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THE YOUNG GODS - Das Mensch-Maschine-Puzzle

Die Liste der Bands, die sich von The Young Gods inspirieren ließen, ist lang und reicht von Nine Inch Nails bis U2. Seit inzwischen 25 Jahren stellen die eidgenössischen Industrial-Pioniere musikalische Konventionen auf höchst intelligente Weise auf den Kopf. Mit ihrem neuen Album gerät sogar praktisch die ganze Welt aus den Angeln: Das Cover von "Everybody Knows" ziert eine Luftaufnahme von New York City – verkehrt herum!

“Oft ist es ja sehr schwierig, das richtige Coverfoto zu finden, aber dieses Mal war es wirklich simpel”, verrät Franz Treichler im Westzeit-Interview. “Ich sah das Foto auf dem Computerbildschirm eines Freundes. Es stand dort zwar nicht auf dem Kopf, aber ich fand es sofort sehr ansprechend – dabei war es lediglich ein kostenloser Screensaver. Später schaute ich es mir dann näher an, probierte einige Dinge aus und letzten Endes drehte ich es um. Es steckt also kein Konzept dahinter, es war Zufall!”

Schon eher konzeptionell mutet dagegen der Sound des neuen Albums an. ´Everybody Knows´ führt die auf den ersten Blick unvereinbaren Linien der letzten beiden Alben zusammen, nimmt die rockig-elektronischen Elemente von ´Super Ready/Fragmente´ und verbindet sie mit dem Unplugged-Flair von ´Knock On Wood´.

“Wir wussten, dass die akustischen Elemente funktionieren und auch die Maschinen, aber beides zusammenzubringen, war neu für uns”, erläutert Treichler. “Wir wollten das, was wir in der Vergangenheit gelernt haben, auf neue Art und Weise anwenden. Das mag naheliegend erscheinen, aber so einfach war es nicht. Die Sounds hatten gewissermaßen ihren eigenen Willen. Wenn man zwei Farben nebeneinanderstellt, scheinen sie sich ja auch zu verändern – sie interagieren. Nimm zum Beispiel mal ´Miles Away´. Zunächst war überhaupt nicht geplant, dafür akustische Gitarren zu verwenden. Einer von uns griff sich einfach das Instrument und begann zu spielen. Das fanden wir alle sehr interessant, aber das wollte nicht so recht zum Gesang am Anfang passen. Also haben wir Gesang und Text verändert. Es war ein wenig wie ein Puzzle. Natürlich hatten wir schon zu Anfang eine Vorstellung davon, wo wir gerne mit dieser Platte hinwollten, aber der Prozess bringt stets viele Veränderungen mit sich.”

Textlich verlässt sich Treichler dabei auf seine Sammlung einzelner Sätze oder anderer im Radio oder auf der Straße aufgeschnappter Versatzstücke, die er in kleinen Notizbüchern notiert, um sie später in einen anderen Kontext zu übertragen und zu Songtexten zusammenzusetzen. Am auffälligsten dabei: ´No Land´s Man´.

“Es geht in dem Song darum, dass auf der einen Seite um ganz Europa herum Grenzen gezogen und immer mehr Mauern errichtet werden, auf der anderen Seite aber ständig von Globalisierung die Rede ist”, erklärt Treichler.

“Nimm doch nur mal die Roma, die derzeit aus Frankreich abgeschoben werden. Die Frage ist, was es in diesem Kontext bedeutet, sich zu einer Nation oder einem Land zugehörig zu fühlen. In diesem Song schildere ich meine eigene Sicht. Ich persönlich brauche kein Heimatland. Als Musiker bin ich viel auf Reisen, und wir versuchen uns überall, wo wir hinkommen, heimisch zu fühlen.”

Auch in künstlerischen Belangen ist konstante Veränderung seit jeher ein Kernthema der Schweizer, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte The-Young-Gods-Schaffen zieht.

“Wir haben alle vier den Drang, Neues auszuprobieren: Deshalb sind wir Musiker geworden!”, betont Treichler, allerdings sieht er das nicht als alleiniges Erfolgsrezept für die Langlebigkeit seiner Band.

“Ich denke, unsere Erfahrungen als Solisten spielen auch eine Rolle. Wir haben festgestellt, dass wir nach all den Jahren zusammen mehr sind als die Summe der einzelnen Teile. Die Musik, die wir gemeinsam gemacht haben, war stets interessanter als alles, was einer von uns allein auf die Beine stellen konnte. Natürlich bedeutet das manchmal Kompromisse, aber oft wirst du auch positiv überrascht. Ich denke, es ist sehr wichtig, sich dieses Element der Überraschung in einer andauernden Beziehung – egal ob auf musikalischer oder zwischenmenschlicher Ebene – zu erhalten. Du musst daran arbeiten. Das ist sicher einer der Gründe, warum es uns schon so lange gibt. Außerdem ist das Publikum eine große Motivationsquelle. Was wir bei unseren Live-Konzerten all die Jahre erlebt haben, stellt ein ziemlich gutes Feedback dar. Den Leuten in die Gesichter zu blicken und ihre Reaktionen sehen zu können, ist eine konstante Inspiration – nicht für Texte oder Musik, aber es gibt dir einen Grund, weiterzumachen.”

Aktuelles Album: Everybody Knows (Two Gentlemen / Indigo)
© 01. Dezember 2010  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
Dezember 2010

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