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GOLDEN PUDEL CLUB 21 - Die pudelwohlen Jahre

21 Jahre ist es her, da kamen ein paar Verrückte auf die Idee, Hamburg brauche mindestens noch einen Club. Schlagerenterainer Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun - Sänger der Goldenen Zitronen - fanden in einer leer stehenden Kneipe im Erdgeschoss des Hauses, in dem Rocko Schamoni lebte, den geeigneten Ort für den ersten Pudel Klub. 1995 wurden die Umzugswagen gerufen. Nicht nur der Ort war neu und anders, auch der Name wurde in Golden Pudel Club geändert. Und der komplett modenunabhängige Norbert Karl war bis zu seinem frühen Tod 2004 der gute Geist und Hans Dampf in allen Pudelgassen gleichzeitig. Also gilt es zum Jubiläum die Überlebenden zur Pudelphilosophie zu befragen.

Konzeptuelle Wandlungsfähigkeit

Zunächst aber zurück zu den Grundlagen. Was ist oder war an einem Pudel denn so schick, dass er für einen Clubnamen tauglich erscheint? Schorsch Kamerun legt vor:

„Es sind die Locken bei diesem unbezwingbaren Edeltier, die es so einzigartig machen. Es will damit seine Individualität zum Ausdruck bringen und das es eine wellige Type ist.“

Da muss Rocko Schamoni nachlegen: „Der Pudel ist ein Synonym für Gayness und Degeneriertheit, er ist ein verzüchtetes Großstadtbiest, immer auf dem neuesten Stand der Locken.“

Hinter der Namensgebung scheint ein wildes Konzept zu lauern. Ist dem so? Herr Schamoni darf diesmal zuerst:

„Das Konzept war und ist: Brich alle Regeln und Hierarchien.“ Nun, Herr Kamerun, vortreten bitte. „Wir wollten nicht so sein wie die anderen, weil die Scheiße waren. Das wird heute immer schwieriger, weil alle anderen auch Scheiße sein wollen. Deshalb sind wir jetzt auf einmal gegen Scheiße.“

Aus diesem Statement schreit geradezu die konzeptuelle Wandlungsfähigkeit. Gut so! Ist diese Wandlungsfähigkeit nun Ausdruck immerwährender Kreativität? Und lugt da nicht auch der Humor aus allen Knopflöchern? Wie man´s nimmt.

„Kreativität ist ja bekanntlich ein Schimpfwort heute, ein Zustand, der für Selbstausbeutung steht und für Eigenvermarktung“, weiß Schorsch Kamerun, „darum sind wir nicht mehr kreativ oder humorig, sondern undurchdringliche Witzeverweigerer und Gagvernichter.“

Rocko Schamoni fügt bissig an:

„Humor ist eine Sprache, eine Grenze und eine Waffe, er definiert, schließt aus und ein und greift an. Kreativität ist das Unwort des Jahres.”



Originäres Pudelgefühl und bein-

harte Diskussionsfreudigkeit

Im Golden Pudelklub macht sich laut gut unterrichteter Kreise unaufhaltsam das originäre Pudelgefühl breit. Immer. Und wie pudelfühlen sich die Macher? Rocko Schamoni kehrt da ganz ungeniert sein innerstes Gefühl nach außen:

„Saufen und dumm daher quatschen, sich dabei die Taschen leer klauen lassen und trotzdem das Gefühl haben, dass man voll vorne dran wäre. Das ist es doch.“

Um dieses sehr spezielle Gefühl zu beschreiben, zerrt Schorsch Kamerun eine ganz neue Spezies ans Licht:

„Stell dir vor, auch dir passiert mal was so richtig Geiles (ich weiß, dass ist nicht einfach), dann hättest du dieses Gefühl. Nun stell dir vor, es gibt Leute die haben das immer. Das wären dann Pudelmenschen.“

Verstehe, der Mann redet von Aliens, oder? Vermutlich sind die seltsamen Lichtflecke über Hamburg doch UFOs gewesen und ihnen sind die Pudelmenschen entstiegen. Nix Planet der Affen! Bei solchen Aussagen verwundert es nicht, dass kolportiert wird, die Macher des Pudelclubs seien nach wie vor in abgefahrene Diskussionen verwickelt. Ein eindeutiges „Ja“ von Rocko Schamoni, „doch die Diskussion dreht nur um Alkohol.“ Nur bedingte Zustimmung von Schorsch Kamerun:

„Wir diskutieren, wie die Revolution doch noch auf den Weg zu bringen ist, welche Strategien greifen gegen die grassierende Gentrifizierung auf St.Pauli und was uns besser zu Gesichte steht: Öffnen oder Mauern. Ansonsten geht es um Saufen und wie man ordentlich mal- einen- Saufen gehen sollte heute abend.“



Der Widerspenstigen Zähmung und neuer Pudel-Style

Klingt widerspenstig. Irgendwie. Gegen den Strich gebürstet?! Kann man heute noch wirklich widerspenstig sein? Ist der Golden Pudel Club widerspenstig?

„Widerspenstigkeit ist zur Marktstrategie verkümmert“, stellt Schorsch Kamerun fest, „deshalb haben wir den Weg der überpositiven Umarmung erfunden, das Zu-Tode-Lieben! Auch dich finden wir zum Knuddeln.“

Soso. Rocko Schamoni hat dazu nur ein verächtliches „nerv nich’ rum Alter“ auf den Lippen. Zu Zeiten der Hamburger Schule war die Dichte an Trainingsjacken-Jungs im Club legendär. Doch diese Generation dürfte inzwischen längst aus dem Schulalter herausgewachsen sein. Gibt es deshalb auch einen aktuellen, veränderten Pudel-Style?

„Klar doch“, prescht Schorsch Kamerun vor, „Haare, Haare und nochmals Haare.“

Rocko Schamonis Kreation sieht da ganz anders aus: „Morgens mit der eigenen Kotze bekleidet nach Hause kommen und direkt zur Arbeit gehen.“

Doch vor dem Nach-Hause-Gehen liegt die Pudelparty und die wird mit welcher Musik beschallt? Schorsch Kamerun legt „diese süße deutsche Lola Geier-Lammshut aus Hannover von dem Eurovisionswettbewerb“ auf. „Und Stock hausen. Und Webern.“

Rocko Schamoni bricht eine Lanze für die CD „Operation Pudel 2010, da sind all die idiotischen Tracks drauf.“

Haben aber Schorsch Kamerun und Rocko Schamoni in 21 langen Jahren keine Fehler gemacht?

„Oh doch“, offenbart sich Rocko Schamoni, „mit Franz Lambert und seiner Mammut Hammond Orgel in der ARD ‚Anarchie in Germany’ zu singen.“

„Das auch“, ergänzt Schorsch Kamerun, „erinnerst du dich nicht, dass wir mal Kult- Bier verkauft haben. Aber ganz ehrlich, wir wussten nicht, dass es Kult ist.“

Und wer Fehler macht, der ist und bleibt Mensch und soll noch drei mal 21 Jahre lang dummes Zeug reden und dummes Zeug machen!

Golden Pudel Club, Am St. Pauli Fischmarkt 27, 20359 Hamburg



Aktuelles Album: Operation Pudel 2010 (Golden Pudel Club/Staatsakt/RTD)
© 01. Dezember 2010  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Dezember 2010

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