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2RAUMWOHNUNG - John Dewey des Pop

In manchen Momenten scheint alles erfunden: Das Programmkino, eingekeilt zwischen Sparkasse und Starbucks. Gegenüber leistet sich ein Softwareriese eine gläserne, kristalline Repräsentanz. Und Schuhläden, überall Schuhläden in wilhelminischen Altbauten. Alle sehr herausgeputzt und immer noch erstaunlich leer, was heute allerdings ein Zeichen gesteigerter Exklusivität ist. Ein selbstauferlegter Mangel an Alternativen, wenn man so will. Dazwischen immer Menschen: Touristenschwärme, die durch Hinterhöfe stolpern. Vokuhilas sitzen in Straßencafes. Eine Latte Macchiato im Sitzen, ein Kaffe im Gehen. Rauchend wachen die Ladenhüter über ihren erlesen einsamen Schuhschatz. Dazwischen rattert die Tram. Fährt in die Parade. Man kann die Synergieeffekte förmlich riechen, die von diesem Ort ausgehen. Die Duz-Atmosphäre der kommunikativ gestalteten Büros, die flachen Hierarchien, die Verwertungsketten einer schnellgewachsenen Kultur, auf deren Schultern die Hoffnungen einer ganzen Stadt gebaut sind.

Hier, in der neuen Mitte im ehemaligen Ostteil von Berlin, entwickelte sich nach der Wende ein gestalterischer Freiraum, der zuerst von Ostberlinern ergriffen und begriffen wurde und allmählich Menschen aus allen Richtungen in seinen Bann zog. Allzuschnell zementierte sich diese Entwicklung. Die Freiräume erweckten Begehrlichkeiten innerhalb einer Politik und Wirtschaft, die sich selbst als frei verstanden wissen wollte. 2raumwohnung sind ein Teil dieser Bewegung, vielleicht ein anderer Teil, eine andere Seite derselben Medaille, aber zweifelsohne ein erfolgreiches Resultat jener neuen Kultur. Sowohl Tommi Eckart als auch Inga Humpe waren stets mit Berlin verbunden, mit Westberlin. Doch erst in den 90ern fanden sie hier in der goldenen Mitte, als Pärchen und Duett zueinander. „Die Entwicklung einer gemeinsamen Idee begann vor zehn Jahren. Wir fingen damals an gemeinsam Musik zu machen. Am Anfang waren das verschiedene Projekte, verschiedene Zusammenhänge. Erst vor vier oder fünf Jahren lief dann alles in einem Projekt, in 2raumwohnung zusammen. In all diesen Jahren vor und während 2raumwohnung ist zwischen uns beiden eine Vertrautheit, eine gemeinsame Idee, ja eine eigene Sprache entstanden, die letztlich die Qualität von 2raumwohnung ausmacht.“
In diese Zweierbeziehung eingespielter Vertrautheit, hat das Duo jetzt selbst Lücken gerissen. Nach drei Jahren als ungewollter Teil des Berliner Pärchenphänomens, haben sie sich für ihr neues Album ES WIRD MORGEN entschlossen, Einflüsse von außen zuzulassen. „Ich war die ganze Zeit gegen eine Band“, gesteht Inga „dass hatte für mich immer so etwas käsiges, alle wollen irgendwie mitbestimmen und ihren Scheiß einbringen. Ich musste erst mein Vorurteil so ein bisschen ablegen. Aber der Sound musste sich einfach verändern und das geht nur mit Leuten. Wir waren sehr elektronisch, sehr minimal, das haben wir die ganze Zeit so durchgezogen, aber jetzt sind wir an einem Punkt, wo wir uns nicht mehr wiederholen wollen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Brücke zwischen Club und klassischem Song an einer anderen Stelle zu bauen.“ Ganz behutsam hat man nun einen kleinen Kreis von Leuten um sich geschart. Ein Gitarrist und Schlagzeuger sind als ständige Begleiter dazugekommen. Auch fremde Texte und Texter hat man verstärkt zugelassen. Das Minimale ist dabei etwas in den Hintergrund geraten. Durch die unterschiedlichen Einflüsse in Wort und Musik sind komplexere, vielseitigere Kompositionen entstanden. Doch trotz allem befindet sich noch viel beim Alten. Verwechslungen sind unmöglich, da der Grundbass, oder besser der Dur-Charakter der Musik überlebt hat.
„Ich denke unsere Musik drückt sehr viel Wärme aus. Humor ist sicher auch ein wichtiger Aspekt. Es geht immer darum, dass man etwas Erlebtes oder ein erlebtes Gefühl, einfach etwas Persönliches darstellt oder ausdrückt. Alles dreht sich um die Frage: Was mache ich mit meinem Leben? Was passiert gerade in diesem Moment? Es ist immer wie so ein Focus, dass man sich alles ganz genau anschaut.“
Die Musik dieser Band ist immer ein bisschen wie die Philosophie John Deweys. In den persönlich beschriebenen Erlebnissen, den Orten zwangloser Individualität, steckt immer ein demokratischer Anspruch, vielleicht auch ein markwirtschaftliches Element. „Wir Sind Die Anderen“, heißt das dann bei 2raumwohnung. So entsteht eine Musik, die Positives zu berichten hat und will. Eine Musik, die zur Mitte drängt, da sie der Mitte entsprungen, entschlüpft ist.
Weitere Infos: www.2-raumwohnung.de
© 01. September 2004  WESTZEIT ||| Text: Bastian Stoppelkamp
September 2004

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