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Ben Harper - Diamonds are forever

Es ist viel passiert, seit Ben Harper zu "Will To Live" das letzte Mal Zeit fand, über seine Musik zu sprechen: Es gab eine weitere Scheibe mit den Innocent Criminals, "Burn To Shine", endlose Touren, eine Doppel Live CD, "Live From Mars", eine DVD, "Pleasure & Pain", zwei Scheiben mit den Blind Boys Of Alabama – "Spirit Of The Century" und "Higher Ground" sowie diverse Beiträge auf Samplern und Soundtracks, darunter eine Coverversion von "Strawberry Fields" der Beatles in dem Film "I Am Sam".

Gerade letzteres ist überraschenderweise kein Zufall, wie Ben einräumt. "Sean (Penn – der Star des Films) wollte mich gerne dabei haben und die Sache passte gut ins Konzept", erklärt Ben dieses Experiment, "und die Beatles sind ein großer Einfluss für mich. Denn es waren die Beatles – und nur die Beatles – die mich gelehrt haben, dass es O.K. ist, verschiedene Musikstile auf einer Scheibe zu spielen. Sie haben das als erste erfolgreich getan und das ist, was ich – auf meine Art – auch machen möchte. Ich weiß, die Beatles führt jeder als Einfluss an und es ist ein Klischee – es ist aber so. Ich meine, es ist cool John Lennon gut zu finden, weil er so ´alternative´ war, aber ich sage: Nein! Es sind die Beatles." Wenn man genau hinhört, kann man das auf der Scheibe auch heraushören. Es sind die kleinen Sachen, wie ein Mellotron hier und eine Harmoniefolge da. "Da hast Du aber ein gutes Ohr", schmunzelt Ben, "aber ich gebe es zu. Ja, man kann es hören." Ben ist denn auch einer der wenigen US-Musiker, die damit durch kommen, eben keine genrespezifische Musik zu machen, sondern sich auf allen möglichen Spielplätzen gleichzeitig zu tummeln. Eine Philosophie, die sich wie ein roter Faden durch Ben´s ganzes Wirken zieht. "Die Sache ist die", erklärt er das, "wenn Du in mir den Liebeslied-Autoren suchst, liegst Du falsch. Wenn Du in mir den Rocker suchst, den Reggae-Sänger, den sozio-politischen Kommentator, dann wirst Du feststellen, dass ich nicht eines dieser Dinge bin. Betrachte das Ganze, wie ein Kaleidoskop oder wie einen Quilt. Die Beatles waren nicht ´Revolution´, sie waren nicht ´Walrus´ und nicht ´Yesterday´- sie waren das Ganze. Und ich will das Ganze meiner Selbst sein. Wenn Du in mir etwas Singuläres suchst, wirst Du enttäuscht sein. Wenn Du mir aber erlaubst, alles zu sein, was ich bin, denke ich, dass du musikalisch sehr angetan sein wirst."
Und in der Tat gibt es auch auf der neuen Scheibe, "Diamonds On The Inside" wieder einiges zu entdecken – vom harten Funk über den sanften Folk und strammen Rock gibt es kaum etwas, dass Ben auslässt – natürlich immer angereichert mit seinem bluesigen, spezifischen Slidegitarrenspiel auf der geliebten Weißenborn Gitarre und seinem z.T. herzerreißenden Gesang. Und mit "With My Own Two Hands" gibt es auch wieder einen klassischen, originären Reggae-Track, der mehr als einen Moment lang an den seligen Bob Marley gemahnt. "Bunny Wailer spielt da mit", erzählt Ben, "ich wollte das Stück zunächst moderner machen – mit Synthesizern und so. Dann fiel mir aber auf, dass es diesen klassischen Bob Marley Vibe hat. Und dabei beließ ich es dann." Die neue Scheibe klingt extrem organisch – auch wohl aufgrund von Entscheidungen wie der gerade angeführten, die wohl einfach so aus dem Bauch heraus fielen. "Mann ich kann Dir sagen, diese Scheibe ist die Blaupause für die nächsten fünf", beschreibt Ben den Herstellungsprozess, "wir sind dieses Mal ganz ohne zu Proben ins Studio gegangen. Viele der Sachen sind live eingespielt, vieles ist in einem Take aufgenommen worden. Das war tierisch sage ich Dir. Ich habe meine Songs vorgespielt und die anderen haben mich beobachtet und etwas eigenes dazu gemacht, improvisiert – das war Großartig. Die ganze Scheibe ist sehr direkt, sehr rauh, sehr kantig. Das wollte ich aber." So ist also auch der knackige Sound zu erklären, der "Diamonds" auszeichnet? "Ich höre heutzutage anders als früher", meint Ben hierzu, "ich habe eine andere Geschmackspalette, aus der ich mich bedienen kann. Die wichtigste Lektion, die ich beim Musikmachen gelernt habe, ist die, mir Fehler zu erlauben – und diese nicht auszumerzen." Es ist nun nicht so, dass die neuen Tracks deswegen hakelig und unstimmig daherkommen – nur eben auch nicht glattpoliert, wie so oft bei Scheiben, die auf den Massengeschmack zugeschnitten sind. Der indes interessiert Ben eh nicht. Er hat eine andere Philosophie: Dass nämlich jedermann irgendwann einen Ben Harper Track zu hören bekommt, der einem gefällt. So gesehen, kann man natürlich frisch ans Werk gehen und tun und lassen, was man möchte. Das kommt z.B. sehr schön bei der zentralen Ballade des Albums "Amen Omen" zum Tragen, die besonders organisch und lebendig klingt. "Simplizität und Unvollkommenheit müsste man eigentlich feiern", lacht Ben, "darum geht´s auf der Scheibe. Ich habe alles rauh gelassen. Wir haben alle zusammen in einem Raum gesessen – zusammen die Kerzen gerochen, haben einander zugehört und das war es, worum es ging." "Amen Omen" klingt wieder nach einem jener universellen Slogans die Ben zuweilen ausgibt. "Danke – ich wünschte, das wäre bei den Interviews, die ich heute führe, deutlicher geworden. Ja, das ist für mich das zentrale Stück. Es beinhaltet für mich alles, was mir wichtig erscheint: Dunkel, und Hell, Gut und Böse, Ying und Yang, Hoch und Tief. Und musikalisch ist das an einem Stück aufgenommen worden. Ich spiele und singe dazu in einem einzigen Take. Das ist schon etwas besonderes." Jedenfalls auf diesem Level. Live wird Ben die Scheibe natürlich auch präsentieren. "Mann, ich kann es nicht erwarten mit dem neuen Material auf Tour zu gehen", freut er sich, "denn ich habe die neuen Sachen bislang nur akustisch live gespielt. Und es ist mir egal ob ich damit vor 500 oder vor 50.000 Leuten spiele." Seine Begeisterung hat sich der Mann jedenfalls bewahrt. Die lässt auch nicht nach, als die Zeit eigentlich schon abgelaufen ist, und die Promoterin zum Aufbruch drängt. Ben möchte einfach noch zwischen Tür und Angel einen Gedanken loswerden: "Ich bin so aufgeregt. Da gibt´s diese australische Radiostation, die wollen ´With My Own Two Hands´ spielen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich das erste Mal ´Imagine´ oder ´What´s Going On´ gehört habe. Das war für mich ein prägendes Erlebnis. Und stell Dir mal vor: Jetzt bin ich in der Position, so etwas bei anderen zu bewirken. Ist das nicht toll?"

Aktuelles Album: Diamonds on the Inside (Virgin/EMI)
Weitere Infos: www.benharper.net
© 01. März 2003  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Virgin
März 2003

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