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VIRGINIA JETZT! - Willkommen im Profilager

Nach dem doch noch sehr locker-flockig klingenden Erstling zeugt das neue Werk von Virginia Jetzt! eindeutig von gewachsener Reife und gesteigertem Textniveau, eingebettet in herzensgute Popsongs. So mag der Titel ihres neuen Albums durchaus verblüffen, wo die Brandenburger doch eigentlich nicht mehr als Anfänger gelten dürften. Außerdem ist diese vornehme Bescheidenheit mit Blick auf die bisherige Karriere der Band so gar nicht von Nöten. Fünf Jahre Banderfahrung, zahlreiche Festivalgigs und eine Vielzahl an medialen Veranstaltungen haben ihre Spuren hinterlassen und so fand die Musik der vier Jungs mit ihrer inhaltlichen Neugewichtung auch einen völlig neuen Tenor. Die sauber strukturierten Songs des ersten Albums sind weitaus komplexeren Arrangements gewichen, Streicher und Klavier kommen vermehrt zum Einsatz. Was es heißt, ein Anfänger zu sein, ist also auch nur eine Sache des Standpunkts!?

Auf die Frage, wie sich das neue Album am besten beschreiben lässt, antwortet Gitarrist und Songwriter Thomas Dörschel: „Ehrlichkeit und Authentizität ziehen sich unseres Erachtens nach wie ein roter Faden durch das gesamte Album, ein Grund, warum wir „Anfänger“ vor allem was die Instrumentierung angeht alle als sehr warm empfinden. Musikalisch und textlich haben wir uns enorm weiterentwickelt, aber es ist nicht so, als hätten wir eine totale Kehrtwendung vollzogen. Das war auch gar nicht unser Anliegen, denn für uns war schon abzusehen, wie sich die Platte schlussendlich anhören sollte. Dem ist sie dann auch sehr nahe gekommen und“, fügt er stolz hinzu, „in weiten Teilen hat sie unsere Anforderungen sogar übertroffen.“

Bei den vielen großen Gefühlen und festzuhaltenden Momenten, die auf dem Album besungen werden, ist die Einfachheit des Schreibvorgangs überraschend. „Um einen guten Song zu schreiben, bedarf es immer totaler Langeweile und Einöde und dir muss die Decke sprichwörtlich auf den Kopf fallen. Dann läuft man von der Gitarre zum Klavier, vom Klavier zur Gitarre, man liest zwischendurch ein Paar Zeilen und dann bleibt man bei irgendeinem Instrument, bei einer Melodie hängen, oder bei ein paar Akkorden oder bei einer Textidee. Das ist der ideale Ursprung eines Liedes.“ Aller Simplizität zum Trotz, gerade in ihren Liebesliedern scheuen Virginia Jetzt! keinesfalls die Grenzen und Schwierigkeiten, die die Sprache einem auferlegt, obwohl Thomas einräumt: „Es gibt für mich nichts Schwierigeres als Liebeslieder zu schreiben, die am Ende den Hörer wirklich berühren. Gerade die Worte „Ich liebe dich“ sind durch den Schlager schon etliche Male besungen und damit abgenutzt worden. Es geht auch um diese Unmöglichkeit, die in Kunst steckt, die in Musik steckt, die in Texten steckt. Wenn man sich nur mal vorstellt, man sitzt zu Hause in einem Moment der tiefsten Trauer und weint, eine Situation, die jeder kennt. Als Musiker willst du genau dieses Gefühl bei jemand anderem erzeugen, du willst also, dass der Hörer auch weint. Das mit Worten zu schaffen ist unglaublich schwierig und es gelingt nur in den allerseltensten Fällen. Wenn es dann aber gelingt, dann ist es die beste Bestätigung für einen Künstler überhaupt.“

So romantisch ihre Liebeshymnen hier und da auch klingen mögen, Virginia Jetzt! sind doch abgeklärter als man annehmen könnte. „Es gibt einen Haufen von Leuten, die ihr Leben lang einem Idealbild der Liebe hinterherlaufen und dieses Bild finden sie natürlich nie, weil die Liebe im Alltag anders abläuft. Diese Menschen verpassen während ihrer Suche so viele Momente, in denen sie Menschen hätten kennenlernen können, manchmal vielleicht sogar für immer.“ Das große lyrische Du, diese Projektionsfläche aller menschlichen Sehnsüchte, ist zwar nach wie vor fester Bestandteil der meisten Virginia Jetzt!-Songs, dennoch holte sich die Band Inspiration bei dem österreichischen Schriftsteller und Andersdenker Thomas Bernhard.

„Dass man am Ende meistens auf sich alleine gestellt ist, das ist eine Grundstimmung, die wir auf vielen Liedern vermitteln wollten. Wir begreifen diese realistische und teils düstere Weltsicht allerdings immer auch als Chance, um für einen selbst etwas Positives zu erschaffen. So zum Beispiel typische Popsongs, wie unsere erste Single „Ein ganzer Sommer“, die sich glücklich und beschwingt nach vorne schiebt und selbst auf einem thematisch anspruchsvollen Album Platz findet.“

Was unterscheidet die Brandenburger denn von den vielen anderen deutschen Bands, die da derzeit aufbegehren? „Durch vieles können wir uns klar von Bands wie den Sportfreunden oder Mia abheben. Eigentlich ist das auch gar nicht so wichtig, denn wir stehen in keinerlei Konkurrenzkampf zueinander. Man muss sich ja nicht entscheiden, kaufe ich nun Mia oder Virginia oder die Sportfreunde oder Tomte, wenn man im Zweifelsfalle alles kaufen kann.“ Mit Mia haben sie allerdings gemeinsam, dass auch sie die Möglichkeit bekamen, mittels einer Einladung des Goethe-Instituts die deutsche Kultur in Russland musikalisch zu repräsentieren. Bereiten sie sich dennn dafür anders vor als auf eine gewöhnliche Tour? „Unser Sänger Nino stählt gerade seine Muskeln, damit er aussieht wie der Frontmann von Rammstein. Ich für meinen Teil lasse mir die Haare wachsen, damit ich aussehe wie die Jungs von Tocotronic,“ scherzt Thomas. „Natürlich nicht! Wir wollen den Menschen dort einfach ein einmaliges Ereignis bieten, genauso wie wir das hier in Deutschland auch bei jedem Konzert anstreben. Von daher bereiten wir uns nicht anders vor. Wir wünschen uns nur, dass die Besucher etwas von ihrem Konzertabend mitnehmen und zufrieden nach Hause gehen. Wir werden wohl ein paar Stücke ins Russische übersetzen und ein traditionelles, russisches Lied spielen, damit die Leute das Gefühl haben, dass wir die Sache auch wirklich ernst nehmen.“ Glauben Virginia Jetzt! denn, dass die Leute in Russland die Intention der Texte verstehen, ohne die deutsche Sprache zu beherrschen? „Ich glaube, dass eine gute Band das schaffen kann. In erster Linie geht es uns darum, mit Hilfe der Musik Leidenschaft zu erzeugen und das müsste auch ohne Textverständniss möglich sein. Das Wichtigste ist, dass man Ehrlichkeit ausstrahlt.“

Dass VJ! ohne Frage in der Lage sind, andere Menschen durch ihre Musik zu beflügeln und bei diesen Leidenschaft hervorzurufen, beweisen nicht nur die Plattenverkäufe und Konzertbesucher. „Kürzlich haben wir einen Brief bekommen, in welchem uns ein junges Ehepaar mitteilte, sie hätten Textzeilen aus „Dreifach schön“ für ihren Treueschwur genommen!“ Wahrhaftig dreifach schön.

Aktuelles Album: Anfänger (Universal Music Domestic)
Weitere Infos: www.virginia-jetzt.de
© 04. September 2004  WESTZEIT ||| Text: Sarah Hermges
September 2004

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