nach der Pause im Jahr 2012, haben wir im letzten Jahr durch eine Veränderung in der Auswahl der Bands und Künstler auf ein deutlich jüngeres, popmusikalisch interessiertes Publikum gesetzt“, fährt Kalbitzer fort. „Die Rechnung voll ist aufgegangen. Wir haben ein erfolgreiches, wunderbares Festival realisiert.“
Grund genug, diesen Ansatz 2014 fort zu entwickeln. Was unbedingt bleiben sollte, ist die grenzgängerische Ausrichtung der programmatischen Inhalte. „Das ist der Weg, wie wir das Festival für die Zukunft aufstellen wollen.“
Die Zahlen sprechen für sich: 20.000 Menschen sind letztes Jahr während des Festival-Wochenendes durch den Landschaftspark flaniert, um das Umsonst-und-Draußen-Programm von internationalem Zuschnitt auf der Gasometerbühne zu erleben und über 5.000 Gäste haben sich für den Kauf der Festivaltickets entschieden. Doch nicht nur das Publikum ist hin und weg. Die auftretenden Bands sind es auch. So trafen beispielsweise letztes Jahr die Editors nach Betrachten der einzigartigen Kulisse die Aussage: „This is the most Instagrammish festival site we’ve ever seen.“
Als Kalbitzer ihnen die Bühne der Gießhalle zeigte und erklärte, dass dort früher flüssiges, kochendes Roheisen aus dem Ofen floss, waren sie komplett aus dem Häuschen.

Traumzeit 2014
Tag eins, Freitag, 20 Juni
Auch dieses Jahr wird dort wieder was zum Kochen gebracht. Die Klänge der Bands bringen die Stimmung des Publikums auf den Siedepunkt. Und am ersten Tag geht es gleich richtig los. Und er ist zu einem deutschen Tag geworden. Es laufen auf: MIA., Judith Holofernes, Marcus Wiebusch, Nils Frahm, Die höchste Eisenbahn, Smith & Smart, Abby, Messer, Trümmer, Spaceman Spiff und Lambert.
Drei Bands oder Künstler werden je Tag, ganz subjektiv ausgewählt und ein wenig genauer vorgestellt.
MIA. machen aktuell abseits der Konzertbühne von sich reden. Frontfrau Mieze Katz hat sich gerade als Jurorin in Deutschlands erfolgreichster Casting-Show ´Deutschland sucht den Superstar´ ihre Sporen verdient. Doch das lastet eine Band nicht aus. Schon gar nicht eine, die es seit gemeinsamen Schultagen auf dem Berliner John Lennon-Gymnasium gibt. Dort haben sie laut eigener Aussage, „erstmals mit zitternden Knien in der Schulturnhalle gespielt.“ Seither war die Band immer dabei, wenn es galt neue Trends zu setzen. Die Musiker haben es fast zur Aufgabe gemacht. zu verstören und zu überraschen, zu polarisieren und zu begeistern. Die Kontinuität dieser Band ist ständiger Wechsel und Veränderung. Geblieben sind sie über ihre gesamte Karriere ein grandioser Live-Act. Und genau diese Qualität werden MIA. in Duisburg voll ausspielen.

Wir sind Helden haben sich nicht aufgelöst. Offiziell heißt es, sie pausieren. Judith Holofernes, der Frontfrau ist die Zeit wohl zu lang geworden. Und ihre Sehnsucht nach der Bühnenpräsenz ist offensichtlich größer, als die Lust abzuwarten. Schließlich hat sie schon als 22 jährige bei einem ihrer allerersten Auftritten ihren Traum, ein Popstar zu werden, auf der ganz großen Bühne zu stehen, mit der schönen, größenwahnsinnigen Zeile besungen: „Ich will mich da oben sehn.“ Mit den Stücken ihres Soloalbums ´Ein leichtes Schwert´ ist sie jetzt wieder unterwegs und da oben auf den Bühnen. Von dort aus beschallt sie ihr Publikum mit einer Melange aus 80er Jahre Groove-Punk, 90er Jahre Indie-Rock, Country, Zydeco und 60er Jahre Rock ’n’ Roll.
Marcus Wiebusch ist als Sänger und Gitarrist Vordenker von Kettcar. Die Hamburger Truppe fiel dadurch auf, dass sie mit ihren Klavier-, Streich- und Bläserarrangement vom Weg des klassischen Pop abgebogen ist. Auch Marcus Wiebuschs Solo-Platte ´Konfetti´ überrascht mit einem gewundenen kreativen Weg, der von der klassischen Piano-Ballade bis zum tief pumpenden Elektro-Titel reicht oder der Sprechgesang mit knackigen Hip-Hop-Beats und reduzierter Gitarre vereint.

Traumzeit 2014
Tag zwei, Samstag, 21 Juni
Auch am zweiten Tag gönnen die Festivalmacher ihrem Publikum keine Verschnaufpause und trumpfen auf mit: Kitty Daisy & Lewis, The Notwist, Bonaparte, Pantéon Rococó, Hauschka, Hundreds, Kat Frankie, Young Chinese Dogs, Desiree Klaeukens, Los Placebos, And The GoldenChoir, Zirkus und Sugar River Sinner.
Die drei Londoner Geschwister Kitty Daisy & Lewis stehen für das aktuelle und noch gar nicht so lange mögliche Geschichtsbewusstsein in der Popmusik. Sie schaffen es mühelos die Musik der 1940er- und 1950er Jahre, den Rock’n‘Roll, Jump Blues und Rhythm and Blues aus der Mottenkiste zu holen. Diesem Klangkosmos werden noch jazziger Swing und Skatöne untergejubelt. Das Besondere dabei ist, die kreative Blickrichtung der drei hochmusikalischen Multi-Instrumentalisten, die ihr Augenmerk nicht nur auf die Vergangenheit richten, sondern gleichzeitig in der Gegenwart für die Zukunft komponieren.
Aus Mexico City reisen Pantéon Rococó an. Im Gepäck haben sie brodelnde Latin Ska- und Mestizorock-Stücke voller unbändiger Energie. Die bekennenden FC St. Pauli-Fans haben schon im Vorprogramm von Die Ärzte gezeigt, wie schwer es ein Headliner nach ihnen haben kann. Textlich schlagen sie den Zuhörern links und rechts knallharte revolutionäre, politische Parolen um die Ohren. Aber wie sagen sie selber? „Was wäre schließlich eine Revolution, zu der man nicht tanzen kann?“
Aus der Nachbarstadt Düsseldorf kommt Hauschka mit seinem wohlpräparierten Klavier. Er beschäftigt sich mit pianistischen Klangverwandlungen und spickt sein Klavier mit Kronkorken, Filzkeilen, Pergamentpapier, Klebeband, Ping-Pong-Bällen, Vibratoren oder Plastikfolien. Auf seiner aktuellen Platte ´Abandoned City´ führt seine Fähigkeiten zu bisher unbekannter Größe. Dabei spielt er mit den ganz großen menschlichen Stimmungen: Einsamkeit, Tragik, Dramatik, Vergänglichkeit, Melancholie, Absurdität oder Schönheit. Aber auch mit Romantik. Und zu Assoziationsketten, welche die Dringlichkeit beim Spielen befördern. Ein Spielen, das Klänge erschafft, die nicht zu sehr ausformuliert sind und so auch beim Hörer Assoziationsketten in Gang setzen. Außerhalb der Kontrolle des Künstlers kann das Publikum etwas aufgreifen und es weiter schieben. In jede von ihm gewünschte Richtung. Mit den Tönen von Hauschka ist für den Hörer immer auch die weitestgehende Freiheit verknüpft.

Traumzeit 2014
Tag drei, Samstag, 22 Juni
Auch der dritte und letzte Tag ist randvoll mit musikalischen Preziosen: ZAZ, The War On Drugs, Selah Sue, Dear Reader, AnnenMayKantareit, Jesper Munk, Broken Twin, Marsen Jules & John-Dennis Renken, Reverend Shine Snake Oil Co., The Great Faults, Kristin Shey Trio, MKS-Bigband
Schon lange gab es keine französische Künstlerin mehr, die die Herzen eines bunt gemischten Publikums so im Sturm erobert, wie die umwerfende Nouvelle-Chanson-Sängerin Isabelle Geffroy, besser bekannt als ZAZ. Mit ihrer unverwechselbaren kräftigen, überaus gefühlvollen und ziemlich heiseren Stimme, ihrer famosen Acht-Mann-Band und einer temperamentvollen Bühnenshow und überwältigender Bühnenpräsenz zelebriert sie die pure Freude über das Leben. Einfach unwiderstehlich ist die Musik-Mixtur aus Jazz, Soul, Blues, Chanson und Pop. Eine wohl dosierte Prise Gipsy-Swing verfeinert ihre Ohrwürmer.
Der US-Songwriter Adam Granduciel führt die Band The War On Drugs an. Er lässt die Truppe großformatige Schwermutsbilder malen. Lässt Klangschicht über Klangschicht auftragen, jede jedoch so transparent, dass der Blick bis auf die Leinwand nicht verstellt wird. Die Klangfarben weisen dabei eine Mischung aus Americana, Folk, Rock und Blues auf, die gegenwärtig gestrig klingen. Trotz aller Komplexität bleiben die Töne frisch und aufgeweckt, oft ein wenig springsteenhaft und an Dreampop aus den 1980er-Jahren erinnernd. Live wird klangtechnisch ordentlich aufgerüstet und The War On Drugs gehen bisweilen aggressiv zu Werke.
Reverend Shine Snake Oil Co. kommen aus Kopenhagen, ihre Wurzeln liegen jedoch in Amerika. Sie verneigen sich vor den Ursprüngen der amerikanischen Rock- und Popmusik: Blues, Swing, Bluegrass, Folk, Gospel und afrikanische Polyrhythmen. Aber vielfältig heißt hier nicht beliebig, sondern einzigartig. Schlagzeug, Bass, Gitarre und eine whiskey-getränkte Reibeisen-Stimme vereinen in der Mississippi-Region beheimatete Noten mit dem musikalischen Zeitgeist von heute. Reverend Shine Snake Oil Co. halten für die Zuhörer jede Mengen Ecken und Kanten parat, an denen sie sich ordentlich reiben können.
Wer, wie Frank Jebavy und Marcus Kalbitzer, so viel Herzblut ins Machen eines Festivals fließen lässt, der ist auf dem besten Weg eine strahlende Marke zu schaffen. Eine, der die Besucher vertrauen und zu der sie eine Beziehung aufbauen können. Und eine, die Besucher von weit her anreisen lässt.
„Deshalb ist bereits heute auch die Möglichkeit im Schatten der Hochöfen zu Campen fester Bestandteil des Traumzeit-Festivals“, darauf verweist Marcus Kalbitzer voller Stolz, „Traumzeit stellt dafür in diesem Jahr den Steinhallenplatz im Landschaftspark zur Verfügung. Hier stoßen Natur-Idylle und alte industrielle Strukturen aufeinander. Neben der einmaligen Atmosphäre überzeugt der Platz mit einer Rasenfläche für Zelte und festem Untergrund für Wohnmobile und Wohnwagen. Duschen und Toiletten sind selbstverständlich vorhanden.“
Noch ist das Festival 2014 nicht vorbei, da schlagen die Organisatoren bereits für 2015 die ersten Künstler-Pflöcke ein, haben sie uns verraten.
Traumzeit Festival, Fr-So 20.-22.06.2014, Landschaftspark Nord, Duisburg
© 03. Juni 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Juni 2014

Links

suche