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DRESDEN DOLLS

Soulsisters

DRESDEN DOLLS

Haldern-Pop 2004, Samstag Nacht, 2h. Wo ursprünglich Simple Kid auf der Bühne stehen sollte, sitzen nun Amanda Palmer und Brian Viglione mit schwarz umrandeten Augen, rot gemalten Lippen und weiß gepuderter Haut hinter ihren Instrumenten und erfüllen das ohnehin nostalgische Spiegelzelt mit einer Atmosphäre längst vergangener Tage. Doch nicht nur die Location, auch das Konzert an sich ist eine exklusive Sache, denn hierbei handelt es sich nicht nur um den ersten Deutschlandgig der Dresden Dolls, sondern auch um den ersten Festivalauftritt in Europa, zudem ohne hier bereits ein Album veröffentlicht zu haben.

Am Nachmittag vor dem Konzert erscheinen Amanda und Brian trotz der Hitze perfekt gestylt (Make-Up und Netzstrümpfe) zum Interview. Immerhin gehört ihr äußeres Erscheinungsbild mit zum Programm. „Wie unsere Musik ist auch unser Outfit eine Mischung aus unserem individuellen Styling und Hintergrund. Es soll ein bisschen den Geist des Cabarets widerspiegeln. Das Make-Up schafft uns außerdem einen sehr neutralen Ort, von dem aus wir unsere Performance beginnen können.“

Der Bandname rührt aus der gemeinsamen Begeisterung der beiden für den Geist der Weimar-Ära, der Blütezeit des deutschen Cabarets, und soll durch das Zusammenklingen zweier Gegensätzlichkeiten – auf der einen Seite die zerbombte Stadt, auf der anderen Seite die hübsche, zerbrechliche Puppe – auch die Diversität ihrer Musik ausdrücken. Denn Amanda, die in Deutschland studiert und in einem Avantgarde-Theater gearbeitet hat, ist zwar begeistert von dem Duo Bertold Brecht und Kurt Weill, trotzdem sieht sie die Dresden Dolls nicht als „Weimar-Revival-Band“. „In der Musik, die wir spielen, gibt es Songs, die Rock sind, und Songs, die sehr modern sind. Wir wollen etwas Einzigartiges machen. Vielleicht eine Mischung aus Kurt Weill und Black Sabbath.“ Die Brechtschen Verfremdungseffekte lassen sie außerdem nur begrenzt in ihre Show einfließen. „Den Gedanken, dass das Publikum mitdenken soll statt sich einlullen zu lassen, übernehmen wir. Aber die Idee, keine Emotionen zu zeigen, sondern nur die Fakten, setzen wir nicht um. Dafür sind die Inhalte unserer Lieder zu persönlich und zu schwerwiegend.“

So einträchtig, wie Amanda und Brian, beim Interview und später auf der Bühne beieinander sitzen, könnte man meinen, sie wären ein glückliches Pärchen und die filmreife Geschichte ihres Kennenlernens unterstreicht diesen Eindruck nur mehr. Auf einer Halloween-Party vor vier Jahren sah Brian Amanda das erste Mal. „Sie spielte ein Solo-Set am Klavier und ich stand da und schaute, und es war als würde ich meine andere Hälfte ansehen. Sie traf mich so tief im Innern, dass ich wusste „Ich muss Musik mit ihr machen“ und so sprach ich sie an, und Amanda suchte zufälligerweise gerade einen Schlagzeuger. Zwei Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber ein Liebespaar sind wir nicht. Die meisten Menschen assoziieren Seelenverwandtschaft mit einer romantischen Bedeutung, dabei ist das etwas, was viel tiefer geht. Es hat nichts damit zu tun, einen Partner zu finden, wir haben einfach beide eine so innige Liebe zum Leben, wir wollen die selben Sachen tun und haben die gleichen Eigenschaften, die gleiche Motivation ernsthaft an der Musik zu arbeiten. Das ist ein unglaubliches Glück.“

Den Gedanken, die Band zu erweitern, hatten die Dolls bald verworfen. „Vor drei Jahren haben wir versucht, noch einen Bass- und einen Gitarrenspieler mit einzubinden. Es war ganz okay, hat uns aber von der Intensität, die wir als Duo haben, weggeführt. Zu zweit sind unsere Rollen eingegrenzter und wir können besser improvisieren, ohne uns um andere Sorgen zu machen. Oft ist es auch wie eine Unterhaltung zwischen mir und Brian, in der andere Stimmen nur stören würden.“ Es braucht auch nicht mehr Stimmen. Die Aussagekraft von Amanda‘s stets bestimmend eingesetztem Organ vor der brüchig-wuchtigen Fassade des Piano-Schlagzeug-Cocktail, der durchgehend die perfekte Instrumentaldosis darstellt, ist einfach überwältigend. Nicht nur, dass das Konzept nicht gerade alltäglich erscheint, die Kombination von spartanischem Pop und Cabaret-Weisen in Hardcore-ähnlicher Herangehensweise birgt viele Überraschungen und feine Nuancen, die es auch ohne großen Spürsinn zu entdecken gilt. Auch wenn vielerorts das Verständnis fehlen mag, mit Sicherheit ist dieses Debüt eines der aussergewöhnlichsten, die dieses Jahr das Licht der Welt erblickt haben.



Aktuelles Album: The Dresden Dolls (8ft Records / Universal)


Weitere Infos: www.dresdendolls.com Foto: Ullrich Maurer

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