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VIRGINIA JETZT! - Wir in aller Konsequenz

Das wahre Wollen unterscheidet sich nicht von der Tat. Das besagt kein chinesisches Sprichwort und ist auch keine schnöde Stammtischfloskel – jene Erkenntnis erlangt man irgendwann, im Laufe seines Lebens. Virginia Jetzt! wissen nun, was sie sind und wollen – und das haben sie auch endlich mal in aller Konsequenz und völlig unbeschwert umgesetzt.

Ende der 1990er tingelten sie von Elsterwerda aus durch heruntergekommene Berliner Jugendclubs neben Russendisco und Nazihölle, fuhren sie auf entlegene Dörfer zu schlecht besuchten Indiefestivals, die sich Tierrechts-Gedöns auf die Flyer schrieben, aber nichts anderes als Saufgelage mit fleischfressenden Punkbands waren. Dann kam die Majorzeit, das großzügige Leben und der BuViSoCo – Virginia Jetzt! fielen schon immer irgendwie auf und aus der Reihe: Weder Fisch noch Fleisch, weder Indie-Understatement noch Popstar-Größenwahn. Virginia Jetzt! waren immer Schlawiner und Sympathen zugleich, hielten sich aber auch beständig zwischen Tür und Angel.

2009 scheint sich die Band nun deutlich positioniert zu haben. Ein Kredit vom BMG Rights Management ermöglicht den Release von „Blühende Landschaften“ auf quasi alten diy-Wegen, aber doch auch großspurig mit den alten bekannten Promotion-Helfern auf ihrer Seite. Sie sind nicht mehr bei einem großen Konzern, sie erfreuen sich der nachkommenden Generation und geben Konzerte via Skype – wär hätte all das 1999 gedacht!? Und sie gehen sogar zurück zu dem, was sie seit Ewigkeiten fasziniert, sie aber möglicherweise nie in dieser absoluten Ehrlichkeit und ohne jeden letzten Schnörkel nach Außen trugen: Pop mit all seinen triefenden Facetten, überbordenden Gefühlen, großen Gesten und dieser hoffnungslos ehrlichen Romantik. Sie waren schon immer nah dran, scheinen mit „Blühende Landschaften“ aber an einem Ort angelangt zu sein, den sie ihre vier Wände nennen können: Pop ohne Wenn und Aber ist ihr Kiez!

Subtext oder zwischen den Zeilen gibt es schlichtweg nicht mehr – gab es bei der Münchener Freiheit schließlich auch nie. Und dass Stefan Zauner, der Sänger eben dieses ins Rentenalter gerutschten ZDF-Hitparaden-Urgesteins, einen wesentlichen Anteil an VJ im Hier und Jetzt hat, kommt nicht von ungefähr. Zauner sollte ursprünglich nur ein paar Chöre einsingen. Der aber fand das, was sie ihm zukommen ließen, so gut, dass er noch einmal um die Solospuren gebeten und den Song völlig neu arrangiert hat. Und Bums - genauso sollte es sein, genauso wollten sie es!

„Alles etwas flächiger und größer, mehr Synthis, weniger Gitarren. So gefiel uns das! Natürlich ging dies jetzt nicht alles von Stefan aus, denn eigentlich war das so schon aufgenommen und vorhanden“, blickt Sänger Nino Skrotzki zurück, „aber so hat sich unser Kern doch noch etwas deutlicher und klarer herauskristallisiert.“

Klingt, als wäre alles wie geschmiert gelaufen, dabei war die Zeit nach dem letzten Album vor zwei Jahren aber eine harte. Obwohl sich die Band nahezu keine Auszeit gönnte, sondern sich stattdessen an die Erarbeitung neuer Stücke machte, fehlte die Vision: Wie klingen VJ!? Wo soll es hingehen? Eine reine Duett-Platte wurde in Gedanken durchgespielt, ein frischer Ansatz mit einem neuen Produzenten ausprobiert und abgebrochen. Schon seltsam, wie Nino selbst sagt:

„Da bist du seit zehn Jahren in einer Band, kennst dich gegenseitig in- und auswendig und alle wollen eigentlich dasselbe, aber du kommst da einfach nicht hin und irgendwie nicht weiter, weil alles einfach nur unklar ist. Aber ohne diese Infragestellungen und Umwege wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.“

Und die Virginias sind bei zehn Songs angekommen, die den gemeinsamen Nenner in jeder einzelnen Melodie gesucht und gefunden haben. Die großen Emotionen wurden ohne Umschweife als eigene Stärke erkannt und ehrlich benannt: „Man muss ja auch immer gucken, was man kann. Wir lieben Popmusik und haben versucht, diese klarer auf den Punkt zu bringen. Wir würden uns selber zum Beispiel keine Elektro-Platte abnehmen, das wären nicht wir. Und etwas völlig anderes zu erzwingen, als man ist, fühlt sich nicht echt an.“

Klar, da wird es bei aller Echtheit dann natürlich auch mal mächtig cheesy und erklingen Sounds, die man in seiner Sturm und Drang-Zeit verpönt hätte, heute aber Spaß machen und Freude bereiten, weil sie ein Wir-Gefühl vertonen.

„Genau so ein positives Gefühl haben wir uns gewünscht. Auch textlich ist das natürlich nicht absolut tiefgründig, das muss man ganz ehrlich so sagen. Aber das war eben ein Weg für uns: Wir machen hier klare, gefühlvolle Stücke, in denen es nicht um Schwermut oder Philosophie geht. Es ging uns um Pop – textlich wie musikalisch. Früher wären ein Saxophon-Solo, Boney M-Chöre oder ähnliches sofort wieder rausgeflogen, heute sagen wir dazu: ‘Geil, mach mal 2 Dezibel lauter!’“

Das ist Pop in aller Konsequenz.

Aktuelles Album: Blühende Landschaften (Motor / Universal)
© 01. September 2009  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
September 2009

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