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SCALA & KOLACNY BROTHERS - Quadratur des Kreises!

1998 veröffentlichte Too Pure Records „To You In Alpha“, ein elektrisierendes Album von Sarah Peacock und ihrer Band Scala, die aus Seefeel hervorging. Aber Achtung - dieser klassische, englische Shoegazer-Sound hat überhaupt nichts zu tun mit dem belgischen Damenchor, der mit den wunderbaren Kolacny-Brüdern Klassiker aus aller Herren Länder in ein wunderbares Chor-Arrangement packt...

„Ich habe von ihnen gehört“, sagt Steven Kolacny im Interview. „War die Band nicht in irgendeinem Casting-Wettbewerb dabei?“

Mit anderen Worten: Die britische Formation Scala ist subjektiv in der Versenkung verschwunden, kaum jemand erinnert sie wirklich. Die Geschichte der gleichnamigen, belgischen Sangesvereinigung begann am 02. April 1996, als die erste Probe mit 18 Mitglieder-Innen realisiert worden war. Fand man diesen Chor, der nunmehr bereits 225 Mädchen im Alter von 16 bis 26 Jahren umfasst, zunächst noch im klassischen Chormilieu, wandten die verantwortlichen Pianisten Steven & Stijn Kolacny sich schnell vom traditionellen Kurs ab.

„Es gab keine direkte Idee, was werden sollte. Ich wollte einfach einmal etwas anderes ausprobieren, weil ich es langweilig fand, immer wieder dasselbe zu hören. Wir lernten, während wir manche Dinge einfach ausprobierten. Eine vergleichbare Stimmung herrscht im Chor immer noch vor, auch wenn alles um uns herum mittlerweile sehr viel Größer geworden ist“, erläutert Steven Kolacny die Philosophie des Projektes. Auf der Suche nach den „anderen“ Arrangements fing Steven an, sich ein Repertoire aus bekannten Rock- u. Popsongs anzueignen. Und eben dieses Konzept, einen Rocksong in die Klangwelt eines Klaviers mit unzähligen Mädchenstimmen umzusetzen, feierte am 01. Dezember 2002 mit „Scala On The Rocks (featuring Jasper Steverlinck, Stijn Meuris, Steven & Stijn Kolacny)“ die offizielle Premiere auf einer CD (ReRelease: 2009). „I Think I´m Paranoid“ (im Original von Garbage), „Smells Like Teen Spirit“ (Nirvana) und einige Neuinterpretationen von Muse, Puddle Of Mudd, Kylie Minogue sowie von Noordkaap, Monza oder K´s Choice vervollständigten eine breitgefächerte Auswahl.

Ein Jahr später erschien (erstmals unter dem Namen Scala & Kolacny Brothers) das nach einen Depeche Mode-Stück benannte Album „Dream On“. Die erste große Konzertreise durch flämische Kulturzentren wurde realisiert. In Deutschland wurde der Berliner Sender Radio Fritz auf Scala aufmerksam. Die kommunizierte Neuinterpretation des Rammstein-Klassikers „Engel“ sowie ein Live-Fritz-Konzert im August 2004 erwirkten nicht nur Anerkennung der Rammstein-Musiker, sondern entfachten auch im Land der Germanen einen musikalischen Flächenbrand. Die Single „Schrei Nach Liebe“ (Die Ärzte) und das 2005 veröffentlichte (deutsche) Album „Grenzenlos“ (mit Werken von Kraftwerk, Rio Reiser, Blumfeld, Wir Sind Helden, Selig u.a.) ließen den Chor in der nach oben offenen Erfolgs-Skala eine weitere Stufe erklimmen.

War Scala das Projekt der Kolacny-Brüder geworden?

„Mmm, diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Wir kontrollieren das gesamte Projekt. Ich entwerfe viele Ideen. Aber ich kann sie ohne meinen Chor nicht performen. Wie gesagt, es sind mittlerweile über 200 singende Mädchen dabei. Doch meine Endkontrolle scheint schon wichtig zu sein.“

Seit 2005 schreibt Steven Kolacny zudem vermehrt Eigenkompositionen. Die erste davon, „Self-fulfiling Prophecy“ erschien 2006 auf „It All Leads To This“.

„Dieses Album war wirklich cool. Es enthält meine absoluten Lieblingsstücke von Radiohead („Everything In Ist Right Place“) und Coldplay („Yellow“). Leider ist dieses Album in Deutschland nicht veröffentlicht worden. Dabei bin ich gerade auf dieses Werk besonders stolz.“

Kolacny erklärt jede noch so kleine Frage sehr ausführlich, niemals aber mit Überheblichkeit. Seine Worte kommen freundlich erklärend, herrlich unaufgeregt, fast schon entspannend, daher. Und Deutschland hält der Chorleiter für den besten Markt seiner Musik. Er spricht sogar recht gut deutsch (dieses Interview wurde bis auf wenige Sätze allerdings in Englisch geführt).

Kolacny: „Wir sind so oft hier, da geht es nicht ohne Deutsch. Wenn wir hier vor 1500 Menschen auftreten, möchten wir, dass alle unsere Ansagen verstehen. Und nicht jeder kann Englisch. Wir machen auf der Bühne natürlich noch sehr viele Fehler, aber die Leute verstehen uns!“

Das Album „Grenzenlos“ enthält denn auch durchgehend deutsche Kompositionen. Der „Grenzenlos“-Opener, „Hungriges Herz“ (von Mia) ist auf der Bonus-Disc von „Circle“ abermals zu hören. Der Song wird jedoch zusätzlich in einer englischen Version für den amerikanischen Markt eingespielt werden (der dortige US-Nationalrundfunk zeichnete am 28.04.2010 in Brügge / Belgien ein Konzert auf; Regie, Choreografie & Inszenierung wurden von einem kanadischen Team geleitet - Dieses Event sollte bei Drucklegung dieser Ausgabe bereits TV-Premiere gehabt haben).

„Jeder mag den Song, es ist einer unserer beliebtesten Titel. Nun muss ich Mieze (= Mia-Sängerin) anrufen, um die Übersetzung mit ihr zu klären.“

Glücklicherweise ist ein Großteil des Scala-Repertoires aufgrund seiner kompositorischen Herkunft bereits in Englisch greifbar.

„In Dänemark z.B. haben wir eine ganz andere Situation als in Deutschland. Dort können wir in Englisch kommunizieren. Wobei man betonen sollte, dass die Dänen diese Sprache viel besser beherrschen als wir!“

Kolacny ist ein Mann der Tat, der kurzen Wege. Er mag es, wenn ein Anliegen schnell bearbeitet werden kann. „Wenn ich zuhause an meinem Piano an einem neuen Song arbeite, und z.B. PIAS Germany anrufe, habe ich binnen 2 Minuten eine Reaktion!“

Darum ist die Formation nach ein Rendezvous mit der Industrie („One-Winged Angel“ wurde 2007 von Virgin veröffentlicht) zur VÖ der neuen CD „Circle“ wieder zum Stamm-Label zurückgekehrt. „One-Winged Angel“ wirkte subjektiv, im Gegensatz zu all den sehr stilvollen, zumeist in S/W-Sepia-Tönen a la Anton Corbijn gehaltenen anderen CD-Cover, lieblos gelayoutet. Kolacny stimmt zu.

„Mit den Adaptionen von Leonard Cohen- und The Mamas & The Papas-Liedern konnten wir uns auf `Circle´ ganz unbürokratisch an die älteren Gruppen unserer 70er Jahre-Wurzeln annähern. Zur Virgin-CD lernten wir zwar bei der EMI jede Menge netter Leute kennen, aber... Nehmen wir einmal Madonna als Beispiel. Die Plattenfirma sandte eine Anfrage zu Madonna, was zweierlei eine schlechte Idee war... Madonna isn´t Scala! Wir sind kein Fan vom Original-Interpreten! Und zu alten PIAS-Tagen durften wir einfach unsere Musik aufnehmen, ohne von den Original-Interpreten dabei kontrolliert zu werden, siehe ´Engel´. Man war nicht wirklich interessiert, aber man respektierte die Scala-Version. Unsere Favoriten sind Depeche Mode, Radiohead, etc, was wohl unschwer zu hören ist. Wir können keine Versionen von Led Zeppelin, oder so, machen. Ich liebe die Leute von PIAS, und ich habe keinerlei Interesse mehr an Verkaufsstrategien oder Marketing-Plänen. Wo du dann immer in einem Meeting mit 20 Personen sitzen musst, die allesamt genau wissen, was Scala zu tun oder zu singen habe. Wir hatten sogar Angebote von größeren Labels, aber die finanziellen Aspekte haben uns nicht überzeugt. Uns überzeugte einfach das Vertrauen – PIAS kennt Scala, und weiß ganz genau, welche Philosophie sich dahinter verbirgt. Scala möchte nicht die Gesetze der Industrie versammeln. Wir spielen einfach mehr und mehr Konzerte, die zudem mittlerweile oft viele Wochen im Voraus ausverkauft sind. Wir leben. Hier!“

Aber warum zum Teufel findet sich denn dann auf der Bonus-Disc von „Circle“ eine Chorbearbeitung von „Last Christmas“? Wham waren doch keine Scala-Idole, oder?

„Das ist lediglich ein Song, denn wir aus saisonalen Beweggründen aufgenommen haben. Im Dezember gibt es da immer wieder diese Diskussion...so haben wir uns letztendlich zur Aufnahme entschlossen. Das sind Ausnahmen. Ich bin auch kein Fan von Tokio Hotel, aber ich liebe deren ´Durch den Monsun´. Ich liebe das gesamte Feeling des Songs. Und bei ´Nothing Else Matters´ von Metallica ist es ebenso...“

Genau, Scala ist mit „Circle“ die Quadratur des Kreises geglückt. Nichts anderes zählt!

Aktuelles Album: Circle (Pias)
Weitere Infos: www.scalachoir.com
© 03. Dezember 2010  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
Dezember 2010

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