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SYLVAN ESSO - Noten brauchen ausreichend Raum zum Atmen

Dreht und wendet man die CD mit der Aufschrift Sylvan Esso eine Weile, findet man endlich im Kleingedruckten die Besetzungsliste. Es handelt sich um ein Duo, bestehend aus der Sängerin Amelia Randall Meath und Produzent, DJ und Bassist Nicholas Sanborn. Einen Sylvan Esso sucht man vergebens. „Da kannst du lange suchen“, lacht Nicholas Sanborn, „wir hatten die Platte schon komplett eingespielt, bevor einen Bandnamen hatten. haben uns nach einer Figur aus dem Videospiel ‚Sword and Sworcery’ benannt. Der Sylvan dort ist eine Kreatur, die auf einem Baum lebt und immer wieder sagt, dass alles gut wird. Ist am Ende dann doch noch ein passabler Bandname, oder?“

Musikalische Seelenverwandtschaft

Als sich die beiden Künstler erstmals begegnen sind beide noch in andere Projekte involviert: Amelia Randall Meath im folkigen Vokal-Trio Mountain Man und Nicholas Sanborn im ebenfalls folkigen Trio Megafaun.

„Es war ein Konzert im The Cactus Club in Milwaukee“, erinnert sich Amelia Randall Meath, „Nicholas Sanborn war damals mit seiner Band unsere Vorband. Es verband uns vom ersten Augenblick der Begegnung etwa Besonderes. Eine Art musikalische Seelenverwandtschaft. Das wurde stärker, als wir gemeinsam am Remix des Stückes ´Play It Right´ arbeiteten, das ursprünglich von mir angeschleppt wurde. Daraus wurde dann kein Remix, sondern es wurde unser erstes gemeinsames Stück als Sylvan Esso.“

Schon, während die beiden an ´Play It Right´ arbeiten, entwickelt sich eine eigenartige Arbeitsweise. Dabei genügen sie sich selbst.

„Wir haben unsere Stück zu weit vorangetrieben und haben sie auch niemand anderem gezeigt“, erklärt Nicholas Sanborn, „wir haben die Stücke sich entwickeln lassen, nicht zu viel nachgedacht, ihnen einfach zugehört, tief in sie hinein gelauscht, damit sie uns erzählten, wo sie hinwollten.“

Eine ganz bestimmte Formel, wie Sylvan Esso Lieder schreiben, scheint es jedoch nicht zu geben. Sie arbeiten gemeinsam. Sie arbeiten getrennt voneinander. Sie schicken sich Schnipsel zu. Um dann aufgeregt im Probenraum daran weiter zu arbeiten. Und gleich anschließend geht es wieder zurück in persönliche Abgeschiedenheit.

„Bei all’ unserem kreativen Arbeiten sind wir zudem stets darauf bedacht, uns gegenseitig größten Raum lassen“, fügt Nicholas Sanborn, „schließlich braucht jede Note ausreichend Raum, um atmen zu können.“



Pures kreative Leben des Anderen

Obwohl Sylvan Esso auch elektronisch arbeiten, mit Klangmaschinen also, wissen sie ganz genau wo all’ die Möglichkeiten liegen, erliegt ihnen aber nicht.

„Der Mensch soll den Computer dabei beherrschen und nicht umgekehrt“, rät Amelia Randall Meath. Und genau das ist das Geheimnis der wunderbaren Klangwelt von Sylvan Esso, das nicht zu viel gewollt wird. Das Nicht-Zu-Viel dafür aber komplett. Es geht dabei immer auch um das pure kreative Leben des jeweils anderen. Amelia Randall Meath drückt das durch ihre hinreißend helle und kristallin klare und fast arglose Stimme aus. Die dabei dennoch mehr Wärme ausstrahlt, als mancher Hochofen. Bei Nicholas Sanborn hingegen klickt es, surrt, schnarrt oder pluckert es. Oder er greift wie ein Dupstepper wummernd tief in die Basssaiten. Alle Stücke von Sylvan Esso würden auch prima als Folk-Lieder funktionieren. Oder auch als schwebende elektronische Tanzbodenfüller. Doch durch die Auf- und Ineinanderschichtung der Klänge, durch die Tatsache, dass da zwei Menschen sich gegenseitig aus ihrer behaglichen Ecke zerren, entsteht eine künstlerische Chemie, die geradezu etwas Unbeschreibliches zeitigt. Etwas, das sich einmal entfesselt um Genres nicht schert, weil es gleich ein eigenes schafft. Dort entstammen die Klänge zwar Maschinen, sind dann aber plötzlich aus Fleisch und Blut. Obwohl federleicht ätherisch ist Sylvan Esso-Musik absolut geerdet. Zudem können durch den grandios, großen Raum, den beide in den Liedern lassen, die Hörer nicht nur aktiv zuhören, sondern es bleibt auch genug Platz, um Überraschungsmomente satt zu verstecken. Die so zahlreich sind, dass das Entdeckungspotential für die Ewigkeit reicht. So geht zeitlose Musik.

Aktuelles Album: dito (Partisan / City Slang / Universal)
© 01. Juni 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Juni 2014

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